Halal: schlecht fürs Geschäft?
Im Holzofen geräucherte Keulen, Cervelats, Bratwürste und Cevapcici – seit rund einem Jahr verkauft Raif Vejsilovic am Standort der ehemaligen Metzgerei Alder beim Dorfplatz Egg Fleisch. Die Metzgerei Green laufe gut, die Kunden kämen aus Männedorf, Meilen, Uetikon und Stäfa, sagt der 49-Jährige, der im Oktober 2015 für seine neue Metzgerei von Stäfa nach Egg gezogen ist.
Die Egger Bevölkerung besuche seinen Laden allerdings nur selten. Den Grund fürs Ausbleiben der lokalen Kunden scheint Vejsilovic zu kennen: «Wahrscheinlich wissen sie nicht, welche Produkte ich in meinem Geschäft anbiete.»
Nach islamischem Recht Vejsilovic ist nämlich nicht irgendein Metzger. Er verkauft Halal-Produkte, also Fleisch, das nach islamischem Recht von Muslimen gegessen werden darf. Manche Egger würden aber fälschlicherweise glauben, dass er ausschliesslich Halal-Fleisch verkaufe, sagt Vejsilovic. «Dabei ist nur die Hälfte von meinem Fleisch halal.» Und die Kunden müssten explizit danach fragen. Die andere Hälfte des Sortiments seien ganz normale Produkte. «Der einzige Unterschied zu anderen Metzgereien besteht darin, dass man bei mir kein Schweinefleisch bekommt.»
Um seinen Worten Nachdruck zu verleihen, führt Vejsilovic durch den Kühlraum seines Ladens. Er zeigt auf die Nummer und das unverkennbare CH, das auf jedem seiner Lämmer aufgedruckt ist: «Dieses Fleisch kommt aus der Schweiz», sagt Vejsilovic. Hier sei das Schlachten nach traditionellem islamischem Brauch verboten. Am Stempel könne sich der Kunde also zusätzlich versichern, ob das Fleisch halal sei oder nicht.
Importierte Spezialität
Sein Halal-Fleisch importiert Vejsilovic aus Belgien und Frankreich. Das Tier wird dort geschächtet und anschliessend entblutet – betäubt wird es vorher nicht.
Direkt importieren darf Vejsilovic sein Fleisch allerdings auch nicht. Halal-Fleisch dieser Art wird vom Bund kontingentiert und an lizenzierte Betriebe wie die Metzgerei Green in Egg versteigert. Vejsilovic sagt, dass er pro Monat zehn Tonnen Fleisch verkauft. Das wären dann fünf Tonnen Halal- und fünf Tonnen normales Fleisch. Im Ladenangebot stehen Lamm, Poulet, Kalb und Rind.
Der Verkauf von Halal-Fleisch unterliege strengen Kriterien, sagt Vejsilovic. Alle drei Monate müsse er dem Bundesamt für Landwirtschaft einen genauen Bericht erstatten über jedes einzelne Halal-Fleischstück, das er seinen Kunden verkauft habe. «Ich muss namentlich angeben, wer wann welches Stück Fleisch bei mir gekauft hat.»
Vorurteil nicht bestätigt
Eine kleine Umfrage in Egg bestätigt Vejsilovics Bild der skeptischen Egger Bevölkerung allerdings nicht. Laut Gemeindepräsident Rolf Rothenhofer ist die Metzgerei im Dorf kein Thema. Die Gemeinde habe nichts gegen die Metzgerei und sei froh, dass Raif Vejsilovic das Metzgerei-Gewerbe in Egg aufrechterhalte.
Alfred Suter von der katholischen Kirche Egg berichtet Ähnliches: Solange der Geschäftsführer nach den gesetzlichen Vorgaben handle, habe die
katholische Theologie und Ethik nichts einzuwenden. «Folglich ist jedem freigestellt, wo er sein Fleisch kauft. Die Metzgerei Green ist kein Problem für unsere Ortskirche.» Für Suter haben die Verkaufszahlen nichts mit dem Halal-Fleisch zu tun. «Die Konkurrenz durch Migros und Coop ist gross. Das war vielleicht auch der Grund, weshalb der Volg mit der Metzgerei vor zwei Jahren die Filiale am Dorfplatz aufgegeben hat.»
In die gleiche Richtung geht das Argument einer Mönchaltorferin, die früher bei Vejsilovic eingekauft hat: «Es liegt wohl an seiner Auswahl. Green hat praktisch keine Markenprodukte.» Vejsilovic mache es sich zu einfach, wenn er den schlechten Verkauf mit den Vorbehalten gegenüber Halal-Fleisch begründe.