Etappenziel 11-Uhr-Trunk
Morgens kurz vor 9 Uhr. Auf dem Stauberberg in Uster stehen 144 Rebzeilen stramm von Nord nach Süd ausgerichtet. Stolz schreitet Winzermeisterin Eveline Heusser ihr Weingut ab. Traktor, Motorschubkarre, Weinlese-Scheren, Eimer und Harasse liegen am Fuss des Hanges bereit. Erste-Hilfe-Kasten und Mineralwasser ebenfalls. Mineralwasser? Hans Ehrbar und Peter Pizzali, beide Mitglieder der Rebzunft Uster und heute als Helfer im Einsatz, winken ab: «Ab 11 Uhr morgens gibt’s guten Wein. Der 11-Uhr-Trunk ist Tradition bei der Wümmet.» Erntehelfer tragen keine Uhren. Sie wissen erst beim Ritual um 11 wie spät es ist.
Die Beiden räumen ein, dass dieser Trunk ein Relikt vergangener Zeiten ist. «Das Regime hat gewechselt. Mit Eveline Heusser läuft es anders. Wir kompensieren den fehlenden Frühschoppen mit einer grösseren Menge Wein am Feierabend», sagen sie, lachen und schneiden weiter.
Videoimpressionen von der «Wümmet»:
(Video: Simon Grässle)
Koordiniertes Arbeiten
Die beiden sind pünktlich um 9 Uhr bei der Arbeit. Anweisungen benötigen die alten Haudegen keine. Andere, noch unerfahrene Helfer schon. Heusser erklärt ihnen: «Bis 13 Uhr fertig sein wäre das Ziel. Später ist Regen angesagt. Beginnt oben am Hang und arbeitet euch nach unten durch. Die reifen Trauben füllt ihr direkt in die Eimer.» Die Helfer machen sich an die Arbeit. «Acht von ihnen sind bei der Weinlese der reifen Beeren, drei in der Küche, vier entfernen die Essigbeeren in den vorderen Rebstöcken. Es fehlen noch gut und gerne zehn Leute», rechnet Eveline Heusser vor.
Als sich ihr Personal zwischen den ersten beiden Rebzeilen aufhält, sagt sie zu sich selber: «Das ist jetzt ganz schlecht.» Sie ruft nach oben: «Einer soll von links und einer von rechts die Trauben pflücken. Keine neuen Mödeli anfangen.» Schliesslich seien die meisten schon seit Jahren dabei. Neue Gesichter gebe es aber immer wieder. Oft seien es Kunden oder Bekannte, welche die Weinlese einmal ausprobieren wollten. Die meisten kämen nur einmal.
Heusser erwarte, bereits um 13 Uhr fertig zu sein. Wegen der Schäden seien zwischen 70 und 80 Prozent der Ernte zerstört. Wespen, Essigfliegen und vor allem der Frost haben dem Weinbestand zugesetzt.
Zünfter unterhalten Rebfrauen
Die Stimmung ist gut. Die Rebzünfter Pizzali und Ehrbar scherzen mit den Rebfrauen. «Wir sorgen für gute Stimmung und halten die Frauen bei Laune», sagt Ehrbar. Die Schar der Erntehelfer nimmt zu. Schon bald schwärmen sie wie die Wespen, die man hier ja gar nicht gern sieht, durch die Rebstöcke. «Bleibt ein bisschen zusammen und fangt keine neuen Reihen mehr an», mahnt Heusser.
Die Helfer schneiden fleissig weiter in den Rebstöcken. Anschliessend legen sie die Riesling-Silvaner-Trauben in die Eimer und kippen sie in die Harasse, die zwischen den Rebzeilen liegen.
Den maschinellen Teil der Erntearbeit übernimmt der Schwager von Eveline Heusser. Er fährt mit der Motorschubkarre zwischen den Rebzeilen rauf und runter. Dann sammelt er die gefüllten Harasse ein und stellt leere ab. Die gesammelten Weintrauben kommen in einen grossen Behälter, der knapp 500 Kilo Trauben fassen kann. «Bei einer grossen Ernte pressen wir die Trauben auch mal auf 700 Kilo zusammen.» Diesmal sei das wohl nicht nötig.
Mit dabei sind auch zwei junge Anwältinnen. Ihr Chef ist Mitinhaber des Ustermer Rebberges. Bei der Erntearbeit macht er aber nicht mit. «Wir lüften hier den Kopf und nennen das Büroausflug.»
Das Arbeitstempo könnte höher sein
Eveline Heusser
Tempo, Tempo
Kopf lüften liegt für Winzermeisterin Eveline Heusser nicht drin. «Das Arbeitstempo könnte höher sein», sagt sie mitten in der Helferschar.
Kurz nach 10 Uhr beginnt es zu regnen. Trotz anderslautender Wettervorhersage. Hans Ehrbar und Peter Pizzali bleiben bester Laune. Sie haben immer noch ihr utopisches Etappenziel vor den Augen: den 11-Uhr-Trunk. Und auch die beiden Anwältinnen lassen sich den Spass nicht verderben: «Das bisschen Regen kann uns doch nicht erschüttern.»
Der Zeitplan von Eveline Heusser steht. Um 13 Uhr möchte sie mit der Lese fertig sein. Oder schon sehr weit fortgeschritten.
11 Uhr ist etwas weniger als die Hälfte der Ernte geschafft. Nach der Arbeit gibt es den Lohn: Ein feines Mahl mit Würsten, Wähen und sicher auch dem einen oder anderen Glas Wein. Oder einfach einen guten Trunk, wie Ehrbar und Pizzali die Weinverkostung nennen.
Hohe Ernteverluste bei den regionalen Rebbergen
Mittwoch ist Weinlese-Tag. Auch auf dem Rebberg von Daniel Müller in Grüningen. Möglich sei es auch im Oktober gewesen, das Wetter müsse stimmen. Er habe frühreife Solaris-Trauben und zudem mit den Vögeln zu kämpfen. Wegen des Frostes im Frühjahr rechnet Müller mit einem Verlust von gegen 70 Prozent. Sein Weinberg auf dem Schlüssberg hat die grösste Anbaufläche (2.5 Hektar) des Oberlandes. Trotzdem bietet er nur rund 15 Helfer auf. «Bei guter Vorbereitung braucht es weniger Erntehelfer», so Müller. In anderen Oberländer Rebbergen ist die Bilanz ebenso verheerend. Dort wird mit der Weinlese noch zugewartet.
Roland Greteners Rebberg liegt in Mönchaltorf. Er wird Anfang Oktober mit der Wümmet beginnen. Es sei wetterabhängig. «Gut wären zwei Tage Sonne, damit die Trauben trocknen können. Nebel in der Nacht würde den Beeren die nötige Feuchtigkeit geben.» Mit 15 bis 20 Helfern käme er jeweils durch. Höchstens 20 Prozent der Ernte seien noch zu gebrauchen. «Der Rest fiel Kälte, Essigfliegen, Vögeln und Wespen zum Opfer», so Gretener.
Hansruedi Beck schiebt seine Wümmet auf die nächste Woche. Sein Rebberg ist das höchstgelegene Weingut im Oberland (570 m.ü.M.). «Schade um das Jahr», fasst der Winzer zusammen. Es sind die gleichen Übeltäter, die auch die Beeren seiner Winzerkollegen zerstörten. Hinzu kam noch das starke Gewitter der vorletzten Woche. Es sei nur noch ein Viertel der Weinbeeren zu gebrauchen.
