Weihnachten – Gott nistet sich ein
Das Lebensgefühl, das viele Menschen unser Zeit erfasst hat, ist die Angst, dass ihr Leben ohne Bedeutung sein könnte, unberechenbaren Mächten und Strömungen ausgesetzt, getrieben und in Zwänge gebunden, die sie selber nicht mehr beeinflussen können. Viele leiden an Erfahrungen, dass das Leben wie ein grausamer Zufall ist, der Glück und Unglück wahllos verteilt. Menschen in Angst, sich selbst überlassen, spüren, dass sie die Probleme und Rätsel ihres Lebens und erst recht nicht die Wirrnisse des Weltgeschehens lösen können.
Hilft da Weihnachten weiter? Oder verstärkt dieses Fest mit seinen Traditionen und Gebräuchen, den familiären und kirchlichen, den religiösen und den weltlichen Feiern nicht diese Angst, dass die Stunden und Tage zwischen einem zu Ende gehenden und einem neuen Jahr etwas vorzaubern könnten, das einen dann sehr schnell ernüchtert und entzaubert wieder auf den Boden holt: Christ, der Retter, ist eben nicht da, Gott offenbart sich nicht in dieser Welt, wie es in einem Zeitungskommentar hiess. Ein Satz, der so gesprochen einen kalten Schauder auslöst, weil sich darin soviel Resignation und Angst ausdrückt.
Und doch müssen wir ihn auch in den festlichen Stunden von Weihnachten ernst nehmen, weil er der notvolle Seufzer vieler ist, die sich nicht mehr daheim fühlen, keine Heimat mehr haben, obdachlos sind, getrieben und vertrieben, familiär, national oder psychisch entfremdet, keine bewohnbare Umgebung und Beziehung mehr haben – für Leib und Seele nicht.
Die christliche Botschaft des Weihnachtsfestes ist das unablässige Sagen, dass Gott in die Welt gekommen ist, dass er sich unter uns gezeigt hat, nicht nur flüchtig, wie im Vorübergehen, sondern indem er unter uns wohnte, eine Wohnung gesucht, Platz bei uns genommen und menschliches Leben und Leiden, Geborenwerden und Sterbenmüssen geteilt hat. Wenn es auch stimmt, dass man Gott sei Dank nicht alle Erfahrungen, die es im menschlichen Leben gibt und die unsere Welt erschüttern, selbst machen muss, um «von heute» zu sein.
Gott wollte diese Erfahrung machen, damit er ganz dort ist, wo er sein will: die Erfahrung, bei den Menschen als Mensch zu sein. Und anders konnte und wollte er diese Erfahrung nicht machen: als Mensch ist er erschienen, das Wort, die Ansage und Zusage seiner Liebe und Nähe zu den Menschen ist Fleisch, Bruder und Mensch geworden, hat Hand und Fuss und Gesicht bekommen. Aus diesem Geschehen leben wir. Wir nehmen seine Erscheinung wahr, indem wir sein Wort nachsprechen und es weitersagen. Wir machen seine Offenbarung wahr, indem wir sein Tun nachmachen. Wir machen die Zusage des Lebens wahr, indem wir seinen Glauben nachvollziehen.
Gott hat seinen Wohnsitz bei uns Menschen, wohnt unter den konkreten Bedingungen unserer Geschichte und den Notwendigkeiten menschlichen Lebens. Und die Weihnachtsbotschaft geht noch weiter: Gottes Wohnen lädt uns Menschen ein, mit ihm zusammenzuziehen. Er ist da. Er umfriedet unser Leben, gewährt uns Platz und Raum, schafft Vertrautheit und Ordnung. Führt uns zueinander im Vertrauten. Spricht zu uns aus den Dingen und Menschen, lässt Freiheit und Chance zum Wachsen und Reifen und führt doch zueinander. Und in den Mietverhältnissen unseres Lebens, in den nie ganz gesicherten Besitz- und Eigentumsverhältnissen, schafft er schon Bleibendes, indem er sich bei uns einlädt, uns bei-wohnt, wie das nur Liebende können, und uns dadurch erfahren lässt: Ja, du Mensch bist geliebt, umarmt, gehalten.
Auch zu Weihnachten wissen wir: Licht und Dunkel wechseln in unserem Leben wie der Tag und die Nacht, Unsicherheiten angesichts unserer Zukunft lösen Erfahrungen von sicherer Zufriedenheit ab. Wir dürfen uns aber mit dem Weihnachtsfest trösten und trösten lassen, dass Gott in Jesus Christus mit uns zusammenbleibt und über uns hinaus alle Dimensionen unseres Daseins kennt – aus der Erfahrung, in die er eingestiegen ist, seit er unter uns wohnt, seit er unter uns Mensch wurde.
An seiner Erfahrung gibt er uns Anteil, nicht zwingend und unter Druck, sondern einladend herzlich: Aus seiner Fülle dürfen wir empfangen, Gnade über Gnade, Leben über Leben, Freude über Freude. In den dunklen Rätseln unserer Zeit und unseres Lebens, in den Zerwürfnissen und Schrecken dürfen wir vertrauen: Dass sich unsere Unheilsituation zum Heil wendet, dafür ist Gott Mensch geworden; dass wir wissen, wo wir bleiben dürfen, dafür hat er sich bei uns eingenistet für immer.
