Hier kühlen sich die Einheimischen ab
Wasserplätschern und Kinderstimmen in der Ferne. Es ist über 30 Grad heiss, die Sonne brennt auf der Haut, der Schweiss tropft von der Stirn. Auf der Suche nach Kühlung bin ich unterwegs an der Töss in Steg. Doch von der scheint nicht mehr viel übrig. Das Bachbett ist ausgetrocknet.
Dass sich hier etwa zwei bis drei Kilometer entfernt vom Skilift Steg in Richtung Strahlegg ein geheimer Badeort mit Wasserfall und natürlichen Badewannen befinden soll, wie ein Kollege behauptet, kann ich beim Anblick der verödeten Töss kaum glauben.
Oberhalb des Quellwasserpumpwerks Buri werde ich aber eines besseren belehrt. Das Wasserrauschen wird lauter. Mütter steigen mit ihren Kindern, bepackt mit Badeutensilien, die Treppenstufen beim Reservoir hinunter und verschwinden zwischen dem Geäst. Ich schreite bis zum Ende des Reservoirgeländers und vor meinen Augen eröffnet sich eine kleine Schlucht. Mehrere Wasserwannen reihen sich aneinander. Die Töss fliesst gemächlich von einer in die andere. Dazwischen liegen ein paar farbige Badetücher. Kinder mit Schwimmflügeli strecken behutsam ihre Füsse ins Wasser.
Abtauchen unter dem Wasserfall
Das natürliche Kleinod gibt es also doch, denke ich mir und steige die Treppen hinunter. Unten angekommen präsentiert sich die Badestelle noch eindrücklicher. Auf der linken Seite des Tobels plätschert ein kleiner Wasserfall in das grösste und tiefste Becken. Nicht nur Planschen ist darin möglich. Eine Frau schwimmt von einem Ende zum anderen. Ich tue es ihr gleich und hüpfe in die natürliche Badewanne. Das Wasser ist frisch – zwischen 18 bis 20 Grad schätze ich. Es ist herrlich erfrischend, gerade bei 30 Grad im Schatten. Die Farbe des Wassers erinnert an die Maggia im Tessin. Ich schwimme zum Wasserfall und tauche unter ihm durch. Ferienstimmung kommt auf. Ich bin positiv überrascht von dieser Naturperle und vergesse fast, dass ich mich nur 20 Minuten von der Redaktion in Wetzikon entfernt befinde. Das einzig Störende: Die kleinen Fliegen und Mücken, die sich oberhalb der Wasseroberfläche beim Wasserfall tummeln.
«Der Ort ist eine gute Alternative zur Badi.»
Andi Nüssli aus Fischenthal
Im kleinsten etwa knietiefen Becken wagen sich die Schwestern Riana und Lina aus Fischenthal ins Wasser. Sie sind mit ihrem Vater Andi Nüssli hier. «Der Ort ist eine gute Alternative zur Badi», sagt er. Er biete etwas mehr Abenteuer für die Kinder. «Die natürlichen Swimming Pools sind toll und sie bringen die nötige Kühlung bei diesem Wetter.» Auch ich probiere dieses Becken aus. Es ist zu klein, um zu schwimmen. Dafür kann man gemütlich reinsitzen. Ideal für kleine Kinder, die noch nicht schwimmen können.
Auch Anna de Boer ist mit ihren Kindern Lily und Moritz, einer Freundin und deren Nachwuchs zum Buri gekommen. Die Mutter ist in Steg aufgewachsen und hat als Kind schon hier gebadet. Sie wohnt seit fünf Jahren in Bichelsee im Thurgau. «Der See dort ist auch schön, aber viel zu überlaufen. Ich fahre lieber eine halbe Stunde nach Steg, damit ich meinen Frieden habe», sagt de Boer. Man könne hier die Natur geniessen, in Ruhe baden und sogar grillieren. Für sie ist der Buri ein Geheimtipp und das soll er auch bleiben. «Es wäre schade, wenn plötzlich alle diesen Ort kennen und viele Leute hierher kommen.» Der Reiz würde verloren gehen, meint sie.
Ein Salto ins Wasserbecken
Im Gehölz auf der Höhe des etwa zehn Meter hohen Wasserfalls bewegt sich etwas. Ein junger Mann tritt zwischen den Bäumen hervor. Er schaut in die Tiefe hinunter, dann springt er ab, schlägt einen Salto und landet in der Mitte des grossen Beckens. «Es ist nicht ungefährlich. Man muss zielen können. Das Becken ist an der tiefsten Stelle vier Meter tief», sagt der Springer. Er heisst Raphael Heimgartner und ist häufig im Buri anzutreffen. «Auch bei diesen heissen Temperaturen ist es schön kühl hier. Das Wasser ist klar und erfrischend», sagt der Baumer. Sein Highlight im Buri ist eindeutig das Springen. Das sei nicht überall möglich. Der 23-Jährige hat Ferien und will mit seinen Kollegen aus Bauma und Gibswil den Nachmittag und Abend an dieser speziellen Stelle der Töss verbringen.
«Das Ambiente ist schön. Es hat Schatten und Sonne. Wir können Musik hören, grillieren und ins Wasser springen und niemand sagt etwas.»
Mireille Mosca aus Bauma
Ihre Zelte hat die Gruppe nicht in der Schlucht, sondern auf der anderen Seite des Wasserfalls aufgeschlagen. Auch hier laden Wasserwannen zum baden ein. Hip-Hop-Beats von Eminem und Kendrick Lamar hämmern aus Musikboxen. Zwei Campingstühle stehen im Geröll, daneben liegen mehrere Decken. Eine Wassermelone, Getränke und Würste kühlen im Wasser.
«Das Ambiente ist schön. Es hat Schatten und Sonne. Wir können Musik hören, grillieren und ins Wasser springen und niemand sagt etwas», sagt Mireille Mosca aus Bauma. Die 20-Jährige kennt den Geheimtipp vom Biken. «Wenn wir zur Tössscheidi fahren, machen wir hier immer einen Halt, um uns abzukühlen.» Auch ihr Kollege Erich König ist begeistert von der Badestelle. «Ich war noch nie hier. Es ist ein toller Ort, wenn man wie ich gerne in der Natur ist», sagt der 23-Jährige. Nach und nach stossen mehr Kollegen zur Gruppe. Die Männer versuchen Äste zu zerkleinern, um sie zu Brennholz zu machen. «Geh dir doch schnell eine Wurst kaufen und grillier mit uns mit», sagt Heimgartner zu mir. Im Buri hat man nicht nur seinen Frieden, sondern man bekommt auch Gesellschaft, wenn man will.
«Es wäre schade, wenn plötzlich alle diesen Ort kennen und viele Leute hierher kommen.»
Anna de Boer, aufgewachsen in Steg
Über das Brückchen zwischen den oberen Wasserwannen kurz vor dem Wasserfall spaziert Sandro Beer mit seiner Tochter Livia und Labrador Buddy. Er beobachtet wie Bädeler in das tiefe Wasserbecken springen. «Ich habe gehört, dass die Leute hier reinspringen, aber heute habe ich es zum ersten Mal selber gesehen.» Seine Schwimmsachen hat er nicht mitgenommen. «Es ist auch so schön kühl hier im Wald», sagt der Baumer. Definitiv ein Bad nehmen werde aber sein Hund.
Die letzte Badestation ist an der Reihe: Ich setze mich in ein seichtes Becken oberhalb des Wasserfalls, sünnele ein bisschen und schiesse Erinnerungsfotos. So kann ich beweisen, dass Gutes manchmal so nah ist. Das wissen auch die Badenden. Anna de Boer kommt mit der Bitte auf mich zu, den genauen Standort nicht zu verraten. Sie will ihr geheimes Naturparadies vor zu vielen Menschen bewahren. Verständlich.