Das Kinderbuch ohne Happy End
Äffchen Dayo ist krank. Braune Flecken bedecken seinen Körper. Es zieht los, um ein Heilmittel dagegen zu suchen. Doch die Suche erweist sich als erfolglose Odyssee – weder Schlammbad noch Kräutersuppe helfen. Dann trifft es einen alten Elefanten.
An dieser Stelle müsste sich alles zum Guten wenden. In einem normalen Kinderbuch zumindest. Der weise Elefant würde dem Äffchen das Zaubermittel verraten, das kranke Tier müsste es dank der Hilfe seiner vielseitigen Freunde finden und gesund werden – Magie des Teamworks eben. Doch «Dayos Reise», geschrieben und gezeichnet von der 24-jährigen Dürntner Pflegefachfrau Natalie Hunziker, ist kein normales Kinderbuch. Der alte Elefant erklärt dem Äffchen, dass seine Krankheit unheilbar ist, dass sein Leben bald enden wird. Das junge Tier kehrt unverrichteter Dinge nach Hause zu seiner Familie. Und stirbt.
Schwere Kost. Das Äffchen hat zwar Freunde, doch die können es nicht retten. Es gibt keine Allmacht der Freundschaft, kein Wunder dank der Entdeckung des eigenen Ichs. Der Tod ist unausweichlich, Selbstvertrauen unerheblich, und Freundschaft macht das Elend lediglich etwas erträglicher.
Das Buch polarisiert
Soll man solch eine Geschichte seinen Kindern erzählen? Das Buch polarisiert, wie eine kleine Umfrage im Freundeskreis zeigt. «Spinnt die Autorin? Was bezweckt sie damit?», fragen die einen. «Weshalb eigentlich nicht? Das Leben hat nicht immer Happy Ends», sagen die andern. Hunziker hat die Geschichte kreiert, während sie ein Praktikum auf der Kinderonkologie im Kinderspital Zürich absolvierte. Ihr Ziel: Hoffnung spenden. «Ich merkte, dass mir all die Tragödien im Kinderspital stark aufs Gemüt schlugen und griff wohl intuitiv zu Pinsel und Farbstift. An mich selber dachte ich dabei zu keinem Zeitpunkt.» Geholfen hat ihr das Zeichnen dennoch. «Ich konnte die Erlebnisse so sicher besser verarbeiten.»
Hoffnung spenden mit einer derart fatalistischen Geschichte? Das ist möglich, ist Hunziker überzeugt. Das beweist sie auf der letzten Seite, auf der das Tier von einem Engel gen Himmel gehoben wird. «Ich glaube, dass Kinder in den Himmel kommen. An diesem Glauben hielt ich mich auch während des Praktikums fest», sagt sie. «Auf der letzten Seite sieht man ein erlöstes Äffchen, das keine Flecken mehr hat, das glücklich ist. Im Tod kann auch Hoffnung liegen, wenn die Heilung ausgeschlossen ist. Am schlimmsten ist für die Familien die Ungewissheit. Wie lange noch? Gibts eine Chance?»
«Ein Geistesblitz»
Die Idee zur Geschichte kam ihr erst gegen Ende des Praktikums während einer Autofahrt. «Ein Geistesblitz», sagt sie. «Ich wusste sofort, dass ich aus der Geschichte ein Kinderbuch machen würde.» Das dauerte seine Zeit. Sie schrieb zu Hause gleich die Geschichte nieder, dann begann sie mit dem Zeichnen. Ein Jahr später war das Buch fertig. Sie liess einige Drucke über einen Internetanbieter anfertigen und schenkte ein Exemplar dem Kinderspital.
Ein anderes kam ihrem Schwager Dave Hunziker aus Grüningen in die Hände. Der war hell begeistert. Von den Zeichnungen und von der aussergewöhnlichen Geschichte. Nur vom Druck nicht sonderlich. «Die Farben waren total verfälscht, die Bindung hielt schlecht. Ich fand, das muss professioneller werden.» Er nahm die Sache an die Hand, kontaktierte ein Media Center für bessere Scans, dann eine Druckerei, die eine schöne, gebundene Ausgabe des Buchs herstellen konnte. Dann fragte er an verschiedenen Orten für Unterstützungsgelder an – etwa bei der Gemeinde Dürnten. Die beteiligte sich sogleich mit einem Betrag von 1200 Franken. Auf einer Crowdfunding-Plattform generierte er weiteres Geld für die bereits gedruckten 250 Exemplare, die vom Media Center eine ISBN-Nummer erhielten, von Dave Hunziker aber selber vertrieben werden.
Keine Vorwarnung
Eva Bergstraesser, Leiterin des Kompetenzzentrums Palliative Care am Kinderspital Zürich, sagt, dass es bereits eine Reihe Bücher wie jenes von Hunziker gibt. Diese könnten auch hilfreich sein für die Thematisierung des Todes. Sie hat Hunzikers Buch angeschaut und sagt: «Ich empfehle, es Kindern nicht aufs Geratewohl in die Hand zu drücken.» Denn der Leser wisse anfangs nicht, wohin die Geschichte führt, was die Absicht des Buchs sei. «Es wäre sinnvoll, eine klare Vorwarnung zu formulieren, sei das mittels deutlichen Titel oder mit einem Vorwort.»
Den Vergleich eines Krankheitsverlaufs mit einer Reise findet sie indes nicht ideal. «Eine Krankheit ist keine Reise.» Grundsätzlich empfiehlt die auf Palliative Care für Kinder spezialisierte Ärztin, den Tod mit Kindern nur dann zu thematisieren, wenn der Wunsch vom Kind aus kommt. «Wenn man mit einem solchen Buch nicht vorsichtig umgeht, kann man das Kind damit überfordern.»
Über Stiftungen streuen
Das ist Natalie Hunziker bewusst. Sie sagt, dass sich das Buch in erster Linie an todkranke Kinder und ihre Eltern richtet. «Wir wollen es insbesondere über Stiftungen für kranke Kinder streuen», fügt Dave Hunziker an. Ums Geld geht es den beiden weniger. «Vielmehr soll das Buch helfen. Es soll ein Thema aufgreifen, das tabuisiert wird. Der Umgang mit dem Tod fällt auch vielen Erwachsenen schwer.»