«Der Last-Minute-Gedanke ist wieder wichtig geworden»
Er gehört zweifellos zu den umtriebigsten Unternehmern aus dem Oberland: Der Wernetshauser Christian Mischler verantwortet als Unternehmer nicht nur viele internationale Projekte, sondern reist dafür auch permanent über den Erdball. Zu seinen grössten wirtschaftlichen Erfolgen gehört die 2012 lancierte Smartphone-App Hotelquickly. Damit lassen sich Last-Minute-Angebote für Hotels finden. In Asien ist Hotelquickly Marktführer. Inzwischen hat sich Mischler aus dem operativen Geschäft zurückgezogen, um ein neues Projekt, ebenfalls im Gastgewerbe, mit aufzubauen: Guestready ist ein Management-Service für Airbnb-Gastgeber.
Herr Mischler, Sie sind beruflich rund 300 Tage im Jahr unterwegs, vor allem in Asien und Europa. Zurzeit halten Sie sich in Bangkok auf. Wie finden und buchen Sie selber Ihre Unterkünfte?
Christian Mischler: Das kommt jeweils auf die Destination an. In London, Paris, Singapur und Hongkong, wo sich die Standorte von Guestready befinden, bevorzuge ich Airbnb-Unterkünfte. Ansonsten buche ich in Asien über Hotelquickly und in Europa über Booking.com.
Planen Sie längerfristig?
Nein, ich buche meine Flüge und Unterkünfte normalerweise wenige Tage im Voraus, manchmal sogar erst am Tag der Abreise, weil sich meine Reiseziele aus geschäftlichen Gründen spontan ändern können. Eine Ausnahme sind private Trips, die ich längerfristig terminiere.
Ist Ihr Buchungsverhalten eher typisch für Geschäftsleute wie Sie?
So viel unterwegs zu sein, ist eher abnormal. Früher, als ich noch nicht so viel gereist bin, habe ich immer über Booking.com gebucht, egal wohin die Reise ging. Das ist heute anders.
Aus Ihrer Erfahrung als COO bei Hotelquickly: Was waren die wesentlichen Treiber im Reise- und Beherbergungsbusiness in den letzten Jahren?
Den grössten Impact hatten sicher die Dotcom-Unternehmen, die praktisch an die Stelle von Offline-Reisebüro getreten sind. Ihnen ging es darum, möglichst alle Anbieter von Reisen und Unterkünften zu erfassen und auf einer Website verfügbar zu machen. Mit dem Aufkommen von Smartphones wollten viele Online-Reisebüros und Buchungsplattformen die angesammelten Daten auch in die Apps hineinpressen.
Was war das Problem?
Wenn man auf dem Handy nach einem Hotel in Bangkok gesucht hat, musste man sich durch eine endlose Liste von Angeboten scrollen. Auf einem kleinen Bildschirm ist das natürlich keine angenehme Benutzererfahrung gewesen. Die Kunden haben erwartet, dass das System intelligent genug ist, nur die besten Deals vorzuschlagen.
«Über 70 Prozent aller Buchungen per Smartphone werden noch für denselben Tag vorgenommen.»
Was hat sich noch mit dem Smartphone verändert?
Der Last-Minute-Gedanke, den Dotcom-Dienstleister erst stark gemacht und dann verwässert hatten, ist wieder wichtig geworden. Denn die Nutzung von Smartphones dient eher der Befriedigung unmittelbarer Bedürfnisse. Über 70 Prozent aller Buchungen per Smartphone werden noch für denselben Tag vorgenommen. Aus dem Grund konnte man bei Hotelquickly sein Hotelzimmer zunächst nur kurzfristig von 12 Uhr mittags bis Mitternacht buchen.
Hält der App-Trend weiter an?
Nein, die Leute sind es mittlerweile leid, ständig neue Apps herunterzuladen. Aber sie wollen weiterhin maschinenbasierte Vorschläge für passende Hotels bekommen. Das leisten viele Websites inzwischen direkt: Wer auf Google nach einem Hotelzimmer sucht, kann gleich auch über Google buchen.
Was heisst das für die Anbieter?
Hotels müssen verstärkt in Technologie investieren, damit ihre Angebote von Suchmaschinen oder Online-Reisebüros erfasst und laufend aktualisiert werden können. Als wir 2012 mit Hotelquickly losgelegt haben, ist die Preissetzung und Preisfindung noch sehr statisch gewesen. Es gab oft für die Haupt- und Nebensaison einen fixen Preis, dazu allenfalls noch einen Werktags- und Wochenendpreis. Inzwischen hat sich die Preisgestaltung massiv beschleunigt.
Inwiefern?
Die Preis-Dynamik ist heute abhängig von der jeweiligen Auslastung. Zudem ziehen Anbieter automatisch nach, sobald Wettbewerber ihre Preise erhöhen oder senken. Die Hotelbetreiber haben begriffen, dass sie schnell reagieren müssen, wenn sie am Markt bestehen wollen. Es ruft eben nicht mehr ein Reiseberater an, der sich nach der Verfügbarkeit und dem Preis eines Zimmers erkundigt und ein paar Tage später eine Buchungsbestätigung faxt.
«Zwei, drei grosse globale Anbieter haben das Online-Buchungsgeschäft unter sich aufgeteilt.»
Wie gross ist denn die Marktmacht an der Schnittstelle zwischen Anbieter und Kunden?
Inzwischen sehr gross, keine Frage. Es hat eine massive Verschiebung von Direktbuchungen bei einem Reisebüro hin zu Buchungen über Online-Portale gegeben. Hinzu kommt, dass zwei, drei grosse globale Anbieter das Online-Buchungsgeschäft unter sich aufgeteilt haben. Allerdings zeichnet sich auch eine Gegenbewegung zugunsten von Hotels ab.
Was sind die Auslöser?
Auslöser sind Meta-Suchmaschinen wie Skyscanner oder Kayak, die Hotelangebote direkt integrieren können. Wer auf Kayak ein Zimmer sucht, sieht, wo er den besten Preis bekommt, und wird direkt auf die Hotel-Website verwiesen.
Dafür zahlt das Hotel aber eine Gebühr an Kayak.
Stimmt. Aber die Buchung wird nicht mehr, wie etwa bei Booking.com, über einen einzigen Kanal abgewickelt, sondern es kann wieder eine Direktbuchung auf der Hotel-Website stattfinden.
Ist der Markt durch solche Meta-Suchmaschinen übersichtlicher geworden?
Er ist in jedem Fall transparenter geworden. Die Verfügbarkeit von Zimmern und die jeweiligen Preise können auf solchen Plattformen laufend abgebildet werden. Allerdings ist es für kleine Hotels bisweilen schwierig, mit den technischen Anforderungen Schritt zu halten. Ohne ein Property-Management-System, das die aktuellen Daten übermittelt und die Buchungsanfragen korrekt verarbeitet, geht es nicht.
«Es reicht nicht mehr, zweimal im Jahr die Angebote für die jeweils nächste Saison an die Reisebüros zu verschicken.»
Gibt es daneben noch weitere Schwierigkeiten?
Ja, auch das Marketing ist anspruchsvoller geworden. Es reicht nicht mehr, zweimal im Jahr die Angebote für die jeweils nächste Saison an die Reisebüros zu verschicken. Im Zuge der Digitalisierung müssen Hotels und andere Unterkünfte auch dafür sorgen, dass ihre Angebote auf den einschlägigen Touristikwebsites und Buchungsportalen möglichst weit oben erscheinen. Sonst werden sie nicht wahrgenommen.
Sie selber bewegen sich in unternehmerisch häufig an der Schnittstelle zum Hotel- und Gastgewerbe. Was reizt Sie so an dieser Branche?
Das ist mir persönlich noch gar nicht aufgefallen, aber die Beobachtung trifft zu. Mich reizen vor allem solche Märkte, wo viele Anbieter tätig sind, wo es ein gewisses Mass an Intransparenz gibt und wo die Nachfrage nach diversen Dienstleistungen von diesen Anbietern gross ist. Ich bin getrieben von der Frage, wie man die Prozesse am Markt verbessern kann. Es ist spannend, skalierbare Modelle zu entwerfen, welche durch die Steigerung der Markteffizienz einen Wert generieren.
Dabei bewegen Sie sich fast immer im internationalen Umfeld, sei es mit Hotelquickly, Guestready, Foodpanda oder Gotcourts.
Ja, das sind alles globale Industrien, die nicht nur in der Stadt funktionieren. Man kann die gleichen Ideen und das gleiche System ohne weiteres in verschiedene Länder exportieren. Foodpanda haben wir in fünf Ländern gleichzeitig gestartet, Hotelquickly und Guestready jeweils in sechs Ländern. Mit Gotcourts expandieren wir nun ins benachbarte Europa. Globale Industrien bieten ein Riesenpotenzial.
«Man kann die gleichen Ideen und das gleiche System ohne weiteres in verschiedene Länder exportieren.»
Und was sind die Risiken?
Riskant sind sogenannte «double-sided marketplaces», wo man gleichzeitig Anbieter an Bord holen und Kunden akquirieren muss. Ein klassisches Henne-Ei-Problem. Bei Hotelquickly brauchten wir genügend Hotels mit Last-Minute-Angeboten, um neue Nutzer zu generieren. Und umgekehrt brauchten wir genügend Nutzer und Buchungen, um Hotels dazu zu bewegen, ihre Angebote bei uns zu platzieren.
Wie haben Sie die Maschine zum Laufen gebraucht?
Unsere Sales-Verantwortlichen sind direkt auf die Hotelbetreiber zugegangen, um täglich sicherzustellen, dass wir die besten Preise und genügend Angebote hatten. Gleichzeitig haben wir einen grossen Marketingaufwand betrieben, um die Leute zum Download der App und zur Buchung zu bewegen.
Was war die nächste grosse Hürde?
Wir mussten auf der Gast-Seite einen Rückkehr-Effekt erzielen, damit es nicht bei einer einzigen Buchung blieb. Loyalität aufzubauen, kostet viel Geld. Mit einem Gutschein allein ist es nicht getan. Wenn es aber gelingt, eine solche Plattform als Marke zu etablieren, die von den Nutzern automatisch angewählt wird – dann ist es ein richtig grosses Business.
«Loyalität aufzubauen, kostet viel Geld.»
Sind Sie bei Guestready genauso vorgegangen?
Nein. Dort arbeiten wir mit Airbnb, Homeaway und Booking.com zusammen. Wir machen keine Werbung für Reisende. Für uns spielt es auch keine Rolle, ob in den Unterkünften, für die wir zuständig sind, immer dieselben Gäste sind oder jeden Tag andere. Damit haben wir einen grossen Unsicherheitsfaktor aus dem Geschäftsmodell entfernt.
Kann man sagen, dass Sie mit dem Einstieg bei Guestready die Seiten gewechselt haben? Airbnb gilt als Sargnagel des klassischen Hotelbetriebs.
Das Verhältnis ist nicht nur durch Konkurrenz geprägt. Ich sehe es bei mir selber: Wenn ich länger als eine Woche an einem Ort bin, entscheide ich mich eher für ein Apartment, wo es eine Küche und eine Waschmaschine gibt. Wenn ich aber nur eine Nacht an einem Ort verbringe, wohne ich lieber im Hotel. Beides hat seine Daseinsberechtigung. Über kurz oder lang werden sich unsere Mietverhältnisse ohnehin grundlegend verändern.
Wie meinen Sie das?
Die Mietfrist, wie sie in den Mietverträgen angelegt ist, wird immer kürzer werden. Ich gehe davon aus, dass wir unsere Wohnungen künftig auf Monatsbasis mieten, um eine höhere Flexibilität zu gewährleisten. Wir wollen uns nicht mehr auf ein Jahr hinaus an eine Wohnung binden. Irgendwann wird auch die Unterscheidung zwischen Gast und Mieter verwischen. Guestready operiert bereits in diesem Spektrum.
«Irgendwann wird auch die Unterscheidung zwischen Gast und Mieter verwischen.»
Um was für Wohnungen handelt es sich bei Guestready?
Das sind teilweise Wohnungen, die nur gekauft wurden, um sie weiterzuvermieten. Manche Besitzer halten sich vielleicht nur ein paar Tage im Jahr dort auf, manche auch ein paar Monate.
Wie gross ist die Nachfrage nach Ihrer Dienstleistung?
Die Nachfrage ist massiv. Airbnb hatte im letzten Jahr eine Bewertung von 30 Milliarden Dollar. Wer eine Wohnung kurzfristig vermietet, verdient mehr Geld als mit einer langfristigen Vermietung. Viele Asiaten besitzen Wohnungen in London, in denen sie sich nur ein paar Wochen im Jahr aufhalten. In der Zwischenzeit standen die Wohnungen bisher häufig leer, weil man keine langfristigen Mieter haben wollte. Heute können uns die Eigentümer mitteilen, wann sie die Wohnung für sich selber benötigen, und in der restlichen Zeit sorgen wir dafür, dass sie sie kurzfristig vermieten und ein Zusatzeinkommen generieren können.
Wie stellen Sie sicher, dass Ihr Reinigungspersonal zuverlässig ist?
Wir rekrutieren gezielt Personal, das zuvor in 5-Sterne-Hotels tätig war. Diese Leute wissen genau, worauf es ankommt und welche Details wichtig sind, zum Beispiel wie man das Bett ansprechend herrichtet oder die Tücher faltet. Wir führen Interviews mit allen Reinigungskräften und schauen uns ihren Background an. Zudem gibt es ein Controlling. Nach jeder Reinigung prüft ein spezielles Team, ob die Wohnung in Ordnung ist. Dadurch, dass wir die Leute Vollzeit beschäftigen, ist die Loyalität uns gegenüber entsprechend hoch.
«Nach jeder Reinigung prüft ein spezielles Team, ob die Wohnung in Ordnung ist.»
Hat die Entscheidung, sich bei Hotelquickly operativ zurückzuziehen und bei Guestready einzusteigen, damit zu tun, dass Sie eine App-Müdigkeit bei den Kunden beobachten?
Nein, ich habe lediglich die Gelegenheit ergriffen, mich vollkommen auf Guestready zu fokussieren und das Fundraising voranzubringen. Nach dem erfolgreichen Abschluss einer ersten Finanzierungsrunde im letzten November hatten wir uns bei Guestready für eine Seed-Finanzierungsrunde in diesem Frühjahr entschieden. Das war sehr aufwändig. Diese Runde geht nun zu Ende. Bis zur nächsten Finanzierungsrunde werde ich nicht operativ für das Unternehmen tätig sein.
Bisher sind Sie mit Guestready in London, Paris, Singapur und Hongkong tätig. Wann folgt die Schweiz?
Unser Hauptsitz befindet sich bereits in der Schweiz. In naher Zukunft werden wir hierzulande die Expansion vornehmen. Das Potenzial ist gross. Als Hauptzielorte peilen wir Zürich, Basel und Genf, eventuell auch Bern an. Wir führen bereits Gespräche mit möglichen Partnern, das heisst, mit Gebäudeentwicklern und Investoren. Ich könnte mir vorstellen, dass wir schon gegen Jahresende in der Schweiz loslegen. Als nächstes kommt aber erst einmal Dubai an die Reihe.
Zur Person:
Der Wernetshauser Christian Mischler (35) hat mit 16 Jahren sein erstes IT-Unternehmen gegründet. Nach dem Studium an der Universität St. Gallen arbeitete er als Inhouse Consultant für die Credit Suisse, bevor er für das Internet-Unternehmen Rocket Internet das Online-Food-Delivery-Unternehmen Foodpanda in mehreren Ländern Südostasiens lancierte.
2012 brachte er mit vier Kollegen die App Hotelquickly auf den Markt, die den Zugriff auf preiswerte Hotelangebote via Smartphone ermöglicht. Die Firma mit Hauptsitz in Hongkong beschäftigt über 100 Angestellte. Im April hat sich Mischler aus dem operativen Geschäft zurückgezogen. Sein Fokus liegt nun auf Guestready, einem Management-Service für Airbnb-Gastgeber. Mischler ist vor allem fürs Fundraising zuständig.
Mischler ist Partner bei Swiss Founders Fund in St. Gallen, das den Aufbau von Start-ups unterstützt, darunter auch die Online-Plattform legi.ch. Darüber hinaus ist er Vorstandsmitglied bei Gotcourts, einer Online-Plattform für Tennisspieler, die das Anbieten und Buchen von Tennisplätzen, aber auch das Finden von Spielpartnern ermöglicht. jöm
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