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«Vor 2035 fährt hier kein Auto»

Ein Podium zur Oberlandautobahn ergab am Donnerstagabend, 29. September in Gossau ein Bild unversöhnlicher Gegensätze. Vor allem aber wurde klar, dass das Thema im Moment wenig interessiert.

In Sachen Lückenschliessung der Oberlandautobahn gar nicht einig (von links): Mike Mayr (SVP, Wetzikon), Jörg Kündig (FDP, Gossau), Moderator Christian Brändli, Max Homberger (Grüne, Wetzikon) und Monika Wicki (SP, Zürich). (Bild: Carole Fleischmann)

«Vor 2035 fährt hier kein Auto»

Oberlandautobahn? Das ist die Hochleistungsstrasse A53, die das Brüttiseller Kreuz mit Reichenburg im Kanton Schwyz verbindet und in der zwischen Uster und Hinwil eine Lücke von zehn Kilometern klafft. Und über die seit Jahrzehnten ein erbitterter Streit tobt, wie diese Lücke geschlossen werden soll und ob überhaupt.

Dazu fand am Donnerstagabend in Gossau ein Podiumsgespräch statt, für das sich indessen lediglich etwa 30 Personen interessierten, die Mehrheit von ihnen aktive oder ehemalige Politiker. Das war 2014 anders, als der Regierungsrat in der gut gefüllten Kirche Gossau eine neue Linienführung dieser A 53 präsentierte.

Harry Brandenberger von der SP Gossau begrüsste denn auch weniger Leute, als er gehofft ­hatte, denn «die Oberlandautobahn geht alle an». Weil er darum gebeten worden war, rekapitulierte Gesprächsleiter Christian Brändli die Geschichte der Strasse, die in den 1960er Jahren begann. Als der Chefredaktor des «Zürcher Oberländers» und des «Anzeigers von Uster» 1994 nach Seegräben zog, vergewisserte er sich, dass vor seinem Haus nicht bald ein Abluftkamin qualmen würde. Die Strasseneröffnung war damals für 2010 vorgesehen.

2030 oder später

Inzwischen könnte es 2030 oder später werden. Das Bundesgericht kassierte 2012 die damals vorgesehene Linienführung aus Gründen des Naturschutzes, sodass der Kanton neu planen musste. Zurzeit ist die vorbe­ratende Kommission für Energie, Verkehr und Umwelt des Kantonsrats daran, den Richtplaneintrag der neuen Linienführung zu beraten.

Deren Mitglied und ehemaliger Präsident, SP-Kantonsrat Ruedi Lais aus Wallisellen, sass im Saal. Ohne diesen Eintrag, der vom Kantonsrat beschlossen und vom Bundesrat genehmigt werden muss, kann die Strasse nicht gebaut werden.

Gossau stark betroffen

Jörg Kündig, selber FDP-Kantonsrat und vor allem Gemeindepräsident von Gossau, bezeichnete die Diskussion um die Strasse als «spannend, weil ­Gossau stark betroffen ist». Die neue Linie führt im Tunnel ­direkt unter «seinem» Gemeindegebiet durch, muss aber wegen des Grundwasserschutzes für wenige hundert Meter ober­irdisch geführt werden. Gossau anerkenne, so Kündig, dass die Lücke geschlossen werden müsse, denn der Schleichverkehr belaste die Quartiere.

Zwei Dinge interessieren die Gemeinde besonders: die ober­irdische Führung und der Vollanschluss in Ottikon an die  Forchautobahn. Man hoffe, so Kündig, dass der technische Fortschritt es dereinst erlaube, den Tunnel auch durchs Grundwasser zu führen, und dass es für den Anschluss Ottikon eine wirklich gute Lösung gebe. Vor allem aber wolle Gossau in die politischen Entscheide einbezogen werden. Eine Anhörung der betroffenen Gemeinden durch die Kantonsratskommission habe jedenfalls stattgefunden.

Max Homberger, Kantonsrat der Grünen aus Wetzikon und seit Jahrzehnten Gegner der Oberlandautobahn, meinte schlicht, es sei «geheuchelt, dass die Lückenschliessung wichtig» sei. SP-Kantonsrätin Monika Wicki, die kürzlich von Wald nach Zürich umzog, beschrieb die vorgesehene Linienführung in düsteren Farben und meinte, der Bund mache ohnehin, was er für richtig halte – eine Aus­sage, der später Verkehrspolitiker Lais deutlich widersprach. Und, meinte Wicki: «Vor 2035 fährt hier kein Auto.»

Vor Verkehrskollaps

Auch Mike Mayr, SVP-Gemeinderat aus Wetzikon, meinte, er werde der Eröffnung höchstens mit dem Rollator beiwohnen können. Er wäre zufrieden, «wenn wir die Umfahrung tatsächlich hätten». Der Voll­anschluss Ottikon wäre für den Lastwagenchauffeur von Vorteil. In Wetzikon führe der zunehmende Verkehr ohne die durchgehende Autobahn zu einem Verkehrskollaps. Weiter plädierte Mayr dafür, den Bahn- und Busverkehr nicht gegen den moto­risierten Individualverkehr auszuspielen: «Wir bringen nicht ­alles auf die Bahn.»

Kündig, nicht Mitglied der kantonsrätlichen Verkehrskommission, will abwarten, «wie unsere Anliegen in der Vorlage enthalten sind». Die ganz unterirdische Strassenführung sei ­anzustreben. Wicki behauptete, die «vertikale Linie» werde nicht eingetragen, und «wünschenswert» sei eine Leerformel. Wegen des Zusatzverkehrs gebe es im Oberland gar keine Entlastung, aber man öffne einen Transitkorridor von Neapel nach Hamburg.

Diskussion driftete auseinander

Die Diskussionsebenen driftete mehr und mehr auseinander. Während sich Kündig und Mayr mit dem aktuellen Stand der Dinge befassten, sprach Homberger dem politischen Prozess generell sein Misstrauen aus, und Wicki wollte gesellschaftliche Fragen einbezogen haben. Ohne konkret zu sagen, wie, will sie den Verkehr sofort in den Griff bekommen, schon wegen seiner hohen Kosten: «Die Gesellschaft soll mehr in die Gesundheit als in Autos investieren.»

Die Fragen aus dem Publikum kamen vor allem von den Gegnern: «Wieso braucht es diesen ‹Strich› (im Richtplan)? Haben Sie sich das überlegt?», ging die Frage an Kündig. Paul Stopper aus Uster forderte ein Gesamtkonzept, das auch die Bahn einbezieht. Diese verkehrt heute zwischen Uster und Wetzikon bekanntlich nur einspurig.

«Freche Aussage»

Was die Arbeit der Kommission betrifft, zeigte sich Wicki überzeugt, dass die meisten Wünsche von Gossau nicht aufgenommen werden. «Das müsste den Gemeindepräsidenten umtreiben.» Kündig wiederholte daraufhin, dass der Schleichverkehr belaste. Er vertrete dabei nicht seine persönliche Meinung, sondern die des siebenköpfigen Gemeinderats. Und er verwahrte sich gegen diese «freche Aussage».

Mit zunehmender Verzweiflung ob der komplizierten Details beklagte Wicki die «End­losschlaufe», in der die Strassenfrage stecke. Besser wäre es, gute Konzepte zu entwickeln: «Es braucht auch gesellschaftspolitische Entwicklungen», fand sie. (Anna E. Guhl)

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