Menschen, Mythen, Mitgefühl und Meeressäuger
Carte blanche
Gastronom Rainer Hoffer schreibt eine Kolumne mit sehr vielen «M». Als Vorgesetzter müsse man Menschen mögen, meint der Wirt im Restaurant Rössli in Illnau.
Ja, auch ich mag die Menschen. Man muss Menschen mögen. Dafür steht MMMM. Das tue ich. Sonst würde und könnte ich meinen Job nicht ausüben. Aber richtig ist: Ein wenig Augenzwinkern ist hilfreich. Wie so oft im Leben. Nicht alles todernst zu nehmen, erhöht die Lebenserwartung deutlich.
Ich bin ein komischer Chef. Ich mag auch meine Mitarbeiter. Wirklich. Ich behaupte das nicht nur. (Um dann in ihrer Abwesenheit schlecht hinter ihrem Rücken über sie zu reden.)
Nein. Ich mag sie wirklich. So individuell sie auch sind. Mit all ihre Ecken und Kanten, Stärken und Schwächen, Kulturen und persönlichen Geschichten. Ich höre ihnen gerne zu, ich interessiere mich für ihr Privatleben. Wenn sie was zu erzählen haben, nehme ich das ernst. Wenn sie Sorgen haben, versuche ich – so gut ich das in meiner Rolle kann – zu helfen.
Austrittsgespräch: «Herr Hoffer, ihre Fachkompetenz ist hervorragend. Ihr Führung bringt die richtigen Ergebnisse. Aber das Dritte, Herr Hoffer, da müssen Sie wirklich dran arbeiten!» Das Dritte. Hm. Was mag das wohl sein? «Das wissen Sie nicht – hab ich mir schon gedacht!» Freundlicherweise wurde ich dann noch aufgeklärt.
Meine Schwäche sei die Empathie. (Das sagt ja der Richtige, dachte ich mir nur.) Aber im Ernst und unter uns: Wenn Empathie zum Schimpfwort verkommt, dann wird aus MMMM bei mir MMN: Mit mir nicht. Wenn Empathie was Schlechtes ist, dann frage ich mich allerdings, was da alles in den Führungskräfte-Seminaren schiefgelaufen sein muss.
Oder in den internen Beförderungsentscheiden. Lassen wir doch bitte jene ans Ruder, die auch echte Führungsqualitäten in sich haben – sei es nun anerzogen oder erlernt. Und halten wir bitte Leute von Managementfunktionen fern, für die Empathie ein negatives Wort ist.
Ganz ähnlich übrigens verhält es sich mit der Loyalität. Was für den einen auf Basis seiner Herkunft, Kultur oder Erziehung selbstverständlich ist, ist dem anderen ein Mysterium. Offenheit, Respekt, Toleranz.
Es ist ein bisschen wie beim Liberalismus. Er ist mehr Mythos als Realität. Ich bin sehr liberal, solange alle exakt meiner Meinung sind.
Wer sich mit Ellenbogentechnik nach oben kämpft, darf sich über raue Sitten am wenigsten beschweren. Wer sich selbst im Glanz seiner Perfektion sonnt, riskiert einen Sonnenbrand.
Es gab eine Zeit, da stand das Wort Contenance hoch im Kurs. Fassung, Haltung, Selbstbeherrschung und Gemütsruhe, besonders in schwierigen Zeiten. Herr über die eigenen Sinne bleiben als Zeichen von Souveränität.
Heute scheint vielerorts das Motto zu gelten: «Wer als Erster und am lautesten brüllt, hat recht.» Das ist keine gute Idee. Weder in Partnerschaften oder Familien noch in Unternehmen.
Wer seine eigene Leistung schönredet und dabei bereitwillig über Leichen geht, hat sich an den falschen Vorbildern orientiert. In Zeiten wie diesen verständlich, zumindest aber verführerisch.
Einher geht das oft mit Anglizismen. Da sage ich klar: No way! Wir werden nicht besser performen, nur weil wir uns im Daily Business täglich challengen und uns entsprechend dafür commiten.
Und so sind es oft gerade die, die einem sterbenden Wal in der Ostsee mehr Empathie entgegenbringen als ihren Mitmenschen, dieselben, die übersehen, dass jährlich 300’000 Wale und Delfine in den Fischernetzen verenden. Auch darüber sollten wir nachdenken.
Relationen herstellen, einordnen, das grosse Ganze sehen. In Zeiten von Egoismus und Trumpismus gilt einmal mehr: In der Ruhe liegt die Kraft!
