Bubiker Firma sorgt für bequeme Träume
Wir wälzen uns nachts auf ihm, putzen unser Geschirr damit, dank ihm haben wir im Auto Ruhe und beim Jogging die richtige Dämpfung: Schaumstoff. Die Anwendungsmöglichkeiten für das Material werden jeden Tag mehr. Davon profitiert die Fritz Nauer AG mit Sitz in Wolfhausen. Mehrere Hundert Tonnen Schaumstoff werden beim Traditionsunternehmen jährlich produziert. 200 Spezialschaumstoffe für Tausende Anwendungsbereiche. Vom Schallschutz im Auto über Wasserfilter bis hin zum Mikrofon-Windschutz für Fernseh- und Radiostationen. Produziert wird der Grundstoff in der Schäumerei, die durch eine Strasse vom Hauptgebäude getrennt ist. Vom Anfang einer 100 Meter langen Produktionsstrasse aus, umgeben von Kontrollpanels und unzähligen Leitungen, lassen Mitarbeiter täglich Schaumstoffe aufschäumen. Auch heute. Dunkel und glänzend fliesst Flüssigkeit aus dem Mischkopf auf ein Förderband, das in einen tiefen Tunnel mündet. Mit jedem Zentimeter, den die rohe Masse zurücklegt, schäumt sie durch die chemische Reaktion in ihrem Innern stärker auf und gewinnt dabei an Stabilität. Einzelne Schaumstoffe wachsen in der Höhe bis zu einem Meter an. «Beinahe wie in einem Backofen», sagt Standortleiter Christoph Kaufmann. «Nur das unsere Kuchen viel länger werden.»
Fehler dürfen nicht passieren
Es ist ein Backen mit unappetitlicher Rezeptur. Die Zutaten dazu lagern im Untergeschoss: Gewaltige Tanks gefüllt mit mehreren Hundert Tonnen Chemikalien. Fünf bis zehn Hauptkomponenten sind in einem klassischen Schaumstoff enthalten. Die Grundmischung besteht aus Isocyanat und Polyol. «Die Rezeptur allein entscheidet aber noch nicht über ein gutes Produkt», sagt Kaufmann. «Genauso wichtig sind vermeintliche Banalitäten wie etwa die richtige Lufttemperatur oder die Höhe des Drucks auf den Mischkopf.»
Weil die Chemikalien miteinander teils in extremer Form reagieren, ist Sicherheit oberstes Gebot in den Produktionsräumen. Fehler können schwerwiegende Folgen haben. So kam es im August 2012 bei der Koepp Schaum GmbH im deutschen Oestrich zu einem Störfall, als Wasser in einen der Chemietanks geriet. Durch eine chemische Reaktion stiegen Temperatur und Druck im Tank an, eine Gaswolke trat aus. Tagelang musste der Tank durch die Feuerwehr gekühlt werden. «So etwas darf schlicht und einfach nicht passieren», sagt Kaufmann. «Wir haben alle Massnahmen getroffen, damit es bei uns nicht zu einem Störfall kommt.» Die Kontrollen durch externe Stellen sind intensiv. Zu einem Zwischenfall ist es in der Geschichte des Unternehmens noch nie gekommen.
Ein schnelllebiges Geschäft
Inzwischen ist die halb-zähe Flüssigkeit im Innern des Tunnels zu einem 30 Meter langen Block angeschäumt. Während aus dem Mischkopf weiter Chemie fliesst und der Block länger und länger wird, herrscht am Kopfende plötzlich emsiges Treiben. Arbeiter entfernen das «Backpapier» und prüfen ein erstes Mal die Qualität der vorbeiziehenden Schaumstoffmasse. Es folgt ein weiteres Förderband auf dem das Material kontinuierlich weiteren Messungen unterzogen wird bevor am Ende schliesslich ein Hochregallager auf den Schaumstoff wartet. Hier muss das Material in den nächsten Stunden und Tagen von 130 Grad auf Raumtemperatur abkühlen. Erst dann folgt der nächste Schritt. 80 Prozent des Schaumstoffs wird noch in Wolfhausen weiterverarbeitet.
An Lagerfläche darf es dem Unternehmen nicht mangeln. Verglichen mit seinem Gewicht ist Schaumstoff extrem platzintensiv. Zu Türmen gestapelt, dicht an dicht, warten oberhalb der Produktionsräume farbige Blöcke in riesigen Lagerräumen auf ihre Weiterverarbeitung. Was nach viel aussieht, ist in Wahrheit nur der Vorrat für zwei bis vier Wochen. «Das Geschäft ist sehr schnelllebig geworden», so Kaufmann. «Ein Auftragsbestand für zwei Wochen ist keine Seltenheit. Die Lieferfristen haben sich halbiert.» Reagiert hat man darauf mit diversen Massnahmen zur Effizienzsteigerung. Im Durchschnitt beträgt die Lieferzeit nach Auftragseingang gerade mal fünf Tage.
In der Schweiz verbleibt nur ein Teil der fertigen Stücke der Rest wird exportiert. Längst hat sich das einst kleine Unternehmen zu einem globalen Player entwickelt, unter dessen Dachmarke FoamPartner Group weltweit über 500 Mitarbeiter Produkte in unzählige Länder vertreiben. Mit dem Ableger in Singapur, den die Gruppe seit 2012 betreibt, ist das Netz auf zehn Standorte angewachsen. Schaumstoff wird bei drei davon produziert. In China, Deutschland und in Wolfhausen. Indes scheinen die Spuren des einstigen Firmengründers Fritz Nauer, der 1937 in den Handel mit Naturschwämmen einstieg, langsam zu verblassen. In der Schweiz erwirtschaftet die Fritz Nauer AG weniger als 10 Prozent mit Schwämmen. Wegzudenken sind die Putzhilfen aus Wolfhausen aus den Regalen der Grossisten dennoch nicht.
Komfortbereich wird wichtiger
Das Potenzial liegt heute jedoch vor allem im Geschäft mit Komfortartikeln allen voran Matratzen. In der Schweiz bestehen 70 Prozent der Matratzen aus Schaumstoff. Damit schwingt das Land im internationalen Vergleich oben aus. Für die wichtigsten Branchenplayer wie beispielsweise Bico produziert die Fritz Nauer seit Jahren. Entsprechend hoch ist hierzulande mit ungefähr 60 Prozent der Anteil von Komfortprodukten an den Einnahmen. Zum Vergleich: Im Ausland liegt die Quote bei rund einem Viertel. Noch.
«Schaumstoff gewinnt als Werkstoff für Matratzen laufend an Bedeutung», sagt Kaufmann. «Wir verzeichnen im Ausland zweistellige Wachstumszahlen und analysieren den Markt deshalb laufend.» Bislang ist die Fritz Nauer AG das einzige FoamPartner-Unternehmen, das für das Komfortsegment produziert. In den nächsten Jahren dürfte sich daran auch nichts ändern. «Langfristig zielen wir allerdings darauf ab, Komfortprodukte auch im Ausland herzustellen», sagt Kaufmann. «China ist ein spannender Kandidat. Momentan rechtfertigen die Exportanteile eine solche Investition allerdings noch nicht.»
Stark von Trends abhängig
Dank schlanker Struktur und wenig personalintensiven Prozessen kann die Fritz Nauer AG in der Schweiz nach wie vor profitabel operieren. Die Gewinne fliessen unter anderem in Modernisierung der hiesigen Produktionsanlagen beispielsweise in die neue Matratzenproduktionsstrasse, die letztes Jahr in Betrieb genommen wurde. Indes plant die Firmengruppe als globaler Player die Schlagkraft erhöhen.
Dabei ist das Wachstum des Unternehmens, wie überhaupt der ganzen Gruppe, stark von grossen Trends abhängig. Dank eines Trends hin zu Schallisolierungen konnte das Unternehmen sich in der Automobilbranche etablieren, Umwelttrends haben beispielsweise zur Produktion von Filtern aus Schaumstoff geführt. Von welchen Entwicklungen man in Wolfhausen in Zukunft profitiert, ist schwer zu sagen. Dass der Anwendungshorizont für Schaumstoffprodukte noch lange nicht abgesteckt ist, scheint jedoch in Stein gemeisselt. (Monika Cadosch)
