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Lagerfeuer, Abseilen und Streiche: Die Pfadi Wetzikon wird 100

1917 gegründet, feiert die Pfadi Wetzikon & Bäretswil am Samstag, 8. Juli, ihren 100. Geburtstag. Der 92-Jährige Jakob Streiff, sein 60-jähriger Sohn Andi und die 40-jährige Marina Pezzatti, Leiterin des Altpfadivereins, blicken zurück auf ihre Pfadi-Erlebnisse und erzählen wie sich die Organisation im Laufe der Zeit gewandelt hat.

Drei Generationen Pfadi Wetzikon: Andi Streiff (links), Marina Pezzatti und der 92-jährige Jakob Streiff. (Bild: Seraina Boner), Die Pfadi Wetzikon beim Brückenbau über den Chrattenweiher 1919. (Bild: zvg), Die Abteilung Wetzikon 1922. (Bild: zvg), Das Lager der Pfadi Wetzikon 1940. (Bild: zvg)

Lagerfeuer, Abseilen und Streiche: Die Pfadi Wetzikon wird 100

«Alle haben ihre individuellen Pfadierinnerungen», sagt Marina Pezzatti, Präsidentin des Altpfadi-Vereins und Mitorganisatorin der 100-Jahre Feier am Samstag, 8. Juli. Die 46-Jährige meint damit, dass jede Generation seine eigenen Erinnerungen und Erlebnisse aus der Pfadizeit mitnimmt. Wie sehr sich die Pfadi Wetzikon seit ihren Anfängen gewandelt hat, zeigt sich im Gespräch mit Pezzatti, dem 92-jährigen Jakob Streiff und dessen 60-jährigem Sohn Andi. Alle drei waren sie in ihrer Jugend aktive Pfadi-Mitglieder und wenn sie erzählen, merkt man, dass sie sich gerne daran zurückerinnern.

Dabei war es 1917 ein harziger Start für die Pfadi Wetzikon. Jakob Streiff erzählt: «Zu Beginn wurde sie angefeindet und misstrauisch aufgenommen. Sie kam aus dem Ausland und drängte sich zwischen die verschiedenen bereits vorhandenen Organisationen für Jugendliche.» Als er 1937 eingetreten sei, habe man von diesem Misstrauen nichts mehr gespürt. Der junge Jakob erfreute sich an allem was die Pfadi zu bieten hatte. «Die technische Einführung ins Kartenlesen, Seil-, Samariter-, Heimatkunde sowie Vaterlandsliebe, all dies steckte im Begriff Pfadi drin.» Der geistige Hintergrund der Pfadi sei damals das Kernstück gewesen.

Er habe sich mit der Pfadi-Leitlinie, dem Vermächtnis des britischen Pfadi-Gründers Baden Powell, identifiziert, so Streiff. Sie lautete: «Der Pfadfinder ist treu Gott und dem Vaterland. Der Pfadfinder ist hilfreich dem Nächsten. Der Pfadfinder ist gehorsam dem Pfadfindergesetz.» Die Pfadi sei damals, zwei Jahre vor dem zweiten Weltkrieg sehr christlich und vaterlandstreu gewesen. «Das war wichtig», betont er. «Unser Tenue war immer tip top, wir marschierten jeweils am Samstagnachmittag in Viererkolonnen in Wetzikon die Bahnhofstrasse herauf. Unsere Übungen absolvierten wir im Kemptnertobel, Mooshölzli oder im Oberustermer Wald», erinnert sich Streiff Senior lebhaft.

Der Einfluss der 68er-Generation

Jakobs Streiffs Sohn Andi, der von 1967 bis 1980 aktiver Pfader war, erlebte die Pfadi in einer anderen Zeit. «Das ordentliche Auftreten, worauf mein Vater so viel Wert legte, die Prüfungen, die Grade, das Antreten, all dies wurde zu meiner Zeit abgeschafft. Das war bei uns schon komplett anders», sagt Andi Streiff. Der 92-Jährige bestätigt: «Mein Sohn hatte die gleichen Richtlinien wie wir, aber sie haben sie sich zurechtgebogen. Das war die 1968er-Generation, die ein bisschen machte, was sie wollte. Sie hatten es vor allem lustig und haben einige mutige Sachen gemacht.» Das Wesentliche, das dahinter gestanden habe, habe nicht mehr gross durchgedrückt, so Jakob Streiff.

Die Schule war kontrolliert, die Pfadi total anders. Eine andere Welt, ohne Erwachsene. Man hatte plötzlich so viele Freiheiten

Auf die Frage, ob ihn dies als Vater gestört habe, antwortet Jakob Streiff ohne Umschweife: «Ja, das gefiel mir nicht. Wir haben noch versucht Gegensteuer zu geben, so weit dies möglich war. Aber sie hatten selber das Kommando.» Womit Jakob Streiff auch gleich etwas anspricht, was die Pfadi seit jeher auszeichnet. Es ist eine Organisation, die von Jugendlichen geleitet wurde und wird. Was übrigens mit ein Grund gewesen sei, warum die Pfadi anfangs auf Skepsis stiess, bemerkt Andi Streiff. Ihm gefiel es besonders, dass die Jungen unter sich waren: «Die Schule war kontrolliert, die Pfadi total anders. Eine andere Welt, ohne Erwachsene. Man hatte plötzlich so viele Freiheiten», erinnert er sich.

Wir konnten auch mal einen Seich machen und wurden trotzdem von der Gesellschaft getragen

«Zu meiner Zeit war die gesellschaftliche Akzeptanz bereits riesig. Wir profitierten von dem, was die Generation meines Vaters aufgebaut hatte», sagt Andi Streiff. Die Unterstützung bei einem Anlass sei von allen Seiten gross gewesen. Der Bäcker habe geholfen, der Papeterist ebenso, die Eltern hätten angepackt. Und ganz wichtig: «Wir konnten auch mal einen Seich machen und wurden trotzdem von der Gesellschaft getragen.» Dies bestätigt auch Marina Pezzatti. «Wenn etwas passierte, hatten wir die Eltern vorbehaltlos hinter uns. Dieses Vertrauen in uns junge Leiter war bezeichnend für unsere Zeit und heute für die aktuelle Pfadi sicher nicht mehr ganz so einfach.» Abseilen im Kemptnertobel? Heute unvorstellbar. «Das waren gefährliche Übungen», erzählt Andi Streiff. Er hat einige lustige Anekdoten auf Lager, die heute wohl zu einem gross angelegten Polizeieinsatz führen würden. «Einmal haben wir eine Filmszene gedreht. Etwa 20 Jungs von uns radelten mit dem Gewehr des Grossvaters auf dem Rücken durch die Gegend Richtung Drehort», erzählt er und lacht. «Das muss man sich mal vorstellen.»

Gemischte Gruppen

Marina Pezzatti, die Jüngste in der Runde, hat in ihren Pfadi-Zeiten ebenfalls grosse Veränderungen erlebt. «Mädchen und Buben waren seit jeher getrennt. Ich ging 1986 in einer Zeit in die Pfadi, in der man langsam die Abteilungen und Pfadibünde zusammenlegte. Das wäre früher nie in Frage gekommen.» Andi Streiff ergänzt und lacht: «Wir hatten richtige Vorurteile den Mädchen gegenüber. Sie galten als extrem brav und langweilig.» Doch Pezzatti legt Wert darauf, festzuhalten, dass die Mädchen-Pfadi eine wichtige Rolle spielte. «Es gab in den 100 Jahren Pfadi Wetzikon fast durchgehend auch immer Mädchen-Gruppen.» Dass diese selbständig in Lager gingen, sei keineswegs selbstverständlich gewesen. «Sie machten in den Lagern alles alleine und hatten das Gefühl sehr autonom zu sein. Was sie ja auch waren», ergänzt sie. Schlussendlich habe sich die Pfadi wohl einfach analog zur Gesellschaft verändert.

Und heute? Auch Pezzattis Sohn, Jahrgang 2001, ist in der Pfadi. «Kartenlesen lernen sie wohl eher nicht mehr. Für das gibt es heute GPS», sagt sie und lacht. «Aber man muss aufpassen, dass man nicht zu nostalgisch wird. Die heutigen Kinder machen einfach andere Übungen, spielen viel mehr.» Es sei heute doch schon selten, dass Kinder überhaupt noch mit ihren Kollegen in den Wald gehen, sagt Pezzatti und findet gegen Ende des Gesprächs ein schönes Schlusswort: «Die Begebenheiten haben sich in den 100 Jahren verändert. Der Kern der Pfadi bleibt aber gleich: Man ist draussen, unternimmt etwas zusammen, sitzt am Feuer und schliesst Freundschaften.»

Die Pfadi Wetzikon feiert ihren 100. Geburtstag am Samstag, 8. Juli in der Galerie Nagelstucky am Tobelweg 9. Kein öffentlicher Anlass.

 

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