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Meinung

No öppis …

Jööö – oder wie aus der Kuschelkatze ein Raubtier wird

Meine Katze beherrscht zwei Disziplinen perfekt: Zärtlichkeit – und das Gegenteil davon. Während sie eine arme Maus erledigt, lerne ich sie von einer anderen Seite kennen.

Meine Katze Yoko ist süss. Aber nicht immer.

Foto: Eleanor Rutman

Jööö – oder wie aus der Kuschelkatze ein Raubtier wird

No öppis …

Meine Katze beherrscht zwei Disziplinen perfekt: Zärtlichkeit – und das Gegenteil davon. Während sie eine arme Maus erledigt, lerne ich sie von einer anderen Seite kennen.

Meine Katze Yoko löst selbst bei abgeklärten Menschen etwas aus. So sehr, dass sie die Stimme verstellen und «Jööö» sagen, während sie ihr Gesicht in dieses weiche Fell drücken, als liesse sich dort eine spezielle Portion Geborgenheit und Kuscheltier-Feeling abholen.

Doch wenn sie eine Maus nach Hause bringt, lerne ich meine Katze erst richtig kennen. Es beginnt meist mit einem leicht veränderten Miauen. Es klingt dringlich. Ich höre es sofort und schliesse schnell die Schlafzimmertür. Nicht dass die arme Beute noch unter den Schrank verschwindet und für immer da wohnt.

Wenn Yoko dann die Treppe hochkommt, trägt sie nicht einfach irgendein Objekt im Maul, sondern einen meist noch lebenden ungebetenen Gast. Sie legt ihn mit einer Selbstverständlichkeit auf den Teppich vor meine Füsse. Hier wird ein Ablauf eingehalten, der ohne mich bestens funktioniert – mit mir als Zuschauerin allerdings offenbar vollständiger wirkt. Ein Geschenk oder ein Lehrstück für mich.

Nun stellt sich mir die entscheidende Frage: Soll ich eingreifen und die Maus retten? Oder etwa tatenlos zusehen, wie meine Katze unendlich lang mit dem armen Pechvogel spielt, der sich zu wehren und davonzukommen versucht?

Darauf gibt es keine Antwort – und ich entscheide von Fall zu Fall. Manchmal befreie ich die Maus und setze sie nach draussen, die Katze neben mir. Ein vergebliches Unterfangen, denn meistens hüpft Yoko nach fünf Minuten wieder freudig mit derselben Beute durchs Katzentörli herein.

Wenn sie den Verdammten in die Dusche trägt, wird es ernst. Ein Biss – und dann höre ich ein Knuspern, wenn sie die Maus mit Haut und Haar vertilgt. Nur die Gallenblase lässt sie liegen.

Was bleibt, ist die eigentümliche Mischung aus Faszination und Abwehr, die mich dabei durchzieht. Denn man schaut ja zu, selbst dann, wenn man sich vornimmt, es nicht zu tun.

Man steht im Türrahmen, halb abgewandt, und sieht doch genau hin, wie sich dieses Tier, das noch vor wenigen Minuten auf dem Sofa lag und geschnurrt hat, in einen hoch konzentrierten Organismus verwandelt: Fokus, Spannung, ein kurzer Moment Stille und dann eine Präzision, die grausam anmutet.

Das hat nichts mehr mit Jööö zu tun.

Das Bild vom Kuscheltier deckt sich so schlecht mit dem, was sich da vor meinen Augen abspielt. Es ist schwierig, die beiden Persönlichkeitsanteile meiner Katze stehen zu lassen. Die weiche und die konsequente. Die zärtliche und die grausame.

Yoko sitzt danach oft da, geschniegelt, ruhig, ganz bei sich, als hätte sie lediglich eine kleine Aufgabe erledigt, die weder Erklärung noch Nachbesprechung verlangt. Und ich stehe daneben und merke, dass sich in diesem Nebeneinander von Zärtlichkeit und Konsequenz eine Form von Wirklichkeit zeigt, die sich nicht glätten lässt, egal, wie oft man «Jööö» sagt. Man gewöhnt sich an vieles. Nicht an alles. Doch vielleicht an mehr, als einem lieb ist.

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