Politik

Power-Frau in der Macho-Kultur

Drenusha Shala ist eine Rebellin. Auch deshalb kehrte sie gegen den Willen ihres Vaters von Greifensee in ihr Geburtsland Kosovo zurück. Dort machte sie sich als erfolgreiche Unternehmerin einen Namen.

Erfolgreiche Unternehmerin: Drenusha Shala ist von Greifensee in den Kosovo ausgewandert. (Bild: zvg)

Power-Frau in der Macho-Kultur

Drenusha Shala kam mit sieben Jahren in die Schweiz. Ihrem Vater wurde vor dem Ausbruch des ­Kosovo-Kriegs politisches Asyl gewährt. Zwei Jahre lang lebte die Familie im Durchgangszentrum in Uster. Drenusha Shala lernte dort Fahrradfahren, Lesen und Schreiben. Nach zwei Jahren durften die Shalas nach Greifensee umziehen. In Uster oder Volketswil hatten sich Parallelgesellschaften entwickelt, in Greifensee war die Familie Shala die einzige albanisch-stämmige im Dorf. «Ich glaube, das hat extrem geholfen. Wir mussten uns integrieren», sagt Shala heute. An ihre Kindheit hat sie fast nur schöne Erinnerungen. «Ich war ein absoluter Glückspilz.»

Schweinefleisch-Verzehr zur Provokation

Shala ist eine Rebellin. Ein Nein ohne Begründung kann und will sie bis heute nicht akzeptieren. Mit festen Grenzen hat Shala Mühe. «Wenn mir mein Vater seine Entscheidung nicht erklären konnte, habe ich mich einfach darüber hinweggesetzt, den Ärger bewusst in Kauf genommen.» Die Provokation als Stilmittel. Sie ass vor ihren Eltern Schweinefleisch, beide gläubige Muslime – eine demonstrative Provokation. «Sie konnten mir nicht erklären, warum ich kein Schweinefleisch essen darf, also habe ich das einfach gemacht.»

«Wenn mir mein Vater seine Entscheidung nicht erklären konnte, habe ich mich einfach darüber hinweggesetzt, den Ärger bewusst in Kauf genommen.»

Shala war eine Musterschülerin, fleissig und engagiert. Ihre schulischen Defizite holte sie in Stütz- und Förderkursen nach. «Vielleicht haben meine Eltern mir auch deshalb vieles durch­gehen lassen.» Einer kaufmännischen Lehre folgte die Fest­anstellung bei der Zurich-Versicherung. Es ging steil bergauf: eine Karriere wie am Reissbrett geplant. Ihr Leben schien vorgezeichnet.

Unternehmerischer Kulturschock

Mit 21 Jahren aber setzte Drenusha Shala einmal mehr ihren Kopf «gegen den Willen des Vaters» durch. Sie kündigte ihre ­sichere Stelle und kehrte in den Kosovo zurück – ein unternehmerischer Kulturschock. Das Land ist von Korruption zerfressen. Die Infrastruktur liegt am Boden. Stromausfälle und kein Wasser in den Leitungen ge­hören im Kosovo zum Alltag. «Vieles, was selbstverständlich sein sollte, muss man sich hier hart erkämpfen», sagt Shala. Der Staat ist der grösste Arbeitgeber im Land, Vetternwirtschaft an der Tagesordnung. Arbeitsplätze gibt es eigentlich nur in der Hauptstadt Pristina. Rund herum: bittere Armut. Dem Staatschef werden Kontakte zum ­kriminellen Organhandel nachgesagt.

«Vieles, was selbstverständlich sein sollte, muss man sich hier hart erkämpfen.»

Angefangen hat Shala mit ihren Partnern Muhamet Veliu und Flamur Shala sowie sieben Mitarbeitern in einer kleinen Wohnung und 60 000 Franken gespartem Startkapital. Das war 2012. Heute hat die Firma Baruti ihre Büros mitten im Banken- und Regierungsviertel von Pristina, beschäftigt 300 Mitarbeiter und generiert einen Umsatz von zwei Millionen Franken.

Die Baruti AG betreibt Marktforschung für deutsche Medienhäuser und führt den Kundensupport für Informatikfirmen. Shala beschäftigt ausschliesslich Rückwanderer. «Der Kosovo hat ein enormes Potenzial.» Über die Hälfte der Bevölkerung ist unter 25 Jahre alt, viele von ihnen sind in Deutschland, Österreich oder der Schweiz aufgewachsen (siehe Box) und sprechen deshalb sehr gut Deutsch.

Oft unterschätzt

Shala zahlt ihren Angestellten 580 Euro im Monat. Was nach wenig klingt, ist für kosovarische Verhältnisse ausgesprochen viel. Der Mindestlohn im Land liegt bei 170 Euro pro Monat. Shala und ihre Mitstreiter wollen trotz den Widrigkeiten im Land der beste Arbeitgeber sein. «Wir wollten hier etwas aufbauen – dem Land auf die Beine helfen. Aber ich bin nicht Mutter The­resa: Wir wollen Gewinne machen.» Seit 2013 ist Shala alleinige Geschäftsführerin der Firma. Die zierliche Frau in Turnschuhen wird im patriarchalischen Kosovo nur allzu oft unterschätzt. «Aber ehrlich gesagt, das ist auch gut so.» Für Shala ist das mit ein Grund, weshalb die Firma bisher von Repressionen der staatlichen Verwaltung verschont blieb. «Die Menschen hier glauben, dass hinter uns ein grosser, einflussreicher Investor steht und uns beschützt», sagt Shala und muss lachen.

«Ich bin nicht Mutter Theresa. Wir wollen Gewinne machen.»

Drenusha Shalas Tage sind lang: Um 5 Uhr steht sie auf und fällt erst um 23 Uhr müde ins Bett. Dazwischen läuft sie sich die ­Hacken wund. Sie lebt für ihre Mitarbeiter. «Wir geben den Menschen hier wieder eine Perspektive. Einige hatten dank der Arbeit bei uns den Mut, eine ­Familie zu gründen und an die Zukunft zu glauben. Das macht mich unheimlich stolz.»

Sehnsucht nach einer Bratwurst

Viele Kosovaren erleben ihr Land als Gefängnis. Reisen kann nur, wer Geld hat oder jemanden im Ausland kennt, der finanziell für ihn bürgt. Shala kann den Frust ihrer Landsleute verstehen. Besonders von kosovarischen Journalisten schlägt ihr eine Portion Neid entgegen. «Klar bin ich privilegiert, und ich hatte Glück. Aber man muss aus diesen Voraussetzungen auch etwas machen.»

Mit viel Mut und Biss ist Shala ihren Weg gegangen. Den Schritt in die Selbständigkeit, aus der privilegierten Schweiz in «das Drittweltland» Kosovo, hat Shala aber nie bereut, obwohl der 27-Jäh­rigen vieles fehlt. Sie seufzt hörbar auf, als sie darüber nachdenkt: Apfelschorle, eine gute Bratwurst, sauberes Trinkwasser oder ein Gewässer. «Ich bin am Greifensee aufgewachsen, und hier gibt es nicht mal ein Hallenbad. Manchmal fühle ich mich, wie ein Fisch auf dem Trockenen.» Doch Shala lebt ihren Traum. «Mit meinem Einkommen lebe ich hier wie eine Königin.»

«Manchmal fühle ich mich wie ein Fisch auf dem Trockenen.»

Gerade deshalb will sie sich bei der weiteren Expansion der Firma zukünftig aus den koso­varischen Medien zurückziehen. «Ich bin 27 Jahre alt. Ich möchte mir mein Privatleben bewahren.» Eine persönliche Entscheidung, die irgendwie zu Shala passt. Es geht ihr nicht um Ruhm. Zeitungen liest sie nicht mehr. In Serbien ist Wahlkampf, und von serbischer Seite tönt es mitunter kampfeslustig. Drenusha Shala lässt das alles kalt. «Dieses Land hat so viel grössere Probleme als dieses kleinliche Geplänkel. Man würde besser die richtigen Probleme angehen und die In­frastruktur in Ordnung bringen. Aber ich glaube, es wird eher schlimmer als besser.» Trotz all den Zweifeln: Zeit zu zaudern hat Drenusha Shala nicht. Sie geht ihren Weg unbeirrt weiter, notfalls auch ohne fliessendes Wasser und ohne Strom.

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