Jagd nach dem rosaroten Ball
Bidon an Bidon, insgesamt 18 Stück mit Sirup oder Eistee gefüllt, stehen säuberlich aufgereiht vor der Eingangstür zur Turnhalle Buchholz. Drinnen sind 18 Kinder der sechsten Primarschulklasse ‑ ein wildes Durcheinander aus Rennen, scheues Herumstehen oder kurzes Tuscheln. Einzige Konstante ist das gelbe T-Shirt, das alle tragen. Am Freitag steht für die ältesten der 5 Schulklassen am «Sport-und Fun-Camp Uster» Smolball auf dem Programm, eine Mischung aus Tennis und Unihockey.
Roger Federer mit Gregory Gaultier vereint
Fabio Trunfio ist die ganze Herbstferienwoche Smolball-Trainer, -Historiker und -Schiedsrichter für die Kinder. Er sagt: «Smolball erfordert Dynamik, Wendigkeit und ein schnelles Handgelenk. Der Prototyp eines Smolballspielers ist eine Kreuzung aus Tennisspieler Roger Federer und Squashspieler Gregory Gaultier.»
Weder Dynamik noch Wendigkeit ist gefragt, als Trunfio den Sportmorgen mit einer Lektion Geschichte beginnt. Immerhin ist bei den Kindern erstmal auch kein schnelles Handgelenk zum Mitschreiben notwendig, das Historische ist schnell erzählt. Die Sportart ist aus den 70er-Jahren, der Erfinder heisst Janusz Smolinski, nach dessen Namen ist der Sport Smolball benannt.
Fabio Trunfio wird zum Trainer als er einen Auszug aus dem Regelwerk erzählt. Zentral ist die Zahl vier: Vier Ballberührungen mit dem Schläger, vier Schritte wenn der Ball balanciert wird, vier Spieler spielen auf dem Feld gegen vier andere, vier Meter muss die Entfernung der Gegner bei Abstoss und Eckball sein und vier Strafminuten muss ein Spieler absitzen.
Handyvideo: David Marti
Von Holz zu Graphit
Nach den Anweisungen des Trainers prellen, passen und schiessen die Kinder. Ihr Sportgerät ist ein eigens für diese Sportart konzipierter Schläger aus Graphit mit einer Sicherheitsschlaufe fürs Handgelenk. Der rosa Ball besteht aus Schaumstoff mit einer speziellen Beschichtung und hat einen Durchmesser von circa zehn Zentimetern. Begonnen hat Erfinder Janusz Smolinski mit Holztennisschlägern und Tennisbällen in Polen. In der Schweiz hat er dann die Idee des Mannschaftssports weiterverfolgt und immer weiter an der Ausrüstung getüftelt. Auch die Tore sind eigens für den Sport angefertigt worden. Sie ähneln zwar Unihockeytoren, sind aber grösser.
Der Goalie bin nid ig
Schiedsrichter Fabio Trunfio ruft nach rund Dreiviertelstunden Aufwärmen und Training die Kinder zusammen und erklärt weitere Regeln, um die Kinder auf das Spiel vorzubereiten. «Der Goalie kann fix im Tor stehen oder auch als Feldspieler eingesetzt werden», erklärt Trunfio.
«Du bist Goalie!» ruft ein Junge einem anderen zu. «Nein sie», sagt der Junge und zeigt auf das kleinste Mädchen der Gruppe. «Im Torraum dürfen die Feldspieler nur zwei Körperkontakte zum Boden haben», sagt Trunfio. Ein Kind ruft: «Dann mache ich einen Handstand!» — Gelächter. Trunfio erwidert: «Wenn du so auf das Tor schiessen kannst, gerne.»
Los geht’s
Dann geht das Spiel mit einem Einwurf vom Schiedsrichter am Mittelpunkt los. Schläger klatschen aneinander. Der Ball fliegt in hohem Bogen durch die Halle, rollt auf dem Boden oder wird mit Vorhand und Smash in Richtung Tor gepeitscht.
Sehenswerte Tore fallen. Kaum Fouls, der Respekt vor dem gegnerischen Graphit-Schläger ist recht gross. Vier Kinder spielen gegen vier Kinder, dann schickt Trunfio acht andere Kinder auf das Feld. Die Auswechslung löst grosses Gemecker bei einigen Kindern aus. Angekündigte Trinkpausen werden mitten im Spiel gar nicht goutiert und immer wieder auf Verlangen der jungen Spieler hinausgezögert. So bleiben gegen Mittag die Bidons gut gefüllt, der Durst nach Spass war einfach grösser.
