«Wir würden es sofort wieder tun»
Jacken, Gummistiefel, Pantoffeln – von klein, über nicht mehr ganz so klein bis mittel und gross. Und so fröhlich bunt, als hätte einmaler mit jeder Farbe seiner Palette einen Pinselstrich getan. Die Garderobe lässt keinen Zweifel: Hier, in der umgebauten Scheune, ist eine mehrköpfige Familie zuhause. Wenn auch der Geräuschpegel hierfür erstaunlich tief ist.
Es ist Donnerstagvormittag. Die Töchter von Heinz und Bettina Stucki haben anderweitige Verpflichtungen: «Die Kleine ist in der Waldspielgruppe und die Grössere in der Schule», erklärt Mutter Bettina die Ruhe im Raum. Er werde in etwa zwei Stunden die Jüngere, Melanie, abholen, und bald darauf komme ihre Schwester nach Hause, ergänzt ihr Mann und lädt an den grossen Esstisch.
Lang wird es also nicht dauern, bis an ebendiesem Ort zwei hungrige Mädchen sitzen. Mit Mittagessen kochen, später Hausaufgaben kontrollieren und Geschichten vorlesen, werden Heinz und Bettina Stucki bald wieder vollauf als Vater und Mutter gefordert sein.
Zwei Kinder, gleiche Rolle
Vater und Mutter: Was nach dem Normalsten klingt, hat bei den Stuckis eine besondere Bewandtnis. Sie sind ganz, teilweise oder überhaupt nicht Vater und Mutter – je nach Perspektive. Ganz, ohne Wenn und Aber, sind sie es von der Älteren, der heute achtjährigen Tanja. Überhaupt nicht sind sie hingegen die Eltern der vierjährigen Melanie – zumindest nicht im biologischen Sinn. Denn während Tanja ihr leibliches Kind ist, sind sie für Melanie Pflegeeltern – und als solche nicht ihre gesetzlichen Vertreter. Wichtige Entscheidungen, wie etwa über medizinische Behandlungen, liegen bei der leiblichen Mutter des Mädchens.
Trotzdem empfinden sie die Vater- und Mutterrolle auch gegenüber Melanie als etwas vom Normalsten. Denn neben der biologischen und der juristischen Definition gibt es noch eine dritte: die emotionale. Und gerade sie ist gegenüber Pflegekindern zentral. Geht es doch generell darum, diesen Kindern zu geben, was bei ihren leiblichen Eltern, aus verschiedensten Gründen, fehlt: Ein geborgenes Umfeld. Zuwendung, Struktur.
Guter Kontakt zur Mutter
Die Entscheidung, ein Kind zur Pflege aufzunehmen, habe sich seit Längerem, wie selbstverständlich, ergeben. «Wir sind mit Tanja spät Eltern geworden», sagt die heute 47-jährige Bettina Stucki. «Uns war klar, dass wir kein zweites eigenes Kind haben werden.» Dennoch habe man der Tochter ein «Gspändli» ermöglichen wollen. Das ist der eine Grund.
Der andere: «Bei meiner Arbeit im Sozialbereich sehe ich immer wieder Mütter, die ihre Kinder abgeben müssen», erklärt ihr Mann. «Das hat Spuren hinterlassen.» Zudem, er weist mit einer vielsagenden Handbewegung in den Raum: «Wir haben Platz.» Warum dann nicht gleich eine Adoption? Heinz Stucki überlegt – offenbar war dies nie ein Thema. «Wir wären wohl zu alt dafür gewesen.»
Der Julitag im Jahr 2012, an dem Melanie bei ihnen, in einem malerischen Ort des Zürcher Oberlandes, eingezogen ist, bleibt ihnen in steter Erinnerung. «Sie hat es gut gemacht», erinnert sich Mutter Bettina. In Tanja habe der Neuankömmling eine kundige Begleiterin gehabt. Deren Stolz, grosse Schwester zu sein, wich später hin und wieder der Eifersucht. «Der Mutterschoss war eine Zeitlang hart umkämpft.»
Trotzphase durchlebt
Freilich, dass Melanie eben auch eine zweite Familie habe, sei ihnen bewusst. Dass, zumindest theoretisch, jederzeit entschieden werden könnte, sie wieder ihrer leiblichen – alleinstehenden – Mutter zurückzugeben. Zu bestimmten Zeiten erinnern sie sich besonders daran. «Wenn wir sie zu den Treffen mit ihrer Mutter bringen.»
Früher sei das Kind dann richtiggehend aufgekratzt gewesen, habe eine intensive Trotzphase durchlebt. «Zwei Mütter zu haben, hat sie verunsichert», sagt Bettina Stucki. Und auch sie und ihr Mann mussten sich daran gewöhnen, dass da noch die andere Mutter war. Daraus hat sich nun aber eine Beziehung entwickelt, die für alle der Idealfall zu sein scheint: «Wir haben einen guten Kontakt zu Melanies Mutter. Sie ist dankbar, dass wir zu ihrer Tochter schauen, auch wenn die Situation für sie natürlich schwierig ist.»
Positives Fazit
Ein Idealfall auch für Lisa Masuch, die an jenem Donnerstagvormittag ebenso mit am Familientisch der Stuckis sitzt. Ein Platz, den sie gut kennt: Alle vier Wochen kommt sie vorbei und erkundigt sich nach dem Zusammenleben. Masuch arbeitet als Koordinatorin für den Verein Espoir (siehe Kasten). Sie betreut die Stuckis, seit sich diese mit ihrem Interesse für ein Pflegekind gemeldet haben.
Hat sie, als die Entscheidung definitiv wurde, auf die Aufgabe vorbereitet und dann, Schritt für Schritt, den Kontakt zu Melanie hergestellt. «Für das Pflegekind sind regelmässige Besuche bei der eigenen Familie sehr wichtig», sagt sie, sei es doch grundlegend für die Identität, die eigenen Wurzeln zu kennen. Stets stehe aber das Kindswohl im Zentrum, auch was die Kontakte anbelangt. Zum Schutz des Kindswohls darf auch nicht an die Öffentlichkeit gelangen, warum Melanie nicht bei ihrer Mutter leben kann und wo sie jetzt wohnt.
«Die Erziehung von Melanie ist herausfordernder als bei Tanja», bilanziert Bettina Stucki, «man spürt, dass sie vorher wenig Strukturen kannte.» Konsequenz sei gefragt. Dennoch: «Wir würden es sofort wieder machen», sagt das Paar unisono zu seiner Entscheidung – ohne eine Sekunde zu überlegen.
Verein sucht Pflegeeltern
Der Verein Espoir, mit Sitz in Zürich, vermittelt Kindern aus ungünstigen Familienverhältnissen Pflegeplätze. Gegründet wurde er 1992, seine Ursprünge liegen aber im Jahr 1989. Damals ging es vor allem um die Unterbringung von Kindern im Zusammenhang mit der Drogen- und Aidsproblematik. Heute organisiert der Verein sowohl Langzeitplatzierungen – diese dauern meist bis zur Volljährigkeit der Kinder – wie auch kurzzeitige Notfallunterbringungen.Die häufigsten Gründe, weswegen Kinder einen Pflegeplatz brauchen, sind Verwahrlosung und Erziehungsschwierigkeiten der Eltern, Sucht-, physische oder psychische Erkrankungen sowie in selteneren Fällen Gewalt und Missbrauch. Auftraggeber für die Platzierungen sind Kinder- und Jugendhilfezentren, die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (Kesb), Sozialdienste und weitere.
Espoir sucht laufend Interessierte für eine Pflegeelternschaft. Angesprochen sind Paare, verheiratet oder nicht, mit oder ohne eigene Kinder. Infos unter www.vereinespoir.ch.
(Andrea Baumann)
* Alle Namen geändert