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«Ich möchte meinen Spender nicht kennenlernen»

Mathias Zahner war dem Tode nahe. Nächsten Samstag nimmt er am Greifenseelauf teil – mit einer Spenderleber. Im Interview erzählt der Ustermer seine Leidensgeschichte und spricht über das Gefühl, dank dem Tod eines anderen leben zu können.

Läufer mit Botschaft: Mathias Zahner mit seinem selbst gedruckten Shirt, das er am Greifenseelauf tragen wird. (Bild: Fabio Meier)

«Ich möchte meinen Spender nicht kennenlernen»

Der Ustermer Mathias Zahner war 28 Jahre alt, als er die niederschmetternde Diagnose kongenitale Leberfibrose bekam. Ein Schock für den passionierten Marathonläufer. Die einzige Hoffnung für ihn war eine Organspende. Dank dieser lebt Zahner. Nun möchte er die Menschen für das Thema Organspende sensibilisieren und läuft deshalb nächsten Samstag in einer Gruppe von 25 Läufern mit, die eigens gedruckte T-Shirts mit der Aufschrift «Leben schenken – Organe spenden», tragen.

 

Ihre Lebertransplantation fand im Jahr 1992 statt. Die Chance, dass der Eingriff glückte, war damals zwischen 70 und 80 Prozent. Warum haben Sie sich für einen Eingriff entschieden?

Mathias Zahner: «Meine beiden Töchter waren erst fünf und sechs Jahre alt. Ich wollte zumindest so lange leben, bis die Weichen für die Zukunft meiner Kinder gestellt sind. Mittlerweile habe ich sogar zwei Enkel und kann mich mit ihnen auf dem Spielplatz austoben. Ich habe mich für die Chance, zu leben entschieden.»

Was für einen Einfluss hatte Ihre Familie auf Ihre Entscheidung einer Lebertransplantation zuzustimmen?

Es war ein langer Prozess. Schwierig war es, den Kindern in diesem Alter zu erklären, dass der Vater diesen lebensnotwendigen Eingriff eventuell nicht überleben wird.

In der Zeit vor der Operation ging es mir so schlecht, dass ich teilweise den Lebensmut verloren hatte. Meine Frau hat immer an meine Genesung geglaubt. Um 1 Uhr nachts kam das Telefon. Ein passendes Organ war da. Ich musste mich in der Nacht von meinen Kindern verabschieden. Es war der schwierigste Akt. Ich nahm die Hände meiner Kinder und habe ihnen versprochen, gesund nach Hause zu kommen. Nachher bin ich mit meiner Frau ins Spital gefahren. An die letzten Worte meiner Frau vor dem Eingriff erinnere ich mich nicht. Ich erinnere mich aber, dass wir nachts auf der Autobahn einen toten Hasen gesehen hatten.

Wie hat sich die erste Zeit nach der Operation angefühlt?

Ich erwachte mit vielen Schläuchen in meinem Körper. Ich hatte einen Wasserstau. Ich sah aus wie eine dicke, aufgeblasene Raupe und wog 90 Kilo. Meine Hände waren geschwollen. Ich hatte überall Blattern und war erschöpft.

24 Stunden nach der Operation hat es innerlich wieder geblutet. Ich musste nochmals operiert werden. Ich dachte, das zweite Mal überlebe ich das nicht. Ich hatte bereits einen achtstündigen Eingriff hinter mir und musste nochmals in den Operationssaal. Als ich erwachte, sah ich durch die Scheibe der Intensivstation meine Frau, die das Zimmer aus hygienischen Gründen nicht betreten durfte, mir aber eine rote Rose entgegenhielt.

Eine hypothetische Frage: Was wären Ihre ersten Worte an den Spender Ihrer Leber wenn Sie ihn jetzt treffen würden?

Ganz herzlichen Dank für das grösste Lebensgeschenk. Danke für 25 zusätzliche Jahre. Ich wäre sonst mit 38 Jahren gestorben.

Wenn es möglich wäre, ­würden Sie Ihren Spender gerne kennenlernen?

Nein. Ich möchte die Person nicht direkt kennenlernen. Ich habe eine emotionale Bindung zum Spender wie auch zu den Angehörigen, aber ich denke, es ist besser, eine gewisse ausbalancierte Distanz zu wahren. Ich habe eine sehr schöne innerliche Beziehung zu meinem Spender und möchte das Risiko nicht eingehen, dass nach einem Treffen diese lange und sehr fruchtbare Freundschaft zerstört wäre.

Es gibt viele ethische Diskussionen um die gerechte Verteilung von Organen. Nach welchen Kriterien würden Sie entscheiden, wer ein Organ bekommt?

Ein transplantiertes Organ hält 10 bis 20 Jahre. Bei mir sind es bereits 25 Jahre. Vielleicht ist Zeit, Gottes Art, Kredit zu geben. Mein Kredit ist bereits ausgeschöpft. Ich bin Grossvater und bald 64 Jahre alt. Ich würde keine zweite Transplantation mehr machen, da jüngere Menschen auf ein Organ warten.

Lohnt sich eine Transplantation eher bei jemandem, der 49 Jahre alt ist oder bei ­jemanden, der 14 Jahre alt ist?

Aus meiner Sicht würde ich es einem jungen Menschen mehr gönnen. Der Zukunftslebens­horizont ist noch viel grösser.

Hat ein Alkoholiker dasselbe Recht auf ein Organ wie ein Nichttrinker?

Ich finde, man darf das nicht wertend anschauen. Meiner Meinung nach muss ein Organempfänger kein Gesundheits­fanatiker sein, einfach Jemand, der vernünftig mit seinem Leben umgegangen ist.

Sie sind gläubig. Eine Organtransplantation könnte auch als Gottspielen angeschaut werden. Der Mensch pfuscht in die Natur. Wie sehen Sie das?

Ich bin überzeugt, dass Gott für das Organspenden ist. Alle grossen Weltreligionen befürworten die Organspende als letzter mitmenschlicher Liebesakt. Ich bin sicher, dass Gott auch sieht, was ich mit meinen geschenkten 25 Jahren gemacht habe. Ich denke, dass auch aus Sicht der Religion eine Organspende ein etablierter Eingriff ist.

Wenn jemand aus Glaubensgründen kein Organspender werden will, haben Sie Argumente, die Sie entgegnen können?

Es gibt zum Beispiel die religiöse Auffassung, dass die Seele Zeit braucht, zu entweichen. Wenn jemand zum Beispiel der Auffassung ist, dass bei einem Hirntod die Seele nicht entweichen kann, kann ich das akzeptieren.

Ab wann ist für Sie jemand tot?

Für die Organspende ab dem Zeitpunkt des Hirntodes. Wenn dies von zwei Fachärzten unabhängig voneinander bestätigt wurde.

Was müsste sich in der Schweiz verändern, dass sich mehr Menschen für eine Organspende entscheiden würden?

Wichtig ist, den Tod zu enttabuisieren, sich bewusst werden, dass das Leben endlich ist. Wir müssen alle irgendwann gehen. Die Themen Leben, Tod, Patientenverfügung, Organspende soll­ten in der Familie und mit Freunden diskutiert werden. Zum Beispiel im Tessin ist es anders, dort gibt es eine höhere Spenderkultur. Dort ist alles ­etwas kleiner und familiärer.

Am Greifenseelauf werben Sie für das Organspenden. In ­Österreich ist das weniger notwendig. Anders als in der Schweiz ist dort jeder Bürger nach seiner Geburt automatisch Organspender. Falls die Organe nicht gespendet werden sollen, muss dies aktiv widerrufen werden. Was ­halten Sie von so einer Lösung für die Schweiz?

Ich bin ein Befürworter der Wiederspruchslösung, wie es in Österreich gehandhabt wird. Das heisst, ich muss mich gegen eine Organspende entscheiden und bin so gezwungen, mich mit dem Thema Organspende auseinanderzusetzten.

25 Läufer werden mit einem T-Shirt «Leben schenken – ­Organe spenden» am diesjährigen Greifenseelauf starten. Was sind Ihre Erwartungen nach dieser Aktion?

Immer wenn ich mit unserer Samstagstrainingsgruppe trainiere, spüre ich diese Lebensfreude sowie Dankbarkeit. Ich hoffe, wir können dies auch am Greifenseelauf vermitteln.

(Interview: Petra Zillig)

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