Meine Welt ist eine Dauerwerbesendung
Werbung gibt es wohl, seit der Mensch zum ersten Mal etwas verkauft hat. In letzter Zeit hat die Werbeflut aber ein neues Ausmass angenommen. Unsere Redaktorin stört sich daran.
Letztens nahm ich mir vor, wieder einmal ins Kino zu gehen. Also habe ich mir zur Vorbereitung den Teaser für den Film auf Youtube angeschaut. Worum es genau gehen soll, habe ich allerdings nicht ganz kapiert, das Video wurde nämlich alle 20 Sekunden von Werbespots unterbrochen.
Da ich ja endlich wieder mal in den Ausgang gehe, wollte ich mir auch etwas Hübsches anziehen. Also Pinterest öffnen, «Outfit Inspiration» eintippen. Die App zeigt mir eine Werbung für Abnehmpillen, einen Miniaturregenschirm und eine Leine für Katzen. Was ich eigentlich gesucht habe, habe ich schon wieder vergessen. Also ziehe ich mir einfach ein Kleid und ein Paar Sneaker an.
Jetzt nicht zu viel Zeit vertrödeln! Gerade noch ins Kino geschafft. Rechtzeitig, um mir erst einmal 30 Minuten Werbespots anzuschauen. Dann geht es endlich los. Actionszene folgt auf Actionszene, hier Pistolenschüsse, da waghalsige Manöver. Dort emotionale Szenen, hier ein Ausschnitt vom neuen Audi-SUV. Noch ein Ausschnitt vom tollen Interieur, einer von den innovativen Bremslichtern. Erneut ein Action-Shot.
Gut, dass Pause ist. Ich gehe kurz auf die Toilette. Als ich mich hinsetze, hängt vor meiner Nase ein Werbeplakat für eine Lebensversicherung. Als ich auf meinem Handy die Zeit checke, wirbt ein Pop-up für eine Schönheitsbehandlung.
Aber zurück zum Film: Die Welt ist gerettet, die Hauptfiguren liegen sich in den Armen. In der Heldenzentrale gönnen sie sich ein Getränk aus dem Kühlschrank. Die Kamera zoomt hinein, mit einem satten «Pfschhhht» wird die Dose geöffnet. Ich bekomme Durst. Vielleicht gibts das ja am Kinokiosk.
Was für ein schöner Abend. Aber ganz im Ernst. In letzter Zeit scheint die Flut von Werbung nicht mehr abzunehmen. Sie ploppt auch an immer absurderen Orten auf. Zum Beispiel gibt es neuerdings Autos, die auf den überdimensionierten Bildschirmen in der Mittelkonsole Werbung anzeigen – es sei denn, man zahlt monatlich dafür, sie nicht sehen zu müssen. Und bald fahren unsere Autos ja von selbst. Juhu, mehr Zeit, um Werbung zu gucken!
Als Kind habe ich mich im Flugzeug immer auf die Bildschirme gefreut. Filme! Serien! Heute laufen dort vor allem Werbespots. Ich hoffe, wer sich das ausgedacht hat, hat für den Rest seines Lebens nasse Socken. Wo soll ich denn bitte schön hingucken, wenn nicht auf den Bildschirm 30 Zentimeter vor meiner Nase?
Mittlerweile weiss ich auch, warum es jetzt Internet im Flugzeug gibt: Damit man die Produkte aus der Werbung sofort bestellen kann. Das geht natürlich viel schneller, als einer Stewardess zu erklären, dass man jetzt unbedingt das Schneckenschleim-Gesichtsserum für Fr. 399.90 kaufen möchte.
Man ist nirgends mehr sicher vor Werbung. Es ist ein Wunder, dass noch keine Banner auf dem armen Wal aufgestellt wurden, der gerade in der Ostsee (oder wo auch immer er jetzt ist) dümpelt. Genügend Fernsehzeit bekommt er ja.
In unserer Kolumne «No öppis …» machen wir uns Gedanken über die grossen und kleinen Dinge des Lebens – und teilen diese mit Ihnen.
