Das Mobiltelefon ist des Publifons Tod
Früher verwandelte sich Clark Kent in Telefonkabinen zu Superman, Harry Potter nutzte sie, um die Zauberwelt zu betreten und zum Telefonieren waren sie auch zu gebrauchen. Heute geht kaum noch jemand für ein Telefonat in eine Kabine. Laut Swisscom ist der Betrieb der Publifone grösstenteils nicht kostendeckend und wird demzufolge schrittweise eingestellt. Mit dem Wegfall des Grundversorgungsauftrages des Bundes für Telefonkabinen ab 1. Januar 2018 kann die Swisscom über deren Schicksal frei entscheiden.
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(Grafik: Andreas Steiner)
Die letzten 35 öffentlichen Telefone
Gemäss Angaben der Swisscom befinden sich im Zürcher Oberland nur noch 35 Publifone. Dass ihr Abbau kommen wird, ist sicher. So schreibt Mediensprecherin Annina Merk: «Mittelfristig – in den nächsten paar Jahren – wird das Publifon ganz verschwinden.» Die Swisscom arbeite zurzeit an der Detailplanung für den Rückbau der Publifone. Die Gemeinden würden jeweils vorab informiert werden, schreibt Merk.
Der künftige Rückbau hänge von mehreren Faktoren ab, wie zum Beispiel der Nutzung oder Entwicklung im Telefonnetz, und dem Grad an Vandalismus. Die Swisscom modernisiere keine Publifone mehr.Über die Kosten der kommenden Demontagen will die Swisscom keine Angaben machen.
3500 Franken für eine Kabine
Eine Möglichkeit für einen Verbleib der Kabinen wäre der Kauf von privater Seite her. Die Swisscom erklärt in einem Schreiben, dass für eine leere Telefonzelle 1900 Franken zu bezahlen seien, dazu kämen nochmals 1600 Franken für die Montage am gewünschten Ort. Für die Gemeinden wären die Kabinen kostenlos, allerdings müsste die Swisscom erst die ganze Technik entfernen. Eine Umnutzung der Telefonkabinen ist möglich. In Thalwil beispielsweise wird heute eine Kabine als kleine Bibliothek genutzt. In der Gemeinde Pfäffikon ist das keine Option: «Für eine Umnutzung der Kabinen sehen wir keinen Anlass», sagt der stellvertretende Gemeindeschreiber Bennie Lehmann.
Es macht keinen Sinn Don-Quijote-mässig zu kämpfen, um die Infrastruktur der Telefonkabinen aufrecht zu erhalten, wenn alle Bürger ein Smartphone besitzen.
Markus Gossweiler, Gemeindeschreiber Maur
Weniger als ein Anruf pro Tag
Der Egger Gemeindeschreiber Tobias Zerobin trauert dem Publifon nicht nach: «Bei uns in Egg war es nie ein Thema, dass man sich gegen die Demontage des Apparates wehrt. «Von der einzigen Telefonkabine wird kaum noch ein Anruf pro Tag gemacht.»
Die Gemeinde Mönchaltorf hat 2013 ihr letztes Publifon bei der Post «beerdigt». Für Harry Hungerbühler, Leiter der Bau- und Liegenschaftenverwaltung, sind Telefonkabinen «ein Relikt vergangener Tage».
Warten auf die Swisscom
In den Gemeinde Maur wartet man das Schreiben der Swisscom ab, welches das Schicksal der Publifone besiegeln wird. «Die Swisscom machte bisher noch keine Ankündigung, unsere Publifone abzubauen», so Gemeindeschreiber Markus Gossweiler. «Es macht keinen Sinn Don-Quijote-mässig zu kämpfen, um die Infrastruktur der Telefonkabinen aufrecht zu erhalten, wenn alle Bürger ein Smartphone besitzen.»
In Uster demontierte die Swisscom in diesem Jahr gleich zwei Kabinen: eine beim Bahnhof und eine weitere bei der Post an der Gerichtsstrasse. Die letzte steht bei der Post an der Aathalstrasse.
Wetzikon hat die meisten
Wetzikon ist mit fünf verbleibenden Publifonen die Hochburg der Münzapparattechnologie im Zürcher Oberland. Auf den bevorstehenden Abbau angesprochen, antwortet Stadtschreiber Marcel Peter: «Die Stadt Wetzikon bedauert den Abbau, kann ihn aber aus ökonomischer Sicht nachvollziehen.» Heute sei fast Jedermann mit einem Handy ausgerüstet, deswegen sei der Verlust auch verschmerzbar, so Peter.
Auf dem Gemeindegebiet von Hinwil befindet sich noch eine Telefonkabine. Gemäss Gemeindeschreiber Roger Winter sind für deren Betrieb die SBB zuständig. Diese schreiben auf Anfrage: «Der Rückbau der Publifone auf dem Areal der SBB erfolgt bis Ende 2019.»
Publifon ist der offizielle Namen für ein öffentliches Telefon. Die Swisscom betreibt heute noch rund 3100 öffentliche Apparate. Zudem werden weitere 2800 private Publifone durch die Swisscom im Auftrag von Dritten betrieben. Solche Betreiber sind zum Beispiel Hotels, Spitäler, Restaurants oder Schulen.
Das erste Schweizer Publifon ging 1881 bei der Zürcher Fraumünster-Post in Betrieb. Bis zu seiner Blütezeit im Jahr 1995 standen rund 58‘000 Apparate in Betrieb. Heute betreibt die Swisscom noch 3100 Publifone, die Gesprächszeit über diese ging von 2004 bis 2016 um 95 Prozent zurück. 90 Prozent aller Telefonkabinen in der Schweiz sind defizitär.
Diametral zum Publifon entwickelte sich das Mobiltelefon. Die Gesprächszeit über Smartphones beträgt heute weltweit 5787 Jahre pro Tag und 136 Milliarden SMS und Kurznachrichten über Apps werden täglich verschickt. dam
