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Damit auch Blinde das Monster «sehen» können

Ein Team um den Ustermer Verein Hörfilm Schweiz hat den Trickfilm Molly Monster für sehbehinderte und blinde Kinder aufbereitet. Mit ihrer Pionierarbeit wollen die Spezialisten aufzeigen, dass die sogenannte Audiodeskription auch bei Animationsfilmen möglich ist. SRF strahlt den Film am 24. Dezember aus.

Urs Lüscher und Susanne Fehr in ihrem «Studio»​​​​​​​. (Bild: Seraina Boner)

Damit auch Blinde das Monster «sehen» können

«Wir sind vor der Lagerhalle, Fabio kommt auf zwei Feuerwehrmänner zu, die auf einem Leichenwagen sitzen», sagt Lorenz Oehler. Urs Lüscher fragt nach: «Hört man hier die Schritte?» «Ja genau, sie treten wohl auf Scherben.» So klingt es, wenn Oehler, hier der Beschreiber, und Lüscher, der Zuhörer, eine Szene aus dem «Bestatter» für die Audiodeskription vorbereiten.

Die beiden sitzen gemeinsam mit Susanne Fehr, die alles Gesagte abtippt, rund um mehrere Bildschirme. Im ersten Durchlauf notiert Fehr die fortlaufend entwickelten Kommentare, später werden sie die Szene sowie die ganze Folge überarbeiten, bevor der Text zu einem Sprecher ins Tonstudio gelangt.

Trickfilme sind schwierig 

Während das Team des Ustermer Vereins Hörfilm Schweiz im Bereich Filme und Serien bereits viel Erfahrung besitzt, hat es mit «Molly Monster» soeben seinen ersten Trickfilm für Kinder bearbeitet. In Ted Siegers Film begleitet der Zuschauer Molly Monster auf ihrer wundersamen Reise durch das Monsterland. Das Werk, welches letztes Jahr am Internationalen Filmfestival in Shanghai den Preis für den besten Animationsfilm gewann, stellte das Team vor neue Herausforderungen.

«Trickfilme sind eines der schwierigsten Genres», sagt Lüscher, dessen Sehvermögen wegen einer Netzhauterkrankung nur noch zehn Prozent beträgt. Einerseits passiere alles wahnsinnig schnell, andererseits gebe es einen fast ununterbrochenen Geräuschteppich im Hintergrund. Das erschwere es, die beschreibenden Texte überhaupt einfügen zu können.

Erklären, was man sieht 

«Die Devise ist eigentlich, nicht über Dialog oder Geräusche zu sprechen, aber bei Wiederholungen kann eine Ausnahme gemacht werden», so der Ustermer. Auch habe man sich überlegen müssen, wie man Molly Monsters Aussehen am besten beschreibt. Nun heisst es zu Beginn des Films: Molly Monster ist ein Monster mit einem roten Stern auf dem Bauch und einer über dem Kopf schwebenden roten Schleife. Dadurch weiss auch das sehbehinderte Publikum, wie Molly gezeichnet wurde.

Zudem sei für Molly Monster bewusst ein Autorenteam ausgewählt worden, dessen Mitglieder selbst Eltern von kleineren Kindern sind. Fehr erklärt: «Bei einem Kinderfilm muss die Sprache klar und einfach sein, Eltern liegt das eher.»

Da Molly Monster der erste Schweizer Hörfilm für Kinder ist, habe man Schulen sowie Eltern betroffener Kinder bereits angeschrieben, um Rückmeldungen zur Umsetzung des Films zu erhalten. Schliesslich gehe es um den Grundsatz, dass Kultur für alle zugänglich sein müsse. «Dank einer Vereinbarung muss die Schweizerische Radio- und Fernsehgesellschaft SRG eine angemessene Menge an Hörfilmen bereitstellen», sagt Lüscher. 2018 werden 450 Stunden mit einem akustischen Kommentar versehen, bis 2022 soll die gesamte Hauptsendezeit zugänglich sein.

200 Stunden Arbeit

Dem Verein Hörfilm Schweiz ist zwar nichts von weiteren anstehenden Produktionen für Kinder bekannt, das Bedürfnis sei aber definitiv vorhanden. «Wir hoffen, dass wir mit Molly Monster beweisen können, dass ein Kinderfilm durchaus vertonbar ist», meint Lüscher. Würde die No-Billag-Initiative im kommenden März angenommen werden, hätte das gemäss Lüscher fatale Konsequenzen. «Dann würden wir weit zurückgeworfen.» Man wisse am Beispiel Deutschland, dass private Sender wenig bis kein Interesse an einer Zusammenarbeit hätten. Deswegen wird sich der Schweizerische Blinden- und Sehbehindertenverband klar gegen die Initiative äussern.

Rund 200 Arbeitsstunden hat das Team von Hörfilm Schweiz in die akustische Bildbeschreibung von «Molly Monster» investiert. Das Ergebnis ist am 24. Dezember um 13.10 Uhr auf SRF 1 zu sehen oder eben zu hören. Noemi Ehrat

Nicht nur Filme hörbar machen
 

Wo, wer, was? Diese drei Fragen müssen für Sehbehinderte bei einem Film zuerst geklärt werden. Dies geschieht durch eine gesprochene Beschreibung in den Dialogpausen. Was Sehbehinderten an visueller Information fehlt, wird somit durch die sogenannte Audiodeskription ergänzt.
 
Hörfilm Schweiz engagiert sich in den unterschiedlichsten Projekten. Denn nicht nur Filme, auch Theatervorstellungen, Kinovorführungen oder Kultur- und Sportveranstaltungen werden per Audiodeskription einem grösseren Publikum zugänglich gemacht. neh

 

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