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Vorlesen auf japanische Art

Seit acht Jahren bietet Ruth Padrutt mit ihrem Team in der Stadtbibliothek Uster eine besondere Form des Vorlesens an: Kamishibai aus Japan. Das Erzähltheater fördert die Sprachentwicklung und die Lesekompetenz bei Kleinkindern.

Mit der Hilfe von Bildtafeln erzählt Bibliotheksmitarbeiterin Claudine Hellbach eine Meerschweinchengeschichte. (Bild: Tijana Nikolic)

Vorlesen auf japanische Art

Es ist Mittwochnachmittag, schulfrei für die Ustermer Schüler, und es herrscht Hochbetrieb in der Stadt- und Regionalbibliothek Uster. Jeder scheint sich mit genügend Lesestoff für die kommenden, verregneten Tage eindecken zu wollen. Ein vielversprechender Glockenklang erweckt die Kinder und Eltern aus ihrer intensiven Suche nach spannenden Büchern. Claudine Hellbach richtet sich in der Leseecke mit einem Holzrahmen ein und weckt die Aufmerksamkeit der Bücherwürmer. 

Mit dem Velo von Dorf zu Dorf

Sie öffnet die zwei Türchen des Rahmens, der mit einer roten Schleife zusammengebunden ist und legt den Blick auf Bildtafeln eines Bilderbuchs frei. Das Kamishibai Erzähltheater ist wie jeden ersten Mittwoch und Samstag im Monat zum interaktiven Vorlesen bereit. Rund 20 kleine Leseratten, teilweise begleitet durch ihren Eltern, im Durchschnittsalter von vier Jahren nehmen ihren Platz auf den höhenversetzten Bänken für das ersehnte Vorlesen ein. 

«Kamishibai ist eine lange, japanische Tradition von Bild- und Erzähltheater», sagt Ruth Padrutt, langjährige Bibliothekarin und im Veranstaltungsteam der Stadt- und Regionalbibliothek Uster. Es beruhe auf der Idee eines von Ort zu Ort reisenden Erzählers, der seine Geschichten zu bestehenden Bildern vortrug. Die Bilder seien ursprünglich auch bewegt gewesen. «Ich stelle mir dabei Personen auf Velos vor, die so ihr Erzähltheater von Ort zu Ort brachten», so die 62-Jährige. Gegen 1930 seien die ursprünglich animierten Figuren auf grossen Papierbogen «erstarrt» und damit war das heutige Kamishibai erfunden. Tatsächlich reisten noch bis in die 50er Jahre Tausende solcher Geschichtenerzähler in Japan mit dem Fahrrad durch die Dörfer und Städte. 

Ruhiger als das Kasperlitheater

Mittlerweile ist das Kamishibai in der Bibliothek in vollem Gange: Die heutige Erzählerin Claudine Hellbach hat sich für eine Geschichte über Meerschweinchenfreunde, die an einem Wettbewerb zum talentiertesten Meerschweinchen mitmachen wollen, entschieden. «Wir sind vier Erzählerinnen und suchen uns jeweils eine Geschichte aus, die uns am besten gefällt», sagt Padrutt. Teamkollegin Hellbach lässt ein Meerschweinchen- und Leopardenstofftier in der Runde herumgehen und stellt immer wieder Fragen zu den Bildtafeln der Geschichte, die sie ständig im Holzrahmen auswechselt. Die Kinder machen fleissig mit und freuen sich an der  Interaktion. «Die Veranstaltung mit Kamishibai lässt sich so zu einer kleinen Theateraufführung gestalten», so Padrutt. Es sei ruhiger als ein Kasperlitheater und habe nicht nur einen reinen Unterhaltungswert. 

Förderung der Sprachentwicklung

Die Stadtbibliothek Uster nutzt die Form des Kamishibai, um Kinder für Bücher zu begeistern und Eltern zu animieren, Geschichten zu erzählen. «Dies ist wichtig für die Sprachentwicklung und auch zur Förderung der Lesekompetenz. Das war unser Hauptmotiv, als wir die Veranstaltung ins Leben gerufen haben», sagt Padrutt. Die benötigten Bildtafeln werden von Bibliomedia aus Solothurn zur Verfügung gestellt. «Wir können aus rund 120 Geschichten aussuchen. Ich persönlich bevorzuge Klassiker wie Frau Holle oder Hans im Glück», sagt Padrutt. «Märchen kommen auch immer gut an. Aber auch Geschichten mit Lerneffekten, wie «Reisen mit der SBB» seien verfügbar. Ausserdem seien die Geschichten in verschiedenen Altersstufen für die Mittel- und gar Oberstufe vorhanden. Die Nachfrage in der Stadtbibliothek nach Kamishibai sei gross: «Wir bieten das Erzähltheater bereits seit über acht Jahren erfolgreich an und hoffen auf viele weitere Jahre.»

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