Eine letzte Welle soll das Kapitel Fukushima abschliessen
«Ich kann nicht anders, ich muss einfach arbeiten», sagt Akiko Sato. «Das ist meine Bestimmung.» Arbeiten ist ihr Leben. Sie schiebt ihre Unterarme unter einen Stein, der roh behauen ist, hebt ihn vorsichtig hoch und stellt das schwere Stück auf einen Holztisch, um ihrem Werk den letzten Schliff zu verpassen. Das mit dem Schliff ist wörtlich zu verstehen. Während sie im Frühling und Sommer jeweils in der Toscana – die grossen Steinbrüche von Carrara in Sichtweite – ihre Entwürfe in die Rohform bringt, werden diese dann in Uster fertiggestellt. Und das heisst vor allem eines: schleifen, schleifen und nochmals schleifen.
Als sie im Frühling in der Toskana gearbeitet habe, sei es aussergewöhnlich kalt gewesen. Im Sommer schliesslich, als sie wieder dort war, sei es unerträglich heiss gewesen – über 40 Grad. Nun sei sie froh, wieder in ihrem Atelier «im kühlen Uster» arbeiten zu können, erzählt sie.
Der Stein, den sie auf den Holztisch gestellt hat, ist aus Marmor. Es ist ein Stein mit einem weissen Grundton, keine grauen Streifen trüben seine feinkörnige Oberfläche. Es ist ein sogenannter Statuario, eine der schönsten und teuersten Marmorsorten der Welt. Er wird in der Nähe von Seravazzo in der Toscana abgebaut. «Es ist das letzte Exemplar, das ich habe. Einen Stein dieser Sorte und in dieser Qualität kann man nicht mehr kaufen», bedauert Sato. Sie ist dabei, aus diesem wertvollen Stein eine Welle zu schleifen, was etliche Tage dauern wird.
Sammelaktion für Opfer
Die 75-jährige Bildhauerin ist noch voller Tatendrang. Sie ist derzeit daran, das Thema Fukushima für sich selber zu einem bildhauerischen Abschluss zu bringen. Im Nebenraum steht ein grosser Marmorblock, was daraus entstehen soll, ist bereits gut erkennbar. Eine grosse, zerstörerische Welle wird es werden. Ein Welle, die alles verschlingt. Eine Katastrophe. Ein Tsunami.
Die Katastrophe in Fukushima begann mit einem Erdbeben am frühen Nachmittag des 11. März 2011. Der darauf folgende Tsunami zerstörte nicht nur ganze Dörfer und Städte und forderte rund 20‘000 Todesopfer, sondern führte auch zur Katastrophe im Atomkraftwerk in Fukushima. Vier von sechs Reaktorblöcken wurden zerstört, in drei Blöcken kam es zur Kernschmelze, grosse Mengen von radioaktivem Material wurden freigesetzt . Ungefähr 170‘000 Einwohner wurden aus den betroffenen Gebieten evakuiert. Die Entsorgungsarbeiten werden 30 bis 40 Jahre dauern, die Kosten der Katastrophe werden auf über 150 Milliarden Euro geschätzt.
Zur Person
Akiko Sato wurde 1942 in Tokyo geboren. Von 1961 bis 1970 studierte sie, zuerst in Japan, ab 1966 in Deutschland, Kunst an staatlichen Hochschulen und bei drei Meistern im Tokio. Seit 1970 arbeitet sie als freischaffende Bildhauerin in der Schweiz und in Forte die Marmi in Italien. 2011 zügelte sie ihr Atelier von Kollbrunn nach Uster. Der Umzug hatte es in sich: 180 Paletten mit Steinen mussten ins 500 Quadratmeter grosse Atelier im Loorenquartier gezügelt werden.
Sato wurde mehrmals ausgezeichnet. Zum Beispiel mit dem eidgenössischen Preis für angewandte Kunst (1974). Sie erhielt Stipendien der Steo-Stiftung und 1977, 1980 und 1982 ein Stipendium des Kantons Zürich.
Ihre Werke wurden an rund 40 Einzelausstellungen in Deutschland, Holland, Italien und der Schweiz, ausgestellt und ausserdem an 35 Gruppenausstellungen in Japan, Polen, England, Frankreich, Österreich, Schweden und Mexiko. (gau)
Die Katastrophe hat Sato schwer getroffen. Die Menschen hätten die Gegend verlassen, seien in alle Winde verstreut, und deshalb sei auch der Protest gegen den Fatalismus der Behörden und der Regierung in alle Winde verstreut worden. Sato macht sich Sorgen um die Gesundheit und die Zukunft der Bevölkerung – insbesondere der Kinder. Nach dem Unglück startete sie eine Sammelaktion, versteigerte Skulpturen und liess einen Teil ihrer Einnahmen aus einer Ausstellung nach Japan fliessen. « Die Situation für die Betroffenen ist nach wie vor eine Katastrophe » , sagt Sato, die demnächst wieder nach Japan reisen wird.
Schleifen bis zur Perfektion
Die Atomkatastrophe und der Tsunami haben Sato sehr bedrückt. Davon will sie sich nun lösen, um sich wieder vermehrt ihrer Arbeit zu widmen. « Mit meiner Tsunamiwelle will ich das Kapitel Fukushima hinter mir lassen – soweit das überhaupt möglich ist. Es soll meine letzte Welle sein. »
Dass sie für die Ausstellung in der Dorfbadi eine Carte Blanche erhalten hat, hat sie zwar gefreut, aber sie will das nicht überbewerten. « Ich bin einfach eine der Künstlerinnen, die dort ausstellt. Mehr nicht. » Sie kennt nur einige wenige der Ausstellenden. Präsent sein wird sie mit drei Werken.
Akiko Sato stammt zwar aus Japan und bezeichnet Japan als ihre geistige und kulturelle Heimat. Japanische Kunst aber habe sie nie gemacht, sagt sie. Ihre Skulpturen faszinieren durch Anmut und eine Art Schwerelosigkeit. « Ich versuche, sie in einen Zustand des zeitlosen Schwebens zu versetzen » , sagt Sato. Im Gegensatz zu anderen Steinbildhauern hält sie nichts von Distanz zu ihren Werken, sondern wünscht, dass sie berührt und ertastet werden. Tut man dies, wird einem noch eine weiter Komponente ihres Schaffens bewusst: ihr Perfektionismus.
Die Ausstellung
Unter dem Titel «Frei-Stil» wird vom 2. bis 17. September Kunst in der Dorfbadi Uster präsentiert. 23 Künstlerinnen und Künstler sind involviert. Die Teilnehmenden hatten nach einer Begehung in der Dorfbadi eine Eingabe mit einer Ideenskizze gemacht. Daraus hat ein Expertengremium – bestehend aus Christoph Haerle, Daniela Hardmeier, Maja Burger, Jurij und Verena Kocher – die Künstlerinnen und Künstler ausgewählt, die ausstellen können. Bildhauerin Akiko Sato hat eine Carte Blanche erhalten.
Organisiert wird die Ausstellung von Landauf-bachab, einem Verein zur Gestaltung und Förderung von Kunst im öffentlichen Raum mit Sitz in Uster. Er hat in Uster schon grössere Projekte erfolgreich verwirklicht. Zum Beispiel «Gratwanderung. Kunst zwischen Schloss und Rebhaus» oder «Auf- und Abklären: Kunst in der Kläranlage». Diesmal wurde die Dorfbadi als Ausstellungsort auserkoren.
Die Vernissage wird am Samstag, 2. September, von 16 bis 19 Uhr stattfinden. Musikalisch begleitet wird der Ausstellungsauftakt von Florian Herder auf der Harfe. Am Samstag, 9. September, um 11 Uhr liest und spielt Andrea Fischer Schulthess Geschichten rund ums Wasser. Am Sonntag, 10. September findet um 17 Uhr eine musikalische Lesung mit Hugo Ramnek und „Fön & Tön“ statt. Thema: Seeliebe und andere Fallen. Die Finissage ist am Sonntag, 17. September, um 17 Uhr. Zu hören sein wird ein Glasharfenkonzert von Ben Jeger. Auftreten wird auch der Frauenchor Absatz& Gloria. Weitere Infos gibt es hier. (gau)