Für eine Schweiz ohne Armut
«Hütet die Flamme der Nächstenliebe», hiess der Slogan der Winterhilfe damals im Jahr 1945. Auch wenn die Kriegsjahre der Vergangenheit angehören, gibt es heute noch Menschen, die in der Schweiz am Existenzminimum leben. Kommt etwa eine teure, nicht durch Versicherungen gedeckte Zahnarztrechnung oder eine unvorhergesehene Auslage für Kinder, sprengen diese meist das knappe Familienbudget. Auch Ferien sind ein Luxus, den sich längst nicht alle leisten können.
Armut wird von den Betroffenen meist verschwiegen und der Gang zum Sozialamt wenn möglich vermieden, weiss Max Freiburghaus, Vizepräsident der Winterhilfe Zürcher Oberland. Um solche Notfälle zu überbrücken, sei die Winterhilfe da. Geholfen werde unter anderem bei der Ferienfinanzierung mit Reka (Schweizerische Reisekasse), mit einer Bettenaktion oder dem Verschicken von Kleiderpaketen an Bedürftige.
«Auch Schultornister oder Erstlingsausrüstungen für Babys werden von uns übernommen, und auch bei einer Schuldensanierung stehen wir in Zusammenarbeit mit Fachstellen mit Rat und Tat zur Seite.»
«Inhaltlich ändert sich nichts»
Freiburghaus ist seit zehn Jahren Vizepräsident der Winterhilfe Zürcher Oberland, die sich jetzt auflöst und in die Winterhilfe Zürich integriert wird. Andere Bezirke hätten die Entwicklung schon hinter sich, und mit der Pensionierung der Geschäftsführerin werde das Oberland jetzt in den Kantonalverband überführt.
«Inhaltlich ändert sich nichts. Die Unterstützungsgesuche und Sammlungsgelder aus dem Zürcher Oberland werden weiterhin separat durch die zentralisierte Geschäftsstelle verwaltet, und die in der Region gesammelten Spenden kommen Bedürftigen in der Region zugute», so Freiburghaus.
100’000 waren arbeitslos
Gegründet wurde die Winterhilfe Schweiz während der Wirtschaftskrise in den 1930er Jahren. Auf dem Höhepunkt der Krise waren in der Schweiz im Winter 1935/1936 über 100’000 Menschen arbeitslos. Diese dramatische Lage veranlasste den Bund, die damals bereits bestehende Arbeitslosenkasse auszubauen. Allerdings waren die Leistungen der Kasse nicht gesamtschweizerisch geregelt, sondern wurden regional, teilweise sogar auf Gemeindeebene mit grossen Unterschieden gehandhabt.
Die finanzielle Notlage machte sich besonders in den Wintermonaten bemerkbar, wenn Heizmaterial, feste Schuhe, Winterbekleidung oder teureres Gemüse und Obst gebraucht wurden. Oft ging es für die betroffenen Menschen ums Überleben, bestand doch die Gefahr zu verhungern oder zu erfrieren, und auch die mangelhafte Ernährung konnte bleibende Schäden verursachen.
Es brauchte dringend eine «umfassende Aktion zur Unterstützung der Opfer der Wirtschaftskrise», war man sich bei Bund, Kantonen und Fürsorgestellen einig. Namhafte Persönlichkeiten aus Wirtschaft, Industrie und Politik gründeten darauf 1936 die «Schweizerische Winterhilfe für Arbeitslose» aus der die heutige Winterhilfe entstand.
Risiko Tieflohnarbeit
Armut und soziale Notlagen gibt es auch heute noch. «Wir haben in der Schweiz zwar ein gutes Sozial- und Krankenversicherungssystem, das aber nur bestimmte Risiken abdeckt», sagt Freiburghaus. Deshalb brauche es die Winterhilfe auch heute noch.
«Wir unterstützen häufig Menschen, die im Tieflohnbereich arbeiten und an der Grenze des sozialen Existenzminimums leben, aber keine Sozialhilfe übeanspruchen. Alleinerziehende Mütter beispielsweise, die Teilzeit arbeiten, Alimente bekommen, aber sich doch keine Ferien, eine Schulausstattung oder neue Betten leisten können.»
226 Unterstützungsgesuche habe man vom Sommer 2015 bis jetzt im Zürcher Oberland bearbeitet, 16 Beiträge für Institutionen und Projekte, die sich für präventive Ziele zur Armutsverhinderung einsetzen, gesprochen, wie zum Beispiel für das Frauenhaus Zürcher Oberland oder das Selbsthilfezentrum Zürcher Oberland. «Die meisten Gesuche erreichen uns durch Beratungsstellen, welche Betroffene auf die Winterhilfe aufmerksam machen», sagt Freiburghaus.
Verankerung in der Region
Seit der Gründung der Winterhilfe vor 80 Jahren haben sich immer wieder Freiwillige aus den Gemeinden des Zürcher Oberlands für die Ziele der Winterhilfe eingesetzt. 2006 schlossen sich die Winterhilfekommissionen der Bezirke Hinwil, Pfäffikon und Uster zur Winterhilfe Zürcher Oberland zusammen.
Die Winterhilfe-Kommissionen arbeiteten immer mit den regionalen Jugend- und Familienhilfestellen und den Sozialdiensten zusammen, um Betroffene zu unterstützen. Freiwillige Helfer zu finden, ist aber auch für die Winterhilfe nicht mehr ganz einfach, weshalb die Administration jetzt im Zürcher Kantonalverband zentralisiert wird.
«Auch unter der neuen Leitung wird eine gute Verankerung in der Bevölkerung des Zürcher Oberlands und den hier tätigen sozialen Institutionen angestrebt», sagt Esther Güdel von der Winterhilfe-Geschäftsstelle Schweiz. (Martina Gradmann)