Im eigenen Garten Morcheln sammeln
Wer bei einem Schweizer Grossverteiler Morcheln kauft, zahlt beinahe fünf Franken pro zehn Gramm. Ingrid Müller hingegen braucht nicht einzukaufen, um
an den Speisepilz zu gelangen. Die Kemptnerin erntet Morcheln in ihrem eigenen Garten. Diesen Frühling waren es 30 Stück, die unter einem Johannisbeerstrauch aus dem Boden schossen.
Es war nicht das erste Mal, dass Ingrid Müller Morcheln ernten konnte. Viermal sind die Pilze schon gesprossen. «Einmal habe ich sie beinahe mit dem Rasenmäher umgefahren», erinnert sich Müller und lacht. Aber so üppig wie heuer fiel die Ernte bisher noch nie aus.
Die Wetzikerin hat für das Pilzwachstum eine Erklärung. «Die Morcheln wuchsen immer dort, wo ich im Herbst Rindenmulch verteilt hatte.» Dabei handelt es sich um zerkleinerte, unfermentierte Baumrinde. Ingrid Müller kauft sie, um ihre Pflanzen über den Winter damit abzudecken.
Liegt es an der Esche?
Müller nimmt an, dass die Pilzsporen via Baumrinde in den Garten gelangen. Sicher ist sie nicht. Es sei auch denkbar, dass das Myzel – die «Wurzel» des Pilzes – im Boden steckt. Früher stand im Garten des Einfamilienhauses eine Esche, erinnert sich Müller. Es sei bekannt, dass Morcheln in der Nähe von Eschen wüchsen.
Es könne aber auch an einer speziellen Bodenbeschaffenheit ihres Gartens liegen. In der Vergangenheit war das Pilzwachstum jeweils nur ein einmaliges Vergnügen; im Jahr darauf wuchs an der fraglichen Stelle nichts mehr.
Typischer Fall
Der Fall sei typisch, sagt der Wetziker Pilzkontrolleur Xaver Schmid. Immer mehr Morcheln wüchsen in Gärten. «Man findet bald mehr Morcheln in der Stadt als im Wald», sagt er. Grund für die Zunahme sei, dass die Leute immer mehr zerkleinertes Holz im Garten zum Pflanzenschutz einsetzten – wie dies bei Ingrid Müller auch der Fall ist. Mit dem Holz gelangten Pilzsporen in den Garten, sagt Schmid.
Zunehmend kämen Leute, die die Pilze, die sie im Garten fänden, bei ihm zur Kontrolle vorbeibrächten, sagt Schmid. «Die erfahrenen Pilzsucher, die im Wald unterwegs sind, kennen sich für gewöhnlich aus.» Verwechslungsgefahr bestehe allerdings kaum. Einzig die giftige Frühlingslorchel sehe dem Speisepilz ähnlich, aber die komme im Oberland kaum vor.
Ingrid Müller hat ihre Morcheln noch nicht verzehrt, sondern getrocknet und in ein altes Konfi-Glas gefüllt. Bei Gelegenheit würden die Pilze aufgeweicht – und zur Rahmsauce verarbeitet.