«Junge haben keinen Bock auf Modellbahnen»
Herr Storz, vor 50 Jahren war die Modelleisenbahn der typische Knabenwunsch. Wer beschäftigt sich heute noch mit Modelleisenbahnen?
Hans-Peter Storz: Die Jungen haben keinen Bock mehr auf Modelleisenbahnen. Ihre Interessen liegen anderswo – mal ist es das Töffli, mal der Computer, mal das Handy. Für die Bahn interessieren sie sich heute nur noch am Rande. Sie muss halt funktionieren. Wie ist vielen unbekannt.
Gute Fahrt! (Video: Manuel Reimann/Simon Grässle)
Stirbt der Modelleisenbähnler im wahrsten Sinne des Wortes allmählich aus?
Das ist in der Tat zu befürchten… Ich denke auch, dass das Hobby Modelleisenbahnen heute zu einem finanziellen Faktor geworden ist. Früher kostete eine Märklin-Lokomotive 80 bis 120 Franken, ein Wagen 15 bis 20 Franken. Heute muss man dafür das Drei- bis Vierfache hinlegen. Auf der anderen Seite ist der Wiederverkaufswert enorm gesunken. An Flohmärkten werden Eisenbahnmodelle mittlerweile geradezu verramscht. Das Hobby Modelleisenbahn hat ein Schattendasein angenommen. In immer weniger Geschäften werden Modelleisenbahnen und das dazu passende Zubehör angeboten !
Sie sind Präsident der Eisenbahn Amateure Uster – also einem Verein, der sich explizit dem Hobby Modelleisenbahn widmet. Wie geben Sie dieser Entwicklung Gegensteuer?
Mit Vorträgen und mit Open-Days. Und auch mit der Teilnahme an Veranstaltungen. Wir haben schon verschiedene fachtechnische Kurse durchgeführt , in welchen ganze Wagen oder Modellhäuser aufgebaut wurden. Die Stadt Uster hat schon öfters für die Jugend sogenannte Megaday’s organisiert, an denen wir mitgemacht und unsere Modelleisenbahnanlage gezeigt haben. Allerdings haben wir so keine neuen Mitglieder gewonnen. Ausser Spesen und enormem Personalaufwand ist nichts gewesen.
Nachwuchs muss in einem Verein wie Ihrem ja nicht per se heissen, dass Neumitglieder jung sein müssen…
Da haben Sie natürlich recht. An unseren Open-Days bieten wir einen Reparaturservice für Eisenbahnmodelle an und hoffen, so Kontakte zu potenziellen Neumitgliedern knüpfen zu können. Auch veranstaltungsunabhängig sind wir immer offen für Besucher. Längerfristig ist es ein Problem für alle Modelleisenbahnvereine. Übrigens kämpfen auch Vereine, die sich ausschliesslich mit der Grossbahn beschäftigen, mit stagnierenden oder rückläufigen Mitgliederzahlen. In der Lokremise Uster beispielsweise sind es vor allem Pensionierte, die dort mithelfen. Museumsbahnen haben dieses Problem ebenfalls.
Wie steht es eigentlich um die Modelleisenbahn-Industrie? Ist sie in der Krise?
Das glaube ich nicht. Anfang Februar findet immer die internationale Spielwarenmesse in Nürnberg statt. Da habe ich den Eindruck gewonnen, dass sich die Hersteller neuerdings absprechen, wer welches Modell auf den Markt bringt. Früher entwickelten oft mehrere Hersteller gleichzeitig dasselbe Modell. Ich denke daher, dass eine Marktbereinigung stattgefunden hat. Bemerkenswert finde ich auch, dass verschiedene Hersteller die Produktion der Modelle aus Osteuropa oder Fernost wieder zurück nach Mitteleuropa holen.
Warum?
Einerseits wegen der Nähe zur Käuferschaft. Aber auch, weil das Knowhow-Transfer von Europa etwa nach Südkorea nicht einfach ist. Unter dem Strich hat sich das nicht gelohnt. Dieses Phänomen, dass die Herstellung von Modellbahnen wieder nach Mitteleuropa zurückverlagert wird, wirkt sich zum Wohle der gesamten Modellbahnbranche aus.
Lange sah es danach aus, als ob viele Hersteller vom Markt verschwinden würden. Traditionsreiche Marken wie Märklin, Fleischmann und Roco gerieten in finanzielle Schieflage. Klein Modellbahn beispielsweise verschwand ganz vom Markt.
Heute gibt es zwar weniger Hersteller, ich denke aber, dass die übrig Gebliebenen ein gefülltes Auftragsbüchlein haben. Eben nicht zuletzt deshalb, weil sie sich wieder näher an den Modelleisenbahnern orientieren und sich bei ihnen auch erkundigen, was sie wünschen. Hier spielen die Einflüsse der Modellbahnvereine und deren Organisationen eine gewisse Rolle. Ich denke, die Talsohle ist durchschritten, es geht langsam wieder aufwärts.
Was auffällt: Hersteller wie Märklin bieten vermehrt wieder sogenannte Startpackungen an, die auch in Discountern und von Grossverteilern ins Sortiment aufgenommen werden.
Stimmt. Solche einfache, spielbereite Sets mit Schienenmaterial für ein einfaches Gleisoval, einer Lokomotive und zwei oder drei Waggons bringen die Modelleisenbahn wieder ins Spiel. Ich finde das eine gute Sache, so kann man auch Kinder wieder für die Modellbahn begeistern. Auch gut finde ich, dass in grösseren Spurweiten wetterfeste Modellbahnen für den Garten wieder im Kommen sind.
Was sind die Mitglieder der Uster Eisenbahn Amateure für Leute?
Das ist eine breite Spannweite – vom Strassenbauer bis zum Elektroingenieur haben wir bei uns fast alles. Ein gewisses Mass an Technik-Affinität ist aber bei allen vorhanden.
Reden wir über die «richtige» Bahn. Die SBB war früher eine Art Schweizer Nationalheiligtum, das Krokodil und der Rote Pfeil waren Symbole für Leistung und Fortschritt. Heute wird die SBB kritischer beurteilt – sie sei zwar nahezu perfekt hinsichtlich Fahrplanangebot und Pünktlichkeit,aber unpersönlich und mitunter nicht kulant gegenüber ihren Fahrgästen. Modellbähnler sind ja genaue Beobachter des grossen Vorbildes: Wie beurteilen Sie die SBB von heute?
Kritisch. Die Nähe zum Bahnkunden ist verloren gegangen. Das Volk ist es doch, welches allein durch die Benutzung der Bahn die SBB und ihre Partnerbahnen am Leben erhält. Da müsste mehr Kundenfreundlichkeit, Kundennähe und ein offenes Ohr vorhanden sein.
Inwiefern?
Nehmen wir zum Beispiel die Zoneneinteilung im Gebiet des Zürcher Verkehrsverbundes. Schnell einmal hat man als Passagier unbeabsichtigt eine Zone zu wenig auf dem Fahrausweis, weil man nicht in dem Zug sitzt, der die direkteste Linie nimmt. Gerade ältere, auch auswärtige Bahnfahrer, möchten ihr Billett nicht am Automaten oder übers Handy kaufen, sie wünschen Beratung am Schalter. Nur werden nun immer mehr Verkaufsstellen geschlossen – der gekonnte Umgang mit dem Computer wird vorausgesetzt, man wird für alles aufs Internet verwiesen. Jüngstes Beispiel ist Nänikon-Greifensee. Wo nun sollen die älteren oder gar sehbehinderten Näniker ihr Billett lösen? Kompliziertere Fahrten kann man am Automaten nicht kaufen. Und dass eine Stadt in der Grösse von Uster ab 18.30 Uhr keinen geöffneten Bahnschalter mehr hat – das ist keine gute Lösung.
