«Meine Tauben wegzugeben, hat mir das Herz gebrochen»
Eduard Bleuler liegt mit traurigen Augen im Spitalbett in Wetzikon. Seine Arme und die rechte Seite seines Gesichts sind übersät mit roten Schürfungen und blauen Ödemen. «Das ist wegen des Blutverdünners», sagt er leise, seine Zunge bewegt sich schleppend, die Worte klingen leicht lallend. Am Morgen wurde ihm erstmals Morphium verabreicht.
Im Dezember letzten Jahres hat Bleuler eine Auszeichnung vom Schweizerischen Brieftaubensport-Verband erhalten. «Ein Teller, weil ich 50 Jahre dabei war», sagt er stolz. Ehrenmitglied sei er ja bereits lange gewesen. «Ich habe schon als Schulbub meinem Vati mit den Tauben geholfen. Der war auch 60 Jahre lang ein Tübeler.» Seit der Kindheit drehte sich Bleulers Leben um Tauben. «Alles machte einen Sinn, hatte einen Zweck. Bis jetzt», sagt er und zuckt mit den Schultern.
«Das sieht nicht gut aus»
Die Türe geht auf und ein strahlender Mann mit braunem Teint und weissem Bart spaziert in Bleulers Zimmer. «Hoi Edi, was machst du wieder für Sachen?« «Nichts Gutes», antwortet er, lächelt aber beim Anblick seines Freundes. Andreas Adam ist ebenfalls Tübeler. Die beiden sind seit 40 Jahren im selben Verein: Dem Brieftaubensport-Verein Glattal-Zürich-Oberland. Auch im Militär waren sie gemeinsam als Brieftaubensoldaten tätig. Die Schweizer Armee hat noch bis Mitte der 90er-Jahre Brieftauben zur Übermittlung von Nachrichten verwendet. Adam stellt sich vors Bett, stützt sich auf die Querstange und blickt seinen Freund an. Sein Strahlen schwindet.
Bleuler, einst ein beleibter, pausbäckiger Mann, ist dünn geworden. Seine aschfarbene Haut scheint regelrecht abzublättern, mehrere Schläuche führen zu seinen Armen, während eine Flüssigkeit neben seinem Bett stetig in einen Sack tropft. Adam seufzt: «Heieiei, das sieht aber nicht gut aus.»
Er musste seine Tauben aufgeben
Der 74-jährige ist seit über zwei Jahren krank. Zuerst Bauchspeichel- und jetzt auch noch Prostatakrebs. Etliche Operationen hat er über sich ergehen lassen. Doch die Schmerzen im Bauch verschwinden nicht. «Das kommt schon wieder», sagt er nun und versucht mit seinen geschwollenen Fingern ein Stück Eis aus einer Schale zu fischen. Es gelingt ihm nicht.
Bis vor kurzem kletterte Bleuler noch auf die Winde seines Flarzhauses, wo er sich um seine 60 Tauben kümmerte. «Mehrmals am Tag kraxelte ich da rauf, um sie zu füttern, rauszulassen und auszumisten.» Weil er grauen Star bekommen hatte, wurde die steile Treppe zu einem immer grösseren Hindernis. Ein Freund half ihm eine zeitlang, doch dann meldete sich der Krebs in aller Heftigkeit. Bleuler musste alles aufgeben, auch seine Tauben.
«Es hat mir das Herz gebrochen», sagt er und schluckt sichtlich schmerzhaft. Langsam lösen sich zwei Tränen und rinnen über seine Schläfen auf das Kissen «Darf ich noch ein bisschen Eis? Mein Mund tut weh», sagt er mit belegter Stimme.
Sehnsucht nach dem Partner
Tuube-Edi, so nennen ihn die anderen Tübeler. «Er war mit Herzblut dabei, ich weiss nicht, ob irgendjemandem im Verein die Vögel so viel bedeutet haben wie ihm», sagt Adam. Flugleiter sei er gewesen in Mendrisio und Bellinzona, etliche regionale und nationale Preise habe er gewonnen. «Der Abschied von seinen Tauben hat ihn zerstört.»
Bleuler spricht gerne von den alten Zeiten. Wenn ihm die Sprache versagt, übernimmt Adam die Erzählungen und Erklärungen: «Brieftauben werden für Wettbewerbe eingekorbt und mit dem Zug an den Austragungsort transportiert.» Der Flug führe immer nach Hause zurück. «Eine gute Brieftaube erreicht bis zu 70 Kilometer pro Stunde, wenn sie den Wind nutzen kann, schafft sie sogar 120.» Damit sie bei der Ankunft am Taubenschlag umgehend in ihre Zelle fliege, trenne man sie bereits vor dem Wettkampf von ihrem Partner. «So hat sie Sehnsucht und will sofort zurück zu ihm.»
Vor der Türe sind Stimmen jetzt zu hören, Bleuler blickt gebannt in die Richtung. Zwei Männer und eine Frau erscheinen, alle mit besorgter Miene. Auch sie sind Vereinsmitglieder und besuchen ihren kranken Freund regelmässig.
Kein Mann grosser Worte, aber grosser Taten
Er habe jetzt gerade mit der Schwester gesprochen, sagt Gerhard Morf, ehemaliger Präsident des Brieftaubensport-Vereins, wenig später ausser Hörweite. «Es sieht nicht gut aus.» Er bezweifle, dass der Edi das Spital nochmals verlassen werde. «Eine Ungerechtigkeit ist das, eine Schande.» Niemand habe das weniger verdient als Edi. «Er ist ein herzensguter Mensch, der zeitlebens nur das Wohl der anderen im Kopf hatte.»
Dieses Schicksal sei brutal, sagt auch Adam. «Er hat sich stets aufgeopfert.» Wenn jemand Hilfe brauchte, sei Edi sofort zur Stelle gewesen. «Er hat sich um alle gekümmert: seinen behinderten Onkel, seinen Vater, seine Tauben, seine Freunde.» Er sei kein Mann grosser Worte, aber grosser Taten. «Nun liegt er da, nur noch die Hälfte seiner selbst, ans Bett gefesselt und am Ende», sagt Adam und blickt auf Bleuler, der erneut vergeblich versucht, ein Stückchen Eis in die Finger zu bekommen. «Er ist einer meiner besten Freunde und es macht mich kaputt, ihn so leiden zu sehen.»
«Er war immer sehr zuverlässig und ruhig.» Hans Burkhard kennt Bleuler ebenfalls seit vielen Jahren aus dem Verein. Wenn es einmal zu Streitigkeiten unter den Tübelern gekommen sei, habe der Edi sofort mit seiner sanften und analytischen Art geschlichtet. «Ich schätze ihn ungemein.» Auch weil er nie verbissen oder fanatisch gewesen sei. «Obwohl er zur Elite gehörte.»
Zuerst das Kotelett, dann der Preis
Das zeigt eine Anekdote, die seine Freunde gerade am Spitalbett erzählen. Bleulers Tauben waren beim internationalen Wettflug ab Pau in Südfrankreich gestartet. Die Distanz nach Hause betrug 864 Kilometer. Viel eher als erwartet traf eine seiner Vögel im Schlag in Wetzikon ein. Bleuler weilte in Schwerzenbach und sass gerade mit einem Kotelett auf dem Teller am Tisch, als sein Vater ihn über die überraschende Ankunft informierte. Damals dienten noch sogenannte Konstatier-Uhren dazu, die Flugzeit der Taube festzustellen. Dazu mussten die zwei Gummiringe, die an den Füssen der Vögel befestigt waren, in die Uhr einlesen werden. Diese spukte dann die Koordinaten des Abflugs- und Ankunftsortes aus und berechnete die Minutenkilometer. Doch die Uhr war noch nicht gerichtet.
Statt los zu hasten, um alles so geschwind wie möglich bereit zu machen, setzte sich Bleuler wieder an den Tisch und ass in Ruhe sein Kotelett. Eine Stunde nach Ankunft der Taube hatte er die Ringe schliesslich eingelesen und erreichte damit sogar noch einen Spitzenplatz.
Liebe auf den ersten Blick
Ein Lächeln umspielt nun Bleulers Lippen. «Das weiss ich noch, als wäre es gestern gewesen. Die schönste Zeit meines Lebens.» Mit den anderen Tübelern nach einem Wettkampf zusammenzusitzen, das sei herrlich gewesen. Er sei froh, dass ihm der harte Kern aus dem Verein geblieben sei. Viel mehr habe er ja nicht mehr. «Ausser meiner Alice, ohne sie wäre ich schon lang unter der Erde.»
Alice ist Bleulers Lebenspartnerin. Er hat sie im Nachteulenklub Etthenhausen kennengelernt, ein Wohltätigkeitsverein, der sich um Behinderte, Kinder und ältere Menschen kümmert. Bleuler war regelmässig dort, um auszuhelfen. Eines Tages sah er Alice. «Ob es Liebe auf den ersten Blick war? Ja, so könnte man es nennen», sagt er nüchtern. Sie seien schon 20 Jahre zusammen, geheiratet hätten sie nie. «Sie wollte nicht und ich auch nicht dringend.» Kinder hat Bleuler keine. «Ich brauchte die Zeit für meine Tauben.»
«Das Allerschönste war, wenn sie heimkamen»
Auch sein Beruf scheint für Bleuler eher eine Nebensache gewesen zu sein. «Chämifäger war ich zuerst, dann habe ich als Chauffeur und in der Spedition gearbeitet.» Schliesslich war er beim Kanton Zürich in Hinwil für den Strassenunterhalt zuständig. Er habe sich immer auf den Feierabend gefreut, wenn er zurück in den Taubenschlag gehen konnte.
Rund 4000 Tauben besass Edi Bleuler in seinem Leben. «Viele hat der Habicht geholt, das war jeweils bitter», sagt er jetzt. Einige seien auch in einem Gewitter oder durch eine Stromleitung umgekommen. «Das Allerschönste am Tübelen war, wenn sie heimkamen.»
Eine Lebensweise, kein Hobby
Gerhard Morf nickt verständnisvoll: Tübelen sei etwas, das einem nicht mehr loslasse. Die Kollegialität unter den Männern, die Feste, die Ausflüge, die Wettkämpfe – all dies mache daraus mehr als ein Hobby. «Es ist eine Lebensweise. Und der Edi, der hat sie verinnerlicht.»
Seine Freunde stehen jetzt versammelt um sein Bett. Adam, der weisse Hochzeitstauben züchtet, witzelt, ob Bleuler nicht doch noch heiraten wolle. Dieser schaut aus seinen blauen traurigen Augen in die Runde: «Bei mir lassen sie die Tauben dann auf dem Friedhof fliegen.»