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Aufräum-Coach: «Niemand gibt gerne zu, dass er Hilfe braucht»

Selim Tolga hilft anderen Personen aus der Unordnung – sowohl emotional als auch materiell. In der Schweiz ist laut dem Mönchaltorfer die Hemmschwelle, sich professionelle Hilfe zu holen, aber noch sehr hoch.

Alles was nicht mehr gebraucht wird, fliegt raus. In Selim Tolgas Wohnung in Mönchaltorf hat alles seinen Platz. (Bild: Fabio Meier)

Aufräum-Coach: «Niemand gibt gerne zu, dass er Hilfe braucht»

Die Wohnung von Selim Tolga in Mönchaltorf sieht aus, als würde in den nächsten Minuten ein Fototeam eintreffen, das Bilder für einen Möbelkatalog aufnehmen will. Aufgeräumt, alles an seinem Platz, alles sauber. Von überflüssigen Nippes oder Papierkram keine Spur. Nicht einmal eine Zeitung liegt auf dem Couchtisch.

«Schon als Kind war mir Ordnung wichtig», sagt Tolga. «Meine Mutter musste mich nie anweisen, mein Zimmer aufzuräumen.» Auch im Kindergarten ordnete er lieber die Stifte nach Farben, statt mit ihnen zu ­malen, oder sortierte die Lego-Steine nach Grösse, statt mit ­ihnen etwas zu bauen. «In der Schule organisierte ich dann mein Etui immer wieder neu. Auch Kollegen baten mich irgendwann, Ordnung in ihre ­Dinge zu bringen.» Negative ­Reaktionen habe seine Leidenschaft bei anderen Personen nie hervorgerufen – auch später im Erwachsenenalter nicht.

Material anhäufen als Kompensation

Mittlerweile hat Tolga als Aufräum-Coach seine Passion zum Beruf gemacht. «Unordnung beginnt bei einem unvollständigen System», sagt Tolga. «Oftmals ist der Berg an Arbeit zu gross, darum setzen sich viele Per­sonen gar nicht erst mit dem ­Thema Aufräumen und Ausmisten auseinander.» Er hat eine eigene Methode entwickelt, dem Arbeitsberg gegenüberzutreten. Zuerst müsse man sich bewusst werden, was man eigentlich will. Das Mindsetting ist das erste der vier Schritte seiner Methode. «Danach kommt das Minimalisieren, also das Reduzieren der Besitztümer, damit man einen Überblick bekommt.» Weiter geht es mit dem Methodisieren – jedes Objekt erhält einen fes ten Platz. «Und am Schluss muss der Minimalismus auch weitergelebt werden, damit einem nicht wieder alles über den Kopf wächst», sagt Tolga.

Die Personen, die sich an Tolga wenden, um Unterstützung beim Aufräumen zu suchen, ­seien meist zwischen 40 und 60 Jahre alt. «In diesem Alter hat sich schon viel Material im Keller oder im Estrich angesammelt.» Die Gründe für das zum Teil krankhafte Horten von ­Material seien unterschiedlich. Oftmals würden die Personen mit dem Anhäufen von Objekten etwas anderes kompensieren. Das könne auch Unzufriedenheit mit sich selber sein. «Vielen ist ihre Mission nicht klar – sie beginnen überall neue Projekte, die jedoch nicht lange aktuell bleiben», sagt Tolga. Geht die Ursache für das Ordnungspro­blem tiefer in die Psychologie, kommt das systematische Coaching zum Einsatz. «Dabei werden Blockaden oder Ängste gelöst, zum Teil mithilfe von Aufstellungsarbeiten.»

Kinder sensibilisieren

Die Hemmschwelle, sich überhaupt professionelle Hilfe zu holen, ist laut dem 38-Jährigen in der Schweiz nach wie vor sehr hoch. «Niemand gibt gerne zu, dass er in einem Bereich Hilfe braucht. Darum trete ich auch immer neutral auf und mein Auto ist nicht beschriftet.» Aber auch die Angst, sich von lieb gewonnenen Gegenständen gegen den eigenen Willen trennen zu müssen, hindere wohl viele daran, einen Aufräumcoach zu engagieren. «Diejenigen, die es wirklich nötig hätten, sind nicht die, die sich bei mir melden», sagt Tolga. «Manchmal werde ich von Personen kontaktiert, die jemand anderem helfen wollen, indem sie mich engagieren. Aber das klappt dann meistens nicht.»

Dass das Prinzip des Minimalismus nicht jedem liegt, kann Tolga nachvollziehen. Doch die Ausrede, der Lebensstil würde nicht mehr funktionieren, sobald man Kinder habe, lässt er nicht gelten. «Natürlich braucht man dann mehr Gegenstände. Aber man kann auch Kindern schon früh beibringen, dass sie ein Spielzeug aufräumen sollen, bevor sie ein neues hervornehmen.» Genau dies hätten ihm bereits seine Eltern spielerisch beigebracht. 

Bisher habe er es selten bereut, sich von einem Gegenstand getrennt zu haben. «Das meiste kann man wieder kaufen», sagt er. Damit sich nicht unnötig ­viele Gegenstände ansammeln, habe er zudem seinem Umfeld kommuniziert, keine materiellen Geschenke zu Geburtstag oder Weihnachten zu wollen. «Gemeinsame Erlebnisse erfüllen einem länger mit Glück als materielle Objekte.»

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