Wurde beim Gerüstaufbau gepfuscht?
Es war kurz vor drei Uhr nachmittags, keine Wolke trübte an diesem Donnerstag den Himmel über Dürnten, als Francesco Jacoviello mit einem Gast in der Gartenwirtschaft vor dem Restaurant Bahnhof sass. Fünf Tage zuvor hatte er das «Bahnhöfli», das seit Ende Juli geschlossen war, im Rahmen einer «Aatrinkete» mit Gratisbier und Apéro wiedereröffnet. Viele Leute waren gekommen, die Stimmung war gut, die Welt für den frischgebackenen Wirt, der in Hinwil eine Carrosserie besitzt, in bester Ordnung. An diesem Nachmittag sass er also da, genoss vor dem Lokal die Sonne und trank einen Kaffee, als der Gast langsam aufbrechen wollte.
Gerüst hing halbwegs über Brückengeländer
Jacoviello stand auf, verabschiedete den Mann und ging zurück in die Küche, als es draussen plötzlich rumpelte und schepperte. Als er vors Haus stürmte, traute er seinen Augen nicht. Das hohe Gerüst, das beim Seiteneingang gestanden hatte, war eingestürzt: Es war auf der einen Seite über den Dorfbach gefallen, lag jetzt halbwegs über dem Brückengeländer und halbwegs über der Bubikonerstrasse, und irgendwo dazwischen lag ein 22-jähriger Bauarbeiter, der beim Einsturz aus sieben Metern Höhe mitgerissen worden war. Der Wirt eilte zum Schwerverletzten und alarmierte die Rettungskräfte. «Erst da sah ich, dass auch der Gast am Boden lag», so Jacoviello. Der 48 Jahre alte Mann, den er gerade verabschiedet hatte, war auf dem Trottoir von herunterfallenden Stangen und Brettern getroffen worden und hatte sich dabei mittelschwer verletzt. Während ein Helikopter der Rega den jungen Bauarbeiter nach der Erstversorgung in ein Spital flog, wurde der Gast mit einem Rettungswagen abtransportiert. «Ich war schockiert, es tat mir sehr Leid für die beiden Männer. Umso glücklicher war ich, als der Gast zwei Tage später wieder ins Restaurant spazierte und mir die Hand reichte», sagt Jacoviello.
Kindergartenkinder auf dem Heimweg
Der Unfall geht offenbar vielen Dorfbewohnern nahe. Weil nur wenige Minuten später der Kindergarten auf der anderen Strassenseite zu Ende war und viele Kinder auf dem Heimweg am «Bahnhöfli» vorbeigehen, seien die Mütter in Scharen zur Unfallstelle gerannt, sagt Anwohnerin Claudia Eicher. «Man kann von Glück reden, dass nicht noch mehr passiert ist», sagt auch Marc Billeter, der gleich hinter dem Restaurant wohnt.
«Man kann von Glück reden, dass nicht noch mehr passiert ist.»
Marc Billeter, Anwohner
Die Frage, warum das Gerüst, das offenbar noch nicht fertig aufgebaut war, an einer so exponierten Lage einfach kippen konnte, beschäftigt die Leute. Eine Antwort darauf gibt es noch nicht: Die Ursache für den Einsturz des Gerüstes ist noch nicht klar, sie wird durch die Kantonspolizei Zürich in Zusammenarbeit mit der Staatsanwaltschaft ermittelt. Und bei der betroffenen Baufirma, die aus der Region Winterthur kommt, will zum Unfall niemand Stellung beziehen.
Mit simplem Spannset befestigt
Aber mehrere Anwohner sagten unabhängig voneinander gegenüber «regio», dass sie befürchten, dass beim Aufbau des Gerüsts gepfuscht wurde. «Wir haben den Unfall kommen sehen. Schon am Tag zuvor unterhielten meine Mitbewohnerin und ich uns darüber, dass die Arbeiter auf diesem Gerüst gefährlich leben, und schickten uns gegenseitig Handyfotos», sagt Manuela Meier. Claudia Eicher wiederum spricht von schrägen Pfosten und waghalsigen Klettermanövern eines Bauarbeiters, von fehlenden Treppen, Geländern und Abschrankungen. Ausserdem sei das Gerüst auf zwei Seiten mit einem simplen Spannset an den metallenen Fensterladenhaltern befestigt gewesen, mit denen die Fensterläden an der Wand arretiert werden. «Es waren Spanngurte, wie man sie beim Abschleppen eines Autos verwendet», so Eicher.
«Wir haben den Unfall kommen sehen.»
Manuela Meier, Anwohnerin
«Jetzt schauen wir vorwärts»
Ein weiterer Anwohner, der in der Baubranche arbeitet, aber anonym bleiben möchte, bestätigt ihre Beobachtungen: «Das Gerüst war unprofessionell aufgebaut und entsprach nicht den Vorschriften. Hier war jemand sehr unsorgfältig an die Arbeit gegangen», sagt er. Francesco Jacoviello kann die Arbeit der Bauarbeiter nicht beurteilen. «Solange die Polizei die Ursache nicht geklärt hat, will ich keinem die Schuld geben», sagt er. Er hoffe einfach, dass die beiden verletzten Männer wieder ganz gesund werden. «Der Fall ist für mich abgeschlossen. Jetzt schauen wir vorwärts!»
«Das Gerüst war unprofessionell aufgebaut und entsprach nicht den Vorschriften.»
Anwohner, der in der Baubranche arbeitet, aber anonym bleiben will