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«Das hat nichts mit Streitlust zu tun»

Offene Löhne, ausstehende Alimente und schlechte Arbeitszeugnisse. Seit neun Jahren schlichtet Dorothe Kienast als Wetziker Friedensrichterin grössere und kleinere Konflikte. Im Interview erklärt sie, weshalb es letztes Jahr in Wetzikon besonders viele Streitfälle gab.

«Ich bin keine Zimperliese»: Die Wetziker Friedensrichterin Dorothe Kienast behandelt in ihrem Wetziker Büro jährlich rund 100 Streitfälle. (Bild: Seraina Boner)

«Das hat nichts mit Streitlust zu tun»

Frau Kienast, ich habe vorhin im Wartezimmer durch die Tür Wortfetzen der Verhandlung mitbekommen. Manchmal wurde es ziemlich laut. Anscheinend müssen Sie in Ihrem Amt auch mal richtig energisch werden.
Dorothe Kienast: Ja, man darf keine Berührungsängste haben. Manchmal muss man auch deutlich sagen: «Jetzt sei mal still!» Ich bin keine Zimperliese und lasse mich nicht so schnell beeindrucken. Das merken die Streitparteien dann auch.

Sie haben in Ihrem Büro einen Notfallknopf, der direkt die Polizei alarmiert. Leben Sie als Friedensrichterin so gefährlich?
Ab und zu geht es schon wild zu und her. Ich stehe deshalb in engem Kontakt mit der Stadtpolizei. Die sagen mir manchmal: «Bei diesem Fall solltest du nicht alleine sein.» Oder ich erkundige mich bei der Polizei, wenn eine Partei im Vorfeld Angst vor der anderen hat. Es kommt ab und zu vor, dass ein Polizist hier im Raum steht. Wenn ich nachgerichtliche Besuche bei Klienten befürchte, sage ich der Polizei, sie sollen doch zwei Mal dort vorbeifahren.

Mussten Sie den Knopf schon mal drücken?
Ja, bei einer üblen Schlägerei.

Im letzten Jahr sind beim Friedensrichteramt 122 Klagen eingegangen – 23 mehr als im Jahr zuvor. Sind die Wetziker streitlustiger geworden?
Das kann man nicht sagen. Ich glaube, die Konjunktur ist der wichtigere Treiber. Wenn ein Arbeitgeber die Löhne nicht mehr zahlen kann, muss man den Lohn einklagen, damit man von der Insolvenzentschädigung profitieren kann. Wenn also beispielsweise eine Firma Konkurs geht, spüren wir das hier ziemlich direkt.

Es braucht einen Ort, wo man auch fluchen und schimpfen darf.

Die Konjunktur läuft doch ziemlich gut momentan.
Je nachdem. Die Handwerker sind extrem unter Druck: tiefe Margen, harte Konkurrenz, hoher Lohn- und Zeitdruck. Und dann kommen noch kostspielige Mängelrügen hinzu. Bei mir landen viele Arbeitsrechtsfälle, bei denen man merkt, dass die Leute unter Existenzdruck kommen. Das hat gar nichts mit Kampf- oder Streitlust zu tun, sondern mit existenzieller Not. Es kommt allerdings überhaupt nicht auf die Grösse des Konflikts an, ob er den Leuten ans Lebendige geht.

Wie meinen Sie das? Können Sie ein Beispiel nennen?
Ein Arbeitnehmer, der die Firma im Streit verlassen hat, reichte ein Gesuch zur Verbesserung des Arbeitszeugnisses ein. Er wollte nur drei Wörter geändert haben. Das klingt vielleicht lächerlich, ist es aber überhaupt nicht. Für die Betroffenen ist der Konflikt so gross, dass er verhindert, dass sie in Ruhe weiterleben können.
Wenn man einen Streit ausficht, dann ist nachher wieder Platz für Neues und Gutes. Es ist wichtig, dass es einen Ort gibt, an dem die Parteien an einen gemeinsamen Tisch sitzen können. Wo man auch fluchen und schimpfen darf. Ich bin deshalb überhaupt nicht dafür, dass man Konflikte runterschluckt.

Den Konflikt vorhin konnten Sie nach hartnäckigen Verhandlungen lösen. Im vergangenen Jahr sank Ihre Erfolgsquote aber um fast 10 Prozent auf knapp 59 Prozent. Weshalb dieser Rückgang?
Das kann etwa daran liegen, dass Beklagte nicht erscheinen, weil sie Konkurs gegangen sind. Die Fälle gehen dann ans Gericht. Ich bin mir sicher, dass die Friedensrichter untereinander die Erfolgsquote vergleichen. Ich finde das aber ein schlecht geeingeter Marker für die Qualität der Verhandlungsführung.

Weshalb?
Der Friedensrichter kann nicht alle Konflikte lösen oder die Parteien zu einer für sie passenden Lösung führen. Wenn ein Streit eine bestimmte Stufe erreicht hat, ist es manchmal besser, wenn ein Richter ein Machtwort spricht.

Die Einnahmen des Friedensrichteramts sind in den letzten Jahren gesunken. Woran liegt das?
Das hat zwei Ursachen. Zum einen liegt es an der unentgeltlichen Prozessführung bei Arbeitsrechtsfällen. Das heisst, dass man ohne Prozessrisiko klagen kann. Da diese Fälle zunehmen, kommt weniger Geld rein.

Und zum andern?
Dass man sich nicht scheut, auch um kleine Beträge zu streiten. Mein Job – und damit die Kosten – sind aber genau gleich aufwändig, ob um 500 oder 500‘000 Franken gestritten wird. Wenn es um viel Geld geht, wird ausserdem professioneller verhandelt. Das braucht oft nicht mehr Zeit. Ich will nicht moralisch sein und sagen, man darf vor dem Friedensrichter nicht um 250 Franken streiten. Aber es bringt der Stadt einfach Kosten.

Manchmal ist es besser, wenn ein Richter ein Machtwort spricht.

Sie sind jetzt seit bald neun Jahren Friedensrichterin. Was hat sich in den Jahren verändert?
Es gibt eine viel grössere Erwartungshaltung. Heute kommen viele zu mir und sagen: «Jetzt bin ich da, jetzt müssen sie für Gerechtigkeit sorgen.» Mein Verständnis hingegen ist ein anderes: Es ist ihr Konflikt und ihre Lösung. Ich kann nur die richtigen Fragen stellen und moderieren, auf die Lösung müssen sie aber selber kommen. Am besten ist es, wenn sie am Schluss beim Rausgehen sagen: «Darauf hätten wir auch ohne sie kommen können.»

Als Friedensrichterin wissen Sie viel über die Wetziker Einwohner und erleben immer wieder schwierige Schicksale. Wie gehen Sie damit um?
Ich habe mir regelmässiges Händewaschen angewöhnt. Damit das Zeug hier bleibt.

Was ist das schwierigste am Friedensrichteramt?
Die Einsamkeit. Es ist mit Abstand der einsamste Job, den ich bisher hatte. Vorhin sass ich alleine mit sechs Herren am Tisch, mit denen allen ich keinen Streit haben möchte. Man kann bei niemandem den Kropf leeren und über die Fälle sprechen.

Sie haben sich entschieden, das Amt aus Zeitgründen abzugeben. Im September findet der zweite Wahlgang um Ihre Nachfolge statt. Was wollen Sie Ihrer Nachfolgerin oder Ihrem Nachfolger mit auf den Weg geben?
Die drei verbliebenen Kandidaten – Andreas Koch, Christine Meili und Max Homberger – sind alles gestandene Leute. Denen muss ich nichts auf den Weg geben. Was ich vielleicht sagen würde: Achtet darauf, die für euch richtigen Massnahmen und Rituale zu finden, dass ihr die Konflikte der Parteien nicht zu euren eigenen Konflikten macht. Macht es nur so lange, wie ihr die Leute gerne habt, auch wenn sie über Kleinigkeiten streiten und findet Wege, um abzuschalten. Ich denke aber, die wissen das alle schon selbst.

 

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