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Meinung

Fast pünktlich – aber dann kam das Znünitäschli

Mitten im Alltag bietet sich Redaktorin Karin Sigg eine kurze philosophische Auszeit – völlig unerwartet, doch hochwillkommen im täglichen, persönlichen Kampf gegen die Zeit.

Fast pünktlich – aber dann kam das Znünitäschli

Der Anblick eines Kindergärtlers führt bei Redaktorin Karin Sigg zu einer kurzen philosophischen Auszeit – unerwartet, doch hochwillkommen im persönlichen Kampf gegen die Zeit.

Der Dienstag ist mein Redaktionstag. Ich fühle mich leicht gehetzt, denn ich bin ein bisschen spät dran – wie eigentlich immer, wenn ich pünktlich sein sollte. Die zermürbende Parkplatzsuche ist endlich doch noch von Erfolg gekrönt.

Ich juble innerlich. Vielleicht bin ich dieses Mal doch früher als sonst? Dass für dieses ambitionierte Ziel die Uhren rückwärtslaufen müssten, ignoriere ich in diesem Moment.

Die anschliessenden 500 Meter Fussmarsch führen mich jeweils durch die Unterführung des Bahnhofs Wetzikon. Hoch motiviert gehe ich in den Laufschritt über. Und werde jäh ausgebremst: Rushhour am Bahnhof. Natürlich gerate ich direkt in die wogende, reissende Menschenmenge – wie immer, wenn ich pünktlich sein sollte.

Es ist ein Hecheln, Husten und Hetzen zu hören. Und zu spüren. Ganz zu schweigen von den vielen Ellbogenremplern. Pendler vor, hinter und neben mir rennen um ihr Leben. Doch etwas weiter entfernt scheint es ein Hindernis zu geben. Die hetzenden Menschen weichen – ungebremst und teilweise im letzten Moment – aus.

Als ich näher geschoben werde, sehe ich das Hindernis: Mitten zwischen all den gestressten, angespannten Menschen ist ein kleiner Junge unterwegs. Der knallige Leuchtbändel und sein knuffiges Znünitäschli verraten: ein Kindergartenkind.

Ich drossle mein Tempo und kann mich von dem herzigen Anblick kaum mehr losreissen. Sie erinnert mich an die wilde Tierwelt: die hechelnde Meute, hoch konzentriert auf der Jagd – und mittendrin ein schutzloser Welpe, den die Raubtiere wie durch Zauberhand verschonen und beschützen.

Eine ganz besondere Magie geht jedoch vom Kindergartenkind selbst aus. Es scheint das hektische Treiben ringsum kaum wahrzunehmen. Verträumt, leise vor sich hin summend, schlendert es entspannt seines Weges. Ein fast surrealer Gegensatz zu den gestressten, mürrischen Gesichtern der Pendler auf dem Weg zu Arbeitsplatz, Schule oder sonst wohin.

Beim Weitergehen nehme ich mein vorheriges Tempo nicht mehr auf. Ich fühle mich durch den friedlichen Anblick dieses verträumten Jungen entschleunigt. Würde es uns allen nicht manchmal guttun, eine kleine gedankliche Auszeit in unserer eigenen Traumwelt zu machen? Eine Gabe, die uns Erwachsenen leider oft abhandengekommen ist. Und die wir uns in Workshops, bei Yoga und Meditation krampfhaft wieder anzueignen versuchen.

Lächelnd denke ich an meinen jüngeren Sohn, der auch mit zwölf Jahren noch leicht und völlig unbeschwert durch seine eigenen Traumwelten gleitet – fern von allem, was tickt und drängt. Raum und Zeit verlieren dort ihre Bedeutung. Eigentlich wunderschön.

Nur das mit der Zeit, das ist im Alltag manchmal schon ein wenig hinderlich. Von wem er sein verträumtes Wesen wohl geerbt hat? Sicher nicht von mir. Himmel noch mal, warum ist es nur schon so spät? Wollte ich heute nicht mal früher am Arbeitsplatz sein?

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Ihr Michael Kaspar, Chefredaktor

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