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Geplatzter Traum im «Hirschen»

Der Wirt des Traditionsrestaurant «Hirschen» im Grüninger Stedtli, Markus Winkler, gibt auf. Ein Nachfolger ist nicht in Sicht, das lokal steht ab Samstag leer.

Aufhören, bevor ein zu grosser Schaden entsteht: Rolf Gadola (links) mit dem scheidenden Pächter Markus Winkler. (Bild: Christian Merz)

Geplatzter Traum im «Hirschen»

Es ist ein zerplatzter Traum, über den die beiden Männer sprechen. Aber Markus Winkler und Rolf Gadola tun dies so ­unaufgeregt und sachlich, wie es nur denkbar ist. Gadola und Winkler, Verpächter und Wirt, sitzen am Holztisch im Sitzungszimmer, zwei Stockwerke über der Gasttube des historischen Grüninger «Hirschen». Sie tun, was sie in den vergangenen ­Monaten oft getan haben: Sie ­erörtern, weshalb der junge Wirt heute Freitag seinen letzten Arbeitstag hat – «nach drei Jahren und drei Monaten», wie er sagt.

Das Problem ist schnell benannt: Es fehlte an Gästen und damit an Umsatz. Der «Hirschen» geriet im vergangenen Herbst in finanzielle Engpässe. «Im September sagte mir Markus Winkler, es gebe Probleme», sagt Rolf Gadola, Verwaltungsratspräsident der Gasthof Hirschen AG. Sie zu lösen, stellte sich als unmöglich heraus. «Sie drohten ‹zur Lawine› zu werden», sagt Gadola. «Wir mussten handeln. Auch, um den Wirt mit seiner jungen Familie zu schützen.» Deshalb habe man den Vertrag im Januar aufgelöst.

Das «rotblaue» Auge

«Wir hören auf, ehe ein grösserer Schaden entsteht», sagt Markus Winkler. Er komme «mit einem rotblauen Auge davon». Auch der Vermieter musste auf Geld verzichten. Dritte seien nicht zu Schaden gekommen, betont Gadola.

Noch bis im Herbst habe man gemeinsam nach Sparpotenzial gesucht. Winkler verkleinerte die Speisekarte, kaufte kleinere Mengen und gezielter ein oder versuchte von Aktionen zu pro­fitieren. Der gewünschte Effekt blieb aus.  

Fast 20 Jahre lang hatte Winklers Vorgänger Andreas Zurbuchen im «Hirschen» gewirtet, bevor er den Betrieb 2013 übergab. Wieso blieb seinem Nachfolger der Erfolg versagt? Eine Frage, auf die Winkler ­keine eindeutige Antwort hat. «Das Gastgewerbe ist allgemein härter geworden», sagt Gadola. Der Umsatz sei bereits zuvor zurückgegangen. Und das Geschäft sei unberechenbar, ergänzt Winkler: «Ich kann an einem Mittag 5 oder 80 Gäste haben.»

Konkurrenz direkt am Eck

Hinzu komme, dass «Grüningen ein kleiner Flecken» sei, auch wenn der Kreis der Gäste weit über das Stedtli hinausreiche. Im 3300-Einwohner-Dorf buhlen nicht weniger als fünf Restaurants um Kundschaft. Erst kürzlich wurde allerdings bekannt, dass der «Sonnenhof» Ende April schliesst. Der «Bären» liegt wie der «Hirschen» im Stedtli, nur ein paar Häuser weiter. Rolf Gadola lässt die Konkurrenz als Erklärung aber nicht gelten. Es habe Platz für den «Bären» und den «Hirschen».

Denkbar, dass dem Lokal das Besondere fehlte. Winkler setzte auf gutbürgerliche Küche mit bekannten Klassikern: Kalbsleberli, Cordon bleu, Rösti, Fleisch­gerichte. Nicht ins Bild passt auf der Karte einzig die rote Curry-Kokos-Suppe. Hinzu kommt eine relativ grosse Anzahl Sitzplätze. 70 sind es im Restaurant, hinzu kommen zwei Stübli, eine Bar und der Gartensitzplatz.

«Das verändert einen»

Das Wenn und Aber braucht Markus Winkler nicht mehr zu kümmern. Er hat heute seinen letzten Arbeitstag als Wirt. «Der Druck war zuletzt schon enorm. Das verändert einen.» Die Erleichterung nach der Vertragsauflösung sei deshalb gross ­gewesen. Nun sei er froh, mehr Zeit für die Familie zu haben. Winkler ist Vater eines Kleinkinds. Alle Angestellten hätten neue Anstellungen gefunden.

Er selbst hat eine Anstellung als Leiter eines Coop-Restaurants gefunden – als Angestellter eines Unternehmens, das ihm eine Perspektive «praktisch bis zur Pensionierung» biete.

Noch kein Interessent

Was aber wird aus dem «Hirschen» ohne Wirt? Ab morgen Samstag bleiben die Türen des 1250 erstmals als Taverne erwähnten, im 16. Jahrhundert in dieser Form erbauten und 1989 total renovierten Gebäudes geschlossen. Wie lange, ist unklar. Die Suche nach einem neuen Pächter läuft; noch gebe es keinen Interessenten, sagt Gadola.

Der «Hirschen» gehört über hundert Aktionären aus der Gemeinde und der Region. Bei der Sanierung wurde eine AG gegründet mit dem Ziel, das historische Gebäude als Restaurant zu erhalten. Davon werde man nicht abweichen, sagt Gadola. Alternativen habe man nicht geprüft. Die naheliegendste wäre die Umwandlung in Wohnungen. Im Fall des «Hirschen» steht dieser Weg nicht offen: Denkmalpflegerisch sei ein Umbau so gut wie ausgeschlossen, sagt Gadola.

«Branchenübliche Umsatzmiete»

Der neue Wirt müsse jemand sein, «der die Herausforderung sucht», der aber auch ein gewisses finanzielles Polster mitbringe. Es gibt Stimmen, die auch den hohen Pachtzins als Problem sehen. Gadola winkt ab: «Es handelt sich um eine branchenübliche Umsatzmiete.» Zuletzt habe sie rund 6500 Franken monatlich betragen. Bis vor Kurzem sei der Zins für die Pächter stets tragbar gewesen. Gadola sagt: «Ich bin überzeugt, dass man an diesem Standort Erfolg haben kann.»

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