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Warum die Schweiz für Araber eine Oase ist

Matthias Albrecht holt arabische Touristen in die Schweiz. Der 39-Jährige ist in Weisslingen aufgewachsen und wohnt zur Zeit in Dubai. Von dort aus versucht er arabische Produktionsfirmen davon zu überzeugen, Fernsehserien in der Schweiz zu drehen - mit Erfolg.

Khoudour al Harbi aus Saudiarabien kann nicht verstehen, warum es in der Schweiz Leute gibt, die den Gesichtsschleier verbieten wollen. (Bild: Copyright SRF), Unterschriftensammlung für die Volksinitiative «Ja zum Verhüllungsverbot» in Wil SG.(Bild: Copyright SRF), Familie Sadat aus Bahrain beim Picknick am Brienzersee. (Bild: Copyright SRF), Familie El Harbi aus Saudiarabien auf Halal Cruise auf dem Brienzersee. (Bild: Copyright SRF), Schauspielerin Amel auf Werbereise in der Schweiz. (Bild: Copyright SRF), Touristinnen mit Niqab und Glace in Interlaken (Bild: Copyright SRF)

Warum die Schweiz für Araber eine Oase ist

Grüne Wiesen und Wälder, blaue Seen und die frische Bergluft: Matthias Albrecht vermisst in Dubai, was viele Araber aus den Golfstaaten in ihren Ländern vermissen, wie er sagt. In Weisslingen aufgewachsen, lebt Albrecht seit vier Jahren im kleinen Emirat und ist dort für Schweiz Tourismus als Länderchef für die Golfstaaten verantwortlich. «Araber lieben die Schweizer Natur und verbringen gerne ihre Ferien hier. Für sie ist die Schweiz eine Oase, die ein gutes Leben verspricht», sagt er. 

Albrecht macht Werbung für die touristische Schweiz, wie er sagt. Mit Erfolg: In den letzten zehn Jahren sind laut Schweiz Tourismus die Hotellogiernächte von Gästen aus den Golfstaaten – zu denen Saudi-Arabien, Bahrain, Katar, Kuwait, Oman und die Vereinigten Arabischen Emirate gehören – um 280 Prozent gewachsen. Touristen von dort geben mit 430 Franken pro Tag 250 Franken mehr als andere ausländische Touristen aus. Darum geht es auch im Beitrag «Verschleiert – Arabische Touristen in der Schweiz», der heute Abend ausgestrahlt wird (siehe Box).

«Prestige-Land» Schweiz

Ein erfolgreiches Werbemittel sind arabische Fernsehserien, die in der Schweiz gedreht werden – ein Verdienst von Matthias Albrecht. Er versucht, arabische Produktionsfirmen von der Schweiz als Drehort zu überzeugen. Dafür bezahlen Schweiz Tourismus und ihre Partner den Filmteams Flüge, Hotels und Verpflegung. Folgen für fünf Serien sind hier bereits entstanden. Zur Zeit seien in Zürich und Bern die Arbeiten für weitere fünf Folgen der saudischen Seifenoper «Saudiyat» in Gange. 

Das Erfolgsrezept ist laut Albrecht einfach: Die Seifenopern werden hauptsächlich während des Ramadans ausgestrahlt, dann haben viele Araber frei und Zeit fernzusehen. Die Serien sprechen vor allem Frauen an. «Sie entscheiden, wohin die Familie in die Ferien fliegt», sagt Albrecht. «Die Schweiz ist ein Prestige-Land. Wer Geld hat, fliegt in die Schweiz. Ein schöner, sauberer Ort, an dem alles funktioniert», sagt der 39-Jährige. 

Initiative für Verhüllungsverbot kein Thema in Golfstaaten

Vor knapp zwei Wochen ist die nationale Volksinitiative «Ja zum Verhüllungsverbot» mit 106’000 gültigen Unterschriften eingereicht worden, im Tessin gibt es bereits ein solches Verbot. Ob arabische Touristen die Schweiz als Feriendestination auch noch lieben, wenn die hiesigen Stimmbürger Ja dazu sagen, kann Albrecht nicht abschliessend beantworten. Beispielsweise könne die Situation in Österreich beobachtet werden, wo ab dem 1. Oktober ein Burkaverbot gilt. Generell nimmt Schweiz Tourismus als Tourismusmarketingorganisation zu politischen Diskussionen keine Stellung. Albrecht sagt nur so viel: «Zur Zeit ist die Initiative kein Thema in den Golfstaaten. Das könnte sich aber ändern, wenn die Initiative angenommen würde und internationale Medien darüber berichten sollten.» 

«Die Abstimmung hat aber keinen Einfluss auf meine tägliche Arbeit am Golf», sagt Albrecht. Er relativiert die westliche Einschätzung der Situation in den Golfstaaten. «Nicht einmal in Saudi-Arabien gibt es ein Obligatorium für Vollverschleierungen.» Viele Frauen würden zwar den Nikab tragen, der nur die Augen freilässt. Viele aber auch den Hidschab, das Kopftuch, das unter dem Kinn verknotet wird. «Saudi-Arabien ist ein konservatives Land. Aber auch hier ist ein Liberalisierungsprozess im Gange», sagt Albrecht. So dürfen Frauen seit kurzem Sportstadien besuchen und bald Auto fahren. Das Argument der Befürworter des Verhüllungsverbots – «wir müssen uns auch anpassen, wenn wir andere Länder besuchen» – zählt für ihn nicht. «In vielen Golfstaaten sind westlich orientierte Ferien ohne Kleider- und Verhaltensvorschriften problemlos möglich.»

Mühsame Bürokratie

Das sei auch in Dubai, wo Albrecht mit seiner Frau und den beiden Kindern wohnt, kein Problem. «Wir führen ein sehr westliches Leben hier. Der Unterschied zur Schweiz ist nicht riesig», sagt er. 90 Prozent der Stadtbevölkerung seien Ausländer, die Expat-Gemeinschaft sei sehr gross – ein Vorteil, wie der Marketing-Experte findet. «Wir können die schönen und die mühsamen Sachen teilen.» Albrecht mag zum Beispiel, dass Dubai ständig in Bewegung ist – «wie New York in den 20er-Jahren». Er mag die internationale Atmosphäre der Stadt und die Nähe zum Meer. Die Kehrseite der Medaille: «Die Bürokratie kann mühsam sein.» 

Spricht man mit Albrecht, stellt sich schnell heraus, dass er Optimist ist. Denn sogar der Bürokratie gewinnt er Positives ab. «Eintauchen in die Kultur», nennt er es. Er sei jemand, der sehr gerne reist – ein Grund für seine Arbeit, die ihn nach drei Jahren in Deutschland an den Persischen Golf geführt hat. Doch beim Reisen müsse man sich nicht wirklich auf andere Kulturen einlassen. «Wenn man aber in einem anderen Land lebt, schon. Dann weiss man nachher, was es heisst, wenn man ein Auto einlösen will.» 

Albrecht spricht kaum Arabisch. Das sei auch nicht zwingend notwendig. Die Umgangs- und Verhandlungssprache sei Englisch. Seine Kinder lernen Arabisch in der Schule, sie sprechen inzwischen besser als er. 

Stadt ohne kulturelles Erbe

Von Heimweh wird Albrecht nicht oft heimgesucht. Er fühle sich in Dubai zuhause, bedaure aber, dass es in der Stadt fast kein kulturelles Erbe gebe. «Eine Seele», wie er es nennt. Natürlich fehlen ihm auch Freunde und Familie in der Schweiz, die er aber regelmässig, meist im Sommer besuche. «Und wie die Araber, vermisse ich die kühle Luft, wenn man morgens aus dem Haus geht.» 

Kraft und Ruhe tankt er hauptsächlich während seinen Aufenthalten in der Schweiz, bei Wanderungen oder Spaziergängen durch die Natur. «Es gibt kaum einen Wald im Zürcher Oberland, durch den ich nicht schon gerannt bin», sagt der frühere OL-Läufer. 

Wie lange er in Dubai bleibt, weiss Albrecht nicht. Er geht aber davon aus, dass es in den nächsten Jahren wieder ein Wechsel gebe – wahrscheinlich wird die Familie zurück in die Schweiz ziehen, auch wegen den Kindern. «Sie kommen dann ins Oberstufenalter.» Und er selbst könne seine Erfahrungen im Ausland bei Schweiz Tourismus weitergeben. 

SRF-Dok: «Verschleiert – Arabische Touristen in der Schweiz»

Matthias Albrecht wird im Beitrag des Schweizer Fernsehens «Verschleiert – Arabische Touristen in der Schweiz» zu sehen sein. Der «DOK»-Film von Marianne Kägi thematisiert, dass die Schweiz ein Ferienparadies für arabische Touristen ist. Letztes Jahr sorgten sie für fast eine Million Übernachtungen. Schweiz Tourismus lädt Berühmtheiten aus den Golfstaaten als Werbebotschafter ein. Zugleich sammeln Politiker Unterschriften für ein Verhüllungsverbot, das vor allem Touristinnen aus arabischen Ländern betreffen würde. Was halten die Frauen hinter den Schleiern davon? Der «DOK» wird heute Donnerstagabend um 20.05 Uhr auf SRF 1 ausgestrahlt.

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