Kleinjogg-Fest: 300. Geburtstag einer Legende
Am Sonntag, 18. September 2016 Sonntag feierte eine grosse Gästeschar auf dem Wermatswiler Haldehof die Tatsache, dass einer der berühmtesten Ustermer Bürger vor 300 Jahren ebenda geboren wurde.
Der Bauer Jakob Gujer alias Kleinjogg wirkte als Wegbereiter der modernen Landwirtschaft von 1716 bis 1769 in Wermatswil und machte als solcher die Ustermer Aussenwacht europaweit bekannt. Nicht nur Zürcher Stadtherren wurden auf die damals revolutionären Anbaumethoden des Kleinjoggs aufmerksam, auch deutsche Adlige und der junge Johann Wolfgang von Goethe kamen persönlich zu Besuch.
Omnipräsente Moderne
Auch das Fest verzeichnete überregionale Beachtung: Die Besucher kamen gemäss Autokennzeichen aus Zürich, Bern, Thurgau, Graubünden, Schaffhausen, Appenzell oder aus Deutschland.
Doch wie lässt man im urbanen Uster eine Zeit aufleben, in der Hunger, existenzielle Armut, härteste Arbeit und Kindersterblichkeit alltäglich waren? Die Veranstalter gaben sich grosse Mühe, die Moderne schimmerte aber immer wieder durch.
Erlesene, historische Speisen auf Holzkohle zubereitet, wurden gereicht – die Aufhängevorrichtungen für die Kochtöpfe waren modern glänzend. Ehrengäste traten in historischer Kleidung auf – die Besucher trugen meist Hightech-Regenjacken. Die Vorführhalle war aus Holz und historisch mit alten Bildern aus Kleinjoggs Zeit geschmückt – wen ein natürliches Bedürfnis packte, suchte die Plastik Toi-Toi’s auf. Und ein Werbeplakat wies auf die zukunftsträchtigen Produkte einer Solarenergie-Firma hin.
Sehr authentisch war hingegen die Spielweise der anwesenden Kinder: Kaum ein Handy war zu sehen, der Bauernhof bot genug Möglichkeiten, auf althergebrachte Weise herumzutollen.
Gelungene Performance
Für die inhaltliche Annäherung an Kleinjoggs Leben, führte die Gruppe «Wort-Laut» mit dem Journalisten und Musiker Jérôme Stern und den Schauspielern Florence Widmer-Schnyder und Marco Badilatti ein sehr gelungene Performance auf. Knapp 500 Besucher lauschten den Monologen, Dialogen und kurzen Liedeinschüben, welche insbesondere durch theatralische Fiktion überzeugte.
So zerrissen sich zwei Wermatswiler Bauern anfangs höhnisch die Mäuler über die neuen Methoden ihres Nachbarn, waren nach ersten Erfolgen des Kleinjoggs schon kleinlauter und stritten sich schliesslich derb, als sie sich eingestehen mussten, dass der Verspottete sie mittlerweile ökonomisch weit hinter sich gelassen hatte.
Alltag aufleben lassen
Auch liess die Gruppe mit fiktiven Textpassagen von Kleinjoggs Mutter oder seiner Frau die Alltagshärte der damaligen Zeit eindrücklich aufleben. Einprägsam auch der Dialog zwischen dem jungen, unsicheren Goethe und dem selbstsicheren, der Kunst Goethes anfangs kritisch eingestellten Gujer – der Kultur-Gigant zweifelt daran, ob sein Werk im Vergleich zu jenem des Bauern die Zeit überdauert.
(Andreas Leisi)
