Initiative will Hobby-Jäger abschaffen
Dürfen Hobby-Jäger in Zukunft nicht mehr auf die Pirsch? Ein Komitee aus Tierfreunden lanciert die kantonale Volksinitiative «Wildhüter statt Jäger» (wir berichteten). Hinter dem radikalen Ansinnen steht die Tierpartei Schweiz (TPS), unter den Initianten ist auch der Ustermer Urs Arter.
«Natur reguliert sich selbst»
Der 64-jährige, pensionierte Sekundarlehrer bringt zwei Argumente vor: Erstens seien die Jäger für die Natur unnötig, und zweitens würden die Tiere durch das Verhalten der Jäger bei der Jagd leiden. «Die Natur und damit auch die Tierwelt reguliert sich selbst», so Arter.
Als Hauptargument würden Jäger stets die Dezimierung von Wildbestand bei Überpopulationen anführen. «Es ist wissenschaftlich bewiesen, dass sich beispielsweise Rehe oder Wildsäue durch die Dezimierungen, denen sie durch das Jagen ausgesetzt sind, instinktiv stärker vermehren, um die Population zu erhalten. Damit sorgen die Jäger selbst dafür, dass sie genügend Tiere zum Abschuss haben.» Und Arter fügt hinzu, dass sich Überpopulationen natürlich, beispielsweise durch Nahrungsbegrenzung, Krankheit oder den nutzbaren Lebensraum, regulieren würden.
In Lebensraum eingegriffen
Ganz anders sieht das der Oberländer Jagdbezirksobmann Walter Wagner: «Rehe haben ein bis zwei Junge pro Jahr, egal, ob gejagt wird oder nicht. Und wenn wir bei einer Überpopulation von Wildsäuen abwarten würden, bis sich die Anzahl natürlich reguliert, wären immense Schäden an landwirtschaftlichen Flächen zu entschädigen», so der 50-Jährige, der seit 25 Jahren jagt.
Mit den von den Tierschützern propagierten flankierenden Massnahmen wie Schutzzäunen liesse sich das Problem durch die Weitflächigkeit nicht lösen, es würden dadurch natürliche Lebensräume durchschnitten, so Wagner. Und: «Die Tiere durch Krankheiten vor sich hinsiechen zu lassen, ist sicher nicht im Sinne eines guten Tierschutzes.»
Wagner sagt auch klar, dass sich die natürliche Selbstregulierung nur in menschenfreien Räumen umsetzen lasse. «Der Mensch hat in den Lebensraum der Tiere eingegriffen, und deshalb braucht es die Jagd.» Aber: «Das vermehrte Vorkommen von Luchs und Wolf macht mir als Naturfreund viel Freude, und wenn diese tollen Tiere mithelfen, den Hirsch-, Gams-, Wildsau- und Rehbestand zu regulieren, ist das zu begrüssen.»
Flankierende Massnahmen
Urs Arter ist indes davon überzeugt, dass flankierende Massnahmen und natürliche Regulierung auch für Landwirte und Waldbesitzer zielführend sind, und verweist auf den entsprechenden Passus im Initiativtext: «Bei Schäden durch Wildtiere (zum Beispiel durch Wildschweine an landwirtschaftlichen Kulturen) haftet der Kanton, sofern die zumutbaren Massnahmen zur Schadensverhinderung respektive Schadensminderung durch die Landbesitzer getroffen wurden.» Sollten diese Massnahmen wider Erwarten nicht erfolgreich sein, sähe die Initiative den punktuellen Einsatz von professionellen Wildhütern für die Regulierung des Wildtierbestands vor, so Arter.
Zudem kritisiert Arter, dass die Hobby-Jäger selbst die Anzahl Tiere im Revier und damit die Abschussquote bestimmen. «Die Jäger fahren punktuell herum, zählen die gesehenen Tiere und machen eine Hochrechnung. Das ist nur sehr ungenau möglich.»
Wagner widerspricht: «Erfahrene Jäger kennen ihr Gebiet seit Jahren sehr gut und können auch durch andere Beobachtungen den Bestand sehr genau bestimmen.»
«Lust am Töten»
In der Diskussion mit den beiden Kontrahenten wird klar, dass es auch um das Image des Jägers und dessen Verhalten in der Öffentlichkeit geht. Arter unterstellt vielen Jägern als Hauptmotivation für ihr Hobby die «Lust am Töten».
«Ich weiss, dass beispielsweise Hunde in Fuchsbauten gejagt werden, um diese herauszutreiben. Es werden Tierkadaver als Luder aufgehängt, und Triebjagden setzen die Tiere unter Stress.» Diese Jagdmethoden verletzten gemäss dem Ustermer Tierfreund ganz klar die Würde der Tiere. Insbesondere die Baujagd würde gegen das geltende Tierschutzgesetz verstossen. «Das ist Tierquälerei, die auch in den Wäldern rund um Uster geschieht.» Ein Wildtier-Management aus professionellen, interdisziplinären Experten würde diesem Treiben ein Ende setzen, so Arter.
Jagdobmann Wagner meint dazu: «Heutzutage werden solche Praktiken – obwohl erlaubt – innerhalb der Jäger-Gemeinschaft kritisch hinterfragt. Ich habe schon lange nicht mehr von Baujagden oder Kadaverlockungen gehört.» Anders verhalte es sich mit den Triebjagden, so Wagner, der selbst beispielsweise im Gebiet zwischen Sternenberg und Hörnli solche veranstaltet. «Dabei greifen wir für zwei Stunden gezielt in ein Stück Wald ein, das stimmt. Aber danach für ein oder zwei Jahre nicht mehr.»
Quantitativ viele wertvolle Beobachtungen
Und: «Das Milizsystem ist zu erhalten. Über 1000 Jäger im Kanton Zürich machen quantitativ viel mehr wertvolle Beobachtungen in ihren Revieren, als wenn einige professionelle Wildhüter für das ganze Gebiet zuständig wären.» Bezüglich Image gibt Wagner zudem an, dass sich das Verhalten der Jäger seit den 1970er Jahren stark verändert habe.
«Es gibt kaum Jagdunfälle, und das Bild vom betrunkenen Schiesswütigen, der durch die Wälder streift, ist völlig unhaltbar.» Jäger müssten eine strenge Prüfung ablegen, und unter ihnen herrsche mittlerweile ein hoher ethischer Standard.
6000 Unterschriften nötig
6000 Unterschriften müssen die Initianten bis Mitte Jahr zusammentragen. Käme die Initiative zusammen, müsste die kantonale Baudirektion den Inhalt in die laufende Revision des kantonalen Jagdgesetzes einfliessen lassen. Baudirektionsvorstand ist Markus Kägi – auch er ein passionierter Jäger. (Andreas Leisi)
