Nicht jede seiner Geschichten geht gut aus
Eigentlich hat Florian Zutt seinen Kopf ganz woanders als bei seinem grossen Filmprojekt. Am 20. August wird der 38-Jährige vor den Traualtar treten. Am selben Tag flimmert auch seine Dokumentation über die Schweizer Triathletin Nicola Spirig über den Bildschirm. Doch bis es so weit ist, wartet noch viel Arbeit auf ihn. Die ganze letzte Woche sass er im Ton- und Schneidestudio des Schweizer Fernsehens in Oerlikon.
Heute fährt der SRF-Videojournalist nach St. Moritz, um dem Training von Nicola Spirig beizuwohnen und die 34-jährige Sportlerin zu filmen. Seit fünfeinhalb Monaten begleitet der Walder die Athletin nun. Ein normales Porträt wird Zutts Streifen aber nicht werden, vielmehr zeigt er Spirigs harten Kampf zurück an die Spitze. Eine Kurzfassung der Dokumentation gibt es heute Abend auf SRF zwei zu sehen (siehe Box).
Die Spannung liegt im Ungewissen
Am 5. März stürzt die Triathlon-Olympiasiegerin von 2012 an einem Wettkampf in Abu Dhabi vom Fahrrad, bricht sich die linke Hand mehrfach und verletzt sich die Schulter. Ihr Traum, an den Olympischen Spielen in Rio ihren Titel zu verteidigen, scheint fünf Monate vor dem Start bereits geplatzt. «In der Sportlounge haben wir darüber berichtet und Nicola Spirig zwei Stunden nach der Handoperation besucht», sagt Zutt, der seit über 15 Jahren für das SRF tätig ist.
Er habe dann schnell gemerkt, dass sich die Geschichte gut für eine Dokumentation eigne. «Nicola Spirig ist eine schweizweit bekannte Sportpersönlichkeit und sie verfolgt ein klares Ziel: Nämlich dorthin zurückzukommen, wo sie vor dem Unfall war. Trotz diesem Bestreben ist nicht sicher, ob sie es schaffen wird», sagt Zutt. Genau dieses Ungewisse mache die Spannung aus.
Beeindruckender Durchhaltewillen
Zwei Wochen nach dem Unfall legte Zutt mit den Dreharbeiten los. Er war bei Spirigs harten Trainings in St. Moritz, in Zürich und Bülach mit dabei und folgte ihr nach Mallorca, wo sie in einem Trainingslager war und an einem ersten grossen Wettkampf – einem Halb-Ironman – teilgenommen hat. Der Film zeigt aber nicht nur Nicola Spirig als Sportlerin, sondern auch als Mutter und Familienmensch. So filmte Zutt Momente mit ihrem 3-jährigen Sohn und ihrem Mann – oder öffent-
liche Auftritte wie die Übernahme der Patenschaft eines Tapirs im Zoo Zürich. «Beeindruckt haben mich ihr immenser Durchhaltewillen, ihre mentale Stärke und die Leidenschaft für den Sport», sagt Zutt, der selbst viel Ausdauersport betreibt. Dies merkte er vor allem, als er sie kurz nach dem Fahrradsturz bei einem intensiven Training besuchte.
Schwierige Momente
Auch das Filmemachen funktioniere nicht ohne Leidenschaft und Anstrengung. «Bei jeder Produktion braucht es schwierige Momente, bis ein Film geboren werden kann», sagt Zutt, der mit seiner Partnerin im Weiler Hischwil wohnt. Leidenschaft bedeute eben auch, um 4.30 Uhr nach St. Moritz zu fahren, weil die Protagonistin um 7 Uhr morgens mit dem Training beginne.
In Berührung mit dem Fernsehen und der Filmerei kam der Oberländer, der in Wolfhausen aufwuchs, während seines Sportstudiums an der ETH Zürich. «Nebenbei arbeitete ich als Assistent beim Schweizer Fernsehen, gestaltete kleine Beiträge, führte Interviews und rutschte so langsam in die Fernsehwelt hinein.» Nach dem Studium machte er eine Ausbildung zum Fernsehjournalisten und absolvierte viele Videokurse. Dem Sport kehrte Zutt aber nie ganz den Rücken. Im Zentrum seiner Filme stehen stets Athleten oder Sportereignisse. Anlässlich der Fussballweltmeisterschaft in Brasilien realisierte Zutt eine Serie mit Land-und-Leute-Geschichten in Nordostbrasilien. Für die Sportlounge drehe Zutt Filme über die Triathletin Daniela Ryf, über den Mountainbike-Weltmeister Nino Schurter oder den Snowboarder Ueli Kestenholz, der in der Türkei auf die Suche nach dem Ursprung des Snowboards geht.
Die ganze Geschichte erzählen
Die Reportage über Nicola Spirig dauert 25 Minuten. Längere Formate wie dieses sind für Zutt besonders spannend. «So kann ich die ganze Geschichte erzählen und muss mich nicht nur auf ein Detail konzentrieren.» Solche Projekte gefallen Zutt, weil er als Filmemacher die Entwicklung des Protagonisten miterlebe. «Als Journalist versucht man Distanz zu wahren, und trotzdem entsteht eine Beziehung zu Porträtierten», sagt Zutt. Nicht jede Geschichte geht gut aus. Dies trifft auch die Person hinter der Kamera. «Es ist mein Job und ich gebe mir Mühe, dass mir solche Schicksale nicht zu nahe gehen, aber letztlich ist es nur menschlich, wenn es dies doch tut.»
Am 20. August wird der Filmemacher anderer Menschen Schicksale ganz ausblenden und sich seiner Hochzeit widmen. «Die Reportage schaue ich mir nicht noch im Fernsehen an. Ich habe sie ja schon so oft gesehen. Der Tag gehört mir und meiner Partnerin.» Ab und zu werde er aber auf sein Handy schauen, um zu verfolgen, wie gut sich Nicola Spirig bei ihrem Olympiarennen mache.