Wie Claudia aus Dürnten Bauer Sepp das Leben rettete
Es ist eine der schönsten Schweizer Liebesgeschichten dieses Sommers. Und obwohl sie vor der Kamera und tausenden von Fernsehzuschauern ihren Lauf nahm, wirkt sie echt und aufrichtig. Die Rede ist von Bauer Sepp und seiner Claudia. Beide suchten bei der Kuppel-Sendung «Bauer, ledig, sucht …» auf 3+ ihr spätes Liebesglück.
Auch wenn sie dies anfangs gar nicht beabsichtigten. «Eigentlich wollte ich nur mal nachfragen, wie das mit der Anmeldung funktioniert und plötzlich war ich Kandidatin», erzählt die 61-jährige Claudia aus Dürnten. Auch für Sepp kam die Teilnahme überraschend. Er wisse bis heute nicht, wer ihn angemeldet hat. Und obwohl alles so unverhofft kam, sind die beiden glücklich mit dem Lauf der Dinge. «Für mich ist die ganze Sache sehr positiv ausgegangen», sagt Sepp und tätschelt Claudias Hand. Beide sitzen auf einem Holzbänkchen vor Sepps Bauernhaus in Bürglen im Kanton Uri.
Leben in zwei Welten
Die Dreharbeiten von «Bauer, ledig, sucht …» sind vorerst zu Ende. Claudia reiste zwar nach dem Dreh ab. Aber sie kehrte immer wieder zurück. Gerade verbringt sie ein paar freie Tage bei Sepp. «Länger geht es leider nicht. Ich arbeite schliesslich noch», sagt die Pflegefachfrau. Claudias Dilemma. «Im Moment lebe ich in zwei Welten.» Sie gehe nicht gerne nach Hause, wenn sie ein paar Tage in Bürglen verbracht habe. Aber die Pflicht rufe. «Ich besitze ein Flarzhaus in Tann. Das kann ich nicht einfach so aufgeben.» Und auch mit dem Job sei das nicht so einfach. «Ich überlege, mich früh pensionieren zu lassen. Doch das wäre auch erst in ein, zwei Jahren möglich», sagt Claudia.
Wer zieht zu wem? Wie Bauer Sepp und Claudia ihre gemeinsame Zukunft sehen. (Video: Simon Grässle)
Ob sie sich wirklich vorstellen kann, ganz zu Sepp zu ziehen, will sie diesen Winter herausfinden. «Der Winter hier oben kann garstig sein, Sonne hat es kaum. Mit dem Auto kommt man schlecht zum Hof und es gibt keine Zentralheizung.» Sie wisse nicht, ob sie damit zurecht komme. «Wir hätten uns schon viel früher kennenlernen sollen», wirft Sepp ein. Claudia nickt.
«Wir hätten uns schon viel früher kennenlernen sollen.»
Bauer Sepp
Die beiden schlendern zur Ziegenweide, die sich oberhalb des Wohnhauses befindet. «Gitzi, Gitzi. Kommt, Geisseli, kommt», ruft Sepp und betritt die Wiese. Seine Augen strahlen. Die Ziegen springen den steilen Hang hinunter. «Bevor ich Claudia verlöre, würde ich zu ihr nach Tann ziehen», sagt er. Sein Blick schweift über die Ziegen, die nun eine Traube um ihn bilden. «Ja Max, du bist ein feiner», sagt er und streichelt seinen ältesten Geissbock. «Wären da nicht die Viecher.» Sich von den Ziegen zu trennen, würde ihm schon schwer fallen.
Wenn er tatsächlich ins Oberland zöge, müsste er zudem jemanden finden, der seinen Hof übernimmt. Auch das ist nicht so einfach. «Meine Tochter und ihr Mann führen einen Hof im Muotothal. Meine Enkel gehen da zur Schule und haben ihre Gspänli.» Er wolle die Familie nicht aus ihrer gewohnten Umgebung reissen. Zudem würde es ihm in Tann schon ein bisschen langweilig werden so ganz ohne Hof. «Kannst du den Zaun halten?», fragt er Claudia. Er hebt die Plastikeinzäunung hoch und befestigt sie mit einem Stock.
Familientreff an der Chilbi
Dass die beiden zusammenbleiben wollen, ist sicher. Aber, wie sie es genau anstellen sollen, sei noch offen, sagt Claudia. In den letzten Monaten sind die beiden zusammengewachsen. Sie verbrachten viel Zeit miteinander, in Bürglen und in Tann, haben Ausflüge ins Tessin und in Uri unternommen. Und ein Familientreffen gab es auch schon. «An der Dürntner Chilbi sind wir am Sonntagsbrunch zusammengekommen, Sepps Tochter mit ihrer Familie, mein Sohn und meine Tochter mit Anhang», sagt Claudia.
Gemeinsam Geburtstag gefeiert hat das Paar auch schon. Die beiden sind im Restaurant Steinbock in Rapperswil essen gegangen. «Wir haben beide am 7. August Geburtstag», sagt Claudia und lacht. Das habe zu Missverständnissen geführt. «Als ich ihn fragte, wann er denn Geburtstag habe, sagte er am 7. August.» Sie habe ihn berichtigen wollen. «Nein nicht meinen, sondern deinen will ich wissen.»
Streitpunkt Abwasch: Bei diesem Thema sind sich Sepp und Claudia uneinig. (Video: Simon Grässle)
Claudia und Sepp haben aber nicht nur das gemein. Beide leiden an Diabetes. Claudia hat die Diagnose seit einigen Jahren. Bei Sepp wurde die Zuckerkrankheit erst vor Kurzem festgestellt. «Ich merkte aber schon lange, dass etwas nicht stimmt. Ich verdrängte es und ging nie zum Arzt», sagt der 73-Jährige.
«Es war fünf vor zwölf»
Während der Dreharbeiten zu «Bauer, ledig, sucht …» schlug Sepps Körper Alarm. «Ich fühlte mich eines Tages so schwach. Ich konnte nicht einmal meine Geissen richtig versorgen.» Er erlitt einen Schwächeanfall. Die Dreharbeiten wurden abgebrochen. Claudia schickte ihn zum Arzt. Der Arztbesuch erwies sich als dringend. «Ich hatte viel zu hohen Zucker und stand kurz vor einem Herzinfarkt», erzählt Sepp. Der Arzt schickte ihn ins Spital nach Altdorf, von dort brachte man ihn nach Luzern ins Spital. Der Geissenbauer musste eine Woche lang bleiben. Seine Herzkranzgefässe waren stark verengt und mussten mit Kathetern gedehnt werden. «Es war fünf vor zwölf. Ohne Claudia wäre ich wohl schon in die Geschichte eingegangen und bei den Engelchen oben», sagt er und streichelt Hund Fibs, der sich zu den beiden aufs Bänkchen gesellt.
«Ohne Claudia wäre ich wohl schon in die Geschichte eingegangen und bei den Engelchen oben.»
Bauer Sepp
Sepp hat sich unterdessen erholt und fühlt sich viel besser. Zu verdanken hat er auch das seiner Claudia. «Immer wenn sie bei mir war, sind meine Zuckerwerte danach viel besser.» Das liege an ihrer Küche. «Ich achte darauf, dass ich Speisen zubereite, die den Blutzuckerspiegel nicht schnell ansteigen lassen.» Deshalb tischt sie Bauer Sepp etwa Vollkorn- statt Weissmehlteigwaren auf. Brot gebe es nur noch dunkles. Und weil beide gerne Süsses haben, backt Claudia Kuchen mit Birkenzucker. «Das ist eine gute Alternative zum normalen Zucker», sagt sie. Die beiden sitzen unterdessen am Küchentisch. Draussen hat es zu regnen begonnen. Sepp hantiert mit seinem Sackmesser und schneidet einen Schoggikuchen in Viertel. «Er benutzt immer sein Sackmesser, nie ein normales», sagt Claudia. Sepp nickt und leert einen Schluck Kirsch in seinen Kaffee.
Nerviger Sparsinn
So harmonisch wie an diesem Tag geht es bei den beiden immer zu. Mit einer Ausnahme. «Wenn es um die Geschirrspülmaschine geht, sind wir uns nicht einig. Sepp mag das Ding gar nicht», sagt Claudia. Er wasche das Geschirr lieber von Hand und wärme das Wasser dafür in einer Pfanne auf einer noch warmen Herdplatte. «Dieser Sparsinn nervt mich etwas. Manchmal wartet er mit Abwaschen bis genügend Teller dreckig sind.» Bevor die Abwaschdiskussion aber ausufere, gebe er lieber nach, sagt Sepp. «Wenn sie unbedingt die Geschirrspülmaschine benutzen will, lasse ich sie machen.»
«Wenn es um die Geschirrspülmaschine geht, sind wir uns nicht einig.»
Claudia aus Tann
Sich aufzuregen in dem Alter bringe sowieso nichts. Die Zeit mit seiner Claudia will er besser nutzen. «Ich muss mir Sorge tragen, damit Claudia und ich noch lange zusammen sein können.» Das sei sein grösster Wunsch: «Dass Claudia und ich noch ein paar Jahre gesund sind und wir die Zeit zusammen geniessen können.»
Sepp beteuert Claudia seine Liebe. (Video:Simon Grässle)
Die zwei haben auch noch einiges vor. «Wandern wollen wir und viele Ausflüge machen. Ich will ihm meine Heimat Basel zeigen», sagt Claudia und lächelt Sepp an. Der legt seinen Arm um ihre Schulter. «Genau, darauf freue ich mich schon. Und auf New York freue ich mich auch.» Eine Reise in den Big Apple haben die beiden auch geplant. Claudia lebte zwei Jahre lang in New York. «Ich würde gerne meine Freundinnen besuchen.» Sepp nimmt einen Schluck Kaffe und sagt: «Das machen wir.»
