Darum soll ein umstrittenes Haus in Illnau erhalten bleiben
Herr Annen, wieso wurde die IG Usterstrasse gegründet?
Ueli Annen: Betrachtet man die Geschichte der Diskussion über das Haus an der Usterstrasse 23, das der Stadt gehört, ist etwas auffällig: Einige bürgerliche Parteien wollen das Gebäude um jeden Preis abreissen und kämpfen im Parlament gegen den Stadtrat, gegen den Heimatschutz und die Denkmalpflege an. Aber es gibt auch viele Illnauer, die finden, das Haus gehöre dorthin. Es war bisher jedoch nicht einfach, diese Haltung sichtbar zu machen. Nun steht gelegentlich die Abstimmung an, die den Abriss des ehemaligen Landihauses zu Gunsten eines erweiterten Dorfplatzes fordert. Deshalb wollen wir auch diesen nicht parteipolitisch ausgerichteten Stimmen Gehör verschaffen.
Was war der Auslöser für die Gründung?
Ueli Annen: Ursprünglich haben wir die IG gegründet, um den Heimatschutz zu bestätigen in seinem Anliegen, das Haus nicht aus dem Inventar für schutzwürdige Objekte zu entlassen. Zudem haben wir Geld gesammelt, um den Heimatschutz bei den Gerichtsprozessen finanziell zu unterstützen.
Viel war seither nicht von der IG zu hören.
Ueli Annen: Wir dachten, mit den Gerichtsurteilen zu Gunsten des Gebäudes sei die Sache gegessen und haben uns etwas zurück gezogen. Doch wir haben uns getäuscht. Das Parlament lehnte im April einen Antrag des Stadtrats für die Sanierung der Usterstrasse 23 ab und die Dringliche Motion der Bürgerlichen wurde nicht als erledigt abgeschrieben. Zudem wurde die Volksinitiative eingereicht. Das war Grund genug für uns, wieder aktiv zu werden.
Was halten Sie von der Initiative?
Ueli Annen: Es ist ein Versuch aufzuzeigen, dass viele Illnauer einen grösseren Dorfplatz auf Kosten der Usterstrasse 23 wollen. Es ist gut, dass die Bevölkerung sich äussern kann, die Abstimmung wird Klarheit schaffen, was den Volkswillen anbelangt. Nicht aber, was die rechtliche Situation betrifft.
Andreas Hasler: Aber nur bei einem Nein zur Volksinitiative erhielten wir in absehbarer Zeit ein erneuertes Dorfzentrum.
Wieso?
Andreas Hasler: Bei einem Ja würde der ganze rechtliche Prozess, der vom Parlament schon einmal provoziert wurde, wieder aufgerollt. Der Stadtrat müsste die Liegenschaft aus dem Inventar für schützenswerte Objekte entlassen, was wahrscheinlich einen erneuten Rekurs des Heimatschutzes nach sich ziehen würde. Dann müsste das Gericht wieder einen Entscheid dazu fällen.
Was würde dann passieren?
Andreas Hasler: Sowohl das Baurekurs- wie auch das Verwaltungsgericht haben schon einmal Nein gesagt zur Entlassung. Ob ein kommunaler Volksentscheid für den Abriss einen Einfluss auf das übergeordnete Recht hätte, kann ich nicht sagen. Aber auch wenn das Haus aus dem Inventar entlassen werden könnte, gibt es weitere Voraussetzungen für den Abriss. Die Bau- und Zonenordnung sowie der Quartier- und Gestaltungsplan müssten angepasst werden.
Was ist das für ein Gestaltungsplan?
Andreas Hasler: 2006 setzte das Parlament den Gestaltungsplan Dorfplatz Unter-Illnau fest. Damit wird der Platz in seinen bestehenden Abmessungen bestätigt, die beiden Liegenschaften Usterstrasse 23 und 25 bilden einen Baubereich. Zudem wird darin festgehalten, dass für das schutzwürdige Ortsbild Unter-Illnau ein Heimatschutzleitbild besteht. Dieses legt dar, welche ortsbaulichen Qualitäten besonders zu beachten sind.
Und wenn die Bevölkerung Nein sagt zum Abriss?
Andreas Hasler: Dann könnte der Stadtrat an die vorangegangenen Planungsarbeiten anknüpfen und die Ausführung des konkreten Bauprojekts wäre verhältnismässig eine kurze Sache.
Das Haus ist offensichtlich sanierungsbedürftig. Wieso wollen sie es erhalten?
Ueli Annen: Es ist ein Zeitzeuge, weist eine interessante historische Bausubstanz auf und prägt das Dorfbild. Zudem verhindert das Gebäude die freie Sicht auf das hässliche Landi-Silo. Auch finanziell ist der Erhalt die klar günstigere Variante. Es gibt viele Gründe für den Erhalt, wenig für den Abriss.
Manche Leute bezeichnen das Gebäude als Schandfleck.
Ueli Annen: Das Haus läuft in Gefahr komplett zu verlottern, das ist so. Es ist schade, dass der Stadtrat wegen jahrelangen Diskussion zur Passivität gezwungen ist. Aber ich kann verstehen, dass er nicht Geld investieren will, wenn das Haus möglicherweise abgerissen wird.
Andreas Hasler: Die politische Diskussion basiert darauf, dass das Haus vernachlässigt ist. Doch gleichzeitig verhindert sie, dass es saniert werden kann. Bis ein definitiver Entscheid vorliegt, werden wir nicht wissen, wie schön das Haus aussehen könnte.
Die Initianten der Volksinitiative argumentieren, nur ohne das Gebäude sei ein schöner, grosser Dorfplatz möglich. Was sagen Sie dazu?
Ueli Annen: Ein Dorfplatz lebt von den umliegenden Häusern, die das Strassenbild prägen. Ohne sie hat er keine Ausstrahlung.
Andreas Hasler: Für Illnau ist ein einladender ruhiger Dorftreffpunkt im Schutz des Hauses viel wertvoller als eine grosse lärmige Leere direkt neben dem Verkehr.
Welches sind die nächsten Schritte der IG?
Ueli Annen: Die Kerngruppe hat sich kürzlich neu konstituiert. Wir sind jetzt eine überparteiliche IG, die allen offen steht. In den nächsten Wochen werden wir unsere Website aufschalten. Damit und mit verschiedenen Aktionen wollen wir bis zur Volksabstimmung Kräfte für unsere Sache bündeln. Ausserdem brauchen wir noch Mittel, um den Abstimmungskampf zu führen. Auch wenn weder für das parlamentarische Geschäft zur Usterstrasse 23 noch für Initiative ein konkretes Zeitfenster bekannt sind. Interview: Fabian Senn
Ueli Annen ist Alt-Kantonsrat (SP) und wohnt seit 1975 in Illnau. Er bildet zusammen mit seiner Frau Judith Bertschi Annen, Almut Berger, Rainer Hugener und dem grünliberalen Gemeinderat Andreas Hasler die Kerngruppe der IG Usterstrasse 23.
Was die Initiative will
Die Jungliberalen, die FDP, die BDP und die SVP wollen einen erweiterten Dorfplatz im Zentrum Unter-Illnaus. Er soll Kontakt- und Begegnungsraum für die Bevölkerung sein, Platz für Anlässe und Feste jeder Art bieten. Wie schon eine Dringliche Motion fordert auch die Volksinitiative «Für ein attraktives Dorfzentrum Illnau», dass die Liegenschaften Usterstrasse 23 und 25 abgerissen und auf der Parzelle der Usterstrasse 25 ein Neubau entsteht.
Dafür sei in erster Linie ein Investorenwettbewerb oder eine öffentlich-private Partnerschaft anzustreben, fordert das Initiative-Komitee. Durch eine Zentrumsaufwertung, mit der günstige Rahmenbedingungen für das Gewerbe geschaffen werden, werden auch mehr Einkaufsmöglichkeiten rund um den Dorfplatz angestrebt.
Mit der Volksinitiative wollen die bürgerlichen Parteien zeigen, dass das Anliegen eines erweiterten Dorfplatzes in der Bevölkerung verankert sei. Ein Ja zum Abriss der Usterstrasse würde zu einen konkreten Projekt führen und hätte eine erneute Entlassung der Liegenschaft aus dem Inventar für schutzwürdige Objekte zur Folge.
In dem wahrscheinlich nachfolgenden Gerichtsprozess würde der positive Volksentscheid vom Gericht als übergeordnetes öffentliches Interesse gewertet werden, hoffen die Initianten. Dann könnte die Liegenschaft aus dem Inventar entlassen werden und dem erweiterten Dorfplatz würde nichts mehr im Weg stehen.
Die bürgerlichen Parteien sind zudem der Meinung, dass die Sanierung der Usterstrasse 23 teurer wäre als die Ausarbeitung und Umsetzung ihrer Pläne (wir berichteten)