«Auf der Bühne fühle ich mich wie 19»
Was hat sie in die Schweiz geführt?
Roger Glover, Bassist von Deep Purple: Das Schicksal. Die ersten 30 Jahre lebte ich in Wales und England, die nächsten mit meiner ersten Frau in den USA. Dann verliebte ich mich in eine Deutschschweizer Flugbegleiterin. Als wir plötzlich miteinander Kinder hatten, zog ich hierher. Und nun finde ich es wunderbar!
Was speziell?
Hier in Europa gibt es eine Art von Kultur, die Amerika nicht hat. An der Schweiz schätze ich ihre zentrale Lage und, dass sie für Qualität steht. Wo ein Schweizerkreuz drauf ist, denkst du gleich: «Oh, das muss gut sein, es ist Swiss Made!» Es ist zwar nicht immer so, aber meistens …
Welche Ziele haben Sie sich mit «Infinite» gesteckt?
Wenn man schon so viel Musik gemacht hat, welche die Leute kennen, wie Deep Purple, läufst du Gefahr, einen Teil deiner Fans zu verlieren, wenn du etwas veränderst. Wenn du gar nichts tust, kannst du jedoch zur Parodie deiner selbst werden. Ich glaube, wir haben auf dieser Platte beides vermieden. Wir versuchen immer unser Bestes zu geben, sind aber reifer geworden und nehmen uns nicht mehr so ernst.
Ist das Klima in der aktuellen Deep-Purple-Besetzung so gut, dass die Band für Sie wie eine zweite Familie ist?
Oh, das war nie anders! Wobei die beiden Familien sehr unterschiedlich sind. Erst bist du Vater und Ehemann, kümmerst dich um den Haushalt und mähst den Rasen, und dann trittst du hinaus ins Rampenlicht und spielst vor Tausenden von Leuten lauten Rock’n’Roll. Weil das ein rechter Spagat ist, brauche ich immer ein paar Tage, bis ich mich umgewöhnt habe.
Sie sind 71, wirken aber jünger. Wie jung fühlen Sie sich auf der Bühne?
Als wäre ich 19. Ian Paice sagt immer, er fühle sich wie mit 15. Aber ist auch jünger als ich … (Lacht) Eigentlich hat sich seit meinem ersten Engagement mit Episode Six 1965 in einem Club in Frankfurt nur wenig verändert. Ich erinnere mich, wie ich bei unserem letzten Set, kurz vor 3 Uhr nachts, meine Finger betrachtete, die ich mir blutig gespielt hatte, und dachte: «Jetzt bist du ein Profimusiker und tust, was du liebst». Heute macht es mir sogar noch mehr Freude, weil ich mehr zu schätzen weiss, was ich zwischenzeitlich für selbstverständlich hielt.
Wir verlosen 1×2 Tickets für Deep Purple am Rock the Ring sowie 3x das Album «Infinite»! Zur Teilnahme hier klicken.
Wie ehrgeizig sind Sie?
Mit Episode Six wollten wir unbedingt in die Charts, schafften es jedoch nie. Als ich zu Deep Purple kam, die nicht darauf aus waren, einen Hit zu landen, sondern nur gute Musik machen wollten, habe ich diese Einstellung übernommen. Und plötzlich war der Erfolg da. Er kam, als ich nicht mehr danach strebte. Da habe ich gelernt, dass du die grossen Dinge im Leben nicht planen kannst. Sie passieren einfach. Also lass den Kosmos einfach seine Arbeit machen und geniess die Fahrt!
Als Produzent haben Sie trotzdem schon oft Einfluss genommen. Was unterscheidet die Machart der neuen CD von legendären Alben wie «Deep Purple in Rock»?
Viele Leute meinen, «Infinite» klinge, als hätten wir sie in den 70er-Jahren aufgenommen. Wir waren auch wieder alle in einem Raum, haben alles zusammen gemacht und versuchten so nahe wie möglich an den ursprünglichen Aufnahmen zu bleiben. Wichtiger als Perfektion war uns die Frische.
Welche Rolle spielte dabei «The Wall»-Produzent Bob Ezrin?
Ich bin sehr zufrieden mit Bob. Wir sind völlig einer Meinung. Ich vertraue ihm und respektiere ihn. Und er vertraut und respektiert uns. Ich wünschte, wir hätten mit ihm nicht nur die beiden letzten Alben gemacht, sondern ihn schon vor 20 Jahren gefunden, denn es ist einfacher, wenn es im Studio eine neutrale Instanz gibt als wenn ich den Rest der Band von meinen Ideen überzeugen muss. «Purpendicular» möchte ich allerdings nicht missen. Es ist eines meiner Lieblingsalben – und ich rühme mich nicht oft selbst für meine Taten! (Lacht)
Für «Smoke On The Water» kann man Sie aber gar nicht oft genug rühmen. Was fällt Ihnen spontan zum berühmtesten Rocksong Made in Switzerland ein?
Als das Casino in Montreux abbrannte, wo wir mit Hilfe des Stones Mobile Studios aufnehmen wollten, kamen wir in Zeitnot. Eine der drei Wochen, die wir es gemietet hatten, ging drauf, bis wir mit dem Grand Hotel geeigneten Ersatz gefunden hatten. Weil es ausser Betrieb war, musste jedoch zwei Stunden vor den Sessions jemand die Heizung aufdrehen. So kalt war es. In Erinnerung geblieben ist mir auch der verschlungene Weg durch mehrere Zimmer und die Lobby bis zum Truck, den wir zurücklegen mussten, wenn wir die Aufnahmen anhören wollten. Er führte über einen Balkon, von dem aus ich immer die Aussicht auf den Genfersee und die französischen Alpen genoss.
Wann entstand der Text?
Ein paar Tage nach dem Feuer erwachte ich mit diesen Worten auf den Lippen und erwähnte sie gegenüber [Sänger] Ian Gillan. Sie gerieten jedoch in Vergessenheit. Erst, als wir merkten, dass wir noch nicht genügend Songmaterial für «Machine Head» hatten, schrieben wir zu Ende, was wir erlebt hatten. Wir dachten uns dabei nicht viel, hielten das Lied höchstens für eine [Single-] B-Seite …
War die Erwähnung von Claude Nobs als «funky Claude» eine bewusste Hommage?
Ja, denn ohne ihn hätte es die Platte gar nicht gegeben! Er hat uns nach dem Brand das Theater The Pavilion, wo sich die Nachbarn aber über den Lärm beklagten, und das Grand Hotel vermittelt. Seinem Gesichtsausdruck auf dem Foto in der Plattenhülle sieht man an, wie sehr er Angst hatte, dass mit dem Casino auch seine Karriere als Montreux Jazz Festival- und Tourismus-Direktor in Flammen aufgehen würde.
Was – ausser der Musik – ist Ihnen wichtig?
Wenn ich kann, male oder fotografiere ich. Meine Kinder nehmen viel Zeit in Anspruch. Selbst, wenn sie in der Schule sind. Dann musst du aufräumen, was sie hinterlassen haben, und dich auf ihre Rückkehr vorbereiten. Wenn sie im Bett sind, schreibe ich oder höre Internet-Radio. Keine Rock- oder Heavy-Metal-Sender, am liebsten Bob Dylan. Ich mag Texte, die ich selbst nicht so hätte schreiben können.
Was haben Sie gedacht, als Dylan nicht zur Nobelpreis-Verleihung erschienen ist?
Mir war egal, was er tat. Ich fragte mich, was ich an seiner Stelle tun würde, und erinnerte mich daran, dass wir zuerst zweimal erfolglos für die Aufnahme in die Rock’n’Roll Hall of Fame nominiert waren. Wir überlegten, ob wir verkünden sollten, dass wir eh darauf verzichten, weil das viel mehr Publicity geben hätte, sagten dann aber, dass sie uns nicht so wichtig ist. Als wir dann das T-Shirt und die Plakette bekamen, war das Beste daran auch, dass ich mich endlich mal in Ruhe mit Metallica-Schlagzeuger Lars Ulrich austauschen konnte. Wir haben die ganze Nacht durchgemacht!
Am 24. Juni treten Sie mit Deep Purple bei «Rock The Ring» in Hinwil auf. Welches war Ihr letztes denkwürdiges Konzert in der Schweiz?
Ich erinnere mich an einen Gig im Schneesturm am Fuss der Jungfrau. Es war der letzte Tag der Skisaison in Grindelwald. Wir brauchten ein Pistenfahrzeug, um bis zur Bühne zu gelangen, und mir wären beinahe die Finger abgefroren!
Fahren Sie Ski?
Einmal im Jahr fahren wir nach Vignogn, wo die Familie meiner Freundin ein Haus besitzt. Mir gefällt, dass es dort nicht so touristisch ist. Es hat immer Platz am Lift und in einer halben Stunde kann man diese tollen Thermen in Vals besuchen.
Interview: Reinhold Hönle
Deep Purple spielen am Samstag, 24. Juni am Rock the Ring im Autobahnkreisel Hinwil. Es sind noch Tagestickets erhältlich.