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Carte Blanche

Zwischen Pendlern und Purpose – wieso arbeiten wir?

Während er auf die S-Bahn nach Zürich wartet, sinniert André Wegmann über die Gründe, wieso wir jeden Tag zur Arbeit fahren und darüber, was das für eine Führungskraft bedeutet.

«Was kann ich dazu beitragen, dass Menschen mit einem besseren Gefühl zur Arbeit gehen?», fragt sich André Wegmann als Vorsitzender der Geschäftsleitung der Bank Avera.

Foto: Simon Grässle/ZOM

Zwischen Pendlern und Purpose – wieso arbeiten wir?

Carte Blanche

Während er auf die S-Bahn nach Zürich wartet, sinniert André Wegmann über die Gründe, wieso wir jeden Tag zur Arbeit fahren und darüber, was das für eine Führungskraft bedeutet.

Es ist 6.25 Uhr. Auf dem Perron des Wetziker Bahnhofs warte ich auf den Zug in Richtung Bern, wo eine Sitzung ansteht.

Ich freue mich auf Begegnungen mit interessanten Menschen und auf Gespräche, die neue Gedanken anstossen. Während ich dort stehe, wandert mein Blick über die vielen Pendlerinnen und Pendler um mich herum. Der Bahnsteig ist voll, und ein grosser Teil der Menschen schaut auf das Handy, vertieft in Nachrichten, Musik oder einfach in die eigenen Gedanken. Ich frage mich, wie es all diesen Menschen geht. Was bewegt sie an diesem frühen Morgen? Freuen sie sich auf ihren Tag? Gehen sie gern zur Arbeit? Oder ist es eher eine Pflicht, die erfüllt werden muss? 

Jede und jeder von uns hat eigene Gründe, morgens aufzustehen. Manche finden im Beruf Erfüllung, andere sehen ihre Arbeit vor allem als notwendiges Fundament für alles, was daneben Platz finden soll. Die meisten bewegen sich irgendwo dazwischen. Das ist normal und gehört zu einer vielfältigen Gesellschaft.

Organisationen leben davon, dass unterschiedliche Lebensentwürfe, Stärken und Prioritäten zusammenkommen. Eine ausgewogene Balance zwischen Beruf und Leben spielt eine wichtige Rolle, um langfristig gesund und zufrieden zu bleiben. Wenn die Arbeit nicht alles dominiert, bleibt Zeit für Familie, Freundschaften, Hobbys und vielleicht auch für ehrenamtliche Engagements. Unser Leben soll nicht nur aus Funktionieren bestehen.

Während ich heute Morgen am Perron stehe, beschäftigt mich ein Gedanke, der mich als Führungskraft immer wieder begleitet. Was kann ich dazu beitragen, dass Menschen mit einem besseren Gefühl zur Arbeit gehen? Meine Verantwortung endet nicht bei Zahlen, Prozessen und Regulatorik. Führung bedeutet für mich auch, Bedingungen zu schaffen, in denen Motivation wachsen kann und in denen Zufriedenheit selbstverständlich sein darf.

Mir ist wichtig, dass unsere Mitarbeitenden einen Grund haben, morgens gerne aufzustehen und zur Arbeit zu kommen. Ich arbeite lieber mit Menschen zusammen, die sich wohlfühlen, die ihre Ideen einbringen und spüren, dass ihre Arbeit Sinn hat. Das gelingt nicht in jeder Situation perfekt, doch ich orientiere mich dabei an vier Grundsätzen:

Erstens: Purpose oder auf Deutsch Sinnhaftigkeit. Menschen möchten verstehen, wofür sie arbeiten. Unser Auftrag als regionale Bank ist klar: Wir begleiten Privatpersonen und Unternehmen dabei, gute finanzielle Entscheidungen zu treffen und einen finanziellen Lebensplan zu entwickeln. Dieser Beitrag zur Lebensqualität in unserer Region verbindet unsere über 180 Mitarbeitenden.

Zweitens: offene und ehrliche Kommunikation. Transparenz schafft Vertrauen und stärkt die Bindung an ein Unternehmen. Dazu gehören klare Ziele, nachvollziehbare Entscheidungen und Feedback, das ehrlich gemeint ist. Auch schwierige Informationen verdienen eine zeitnahe und verständliche Erklärung. Aufrichtigkeit ist für mich ein zentraler Bestandteil guter Führung.

Drittens: Wertschätzung. Sie ist keine Zusatzleistung, sondern eine Grundhaltung. Sie zeigt sich im Alltag: im Zuhören, im Wahrnehmen und Anerkennen von Leistungen und im gemeinsamen Lernen. Menschen möchten gesehen werden. Ein ehrlich gemeintes Lob bewirkt häufig mehr als jede formale Massnahme.

Und viertens: Beteiligung. Es geht nicht darum, jede Entscheidung gemeinsam zu treffen, sondern ein Umfeld zu schaffen, in dem Mitarbeitende ihre Perspektiven einbringen können und diese Perspektiven auch Wirkung entfalten. Beteiligung verbessert Entscheidungen und stärkt die Identifikation mit dem Ergebnis.

Falls Sie selbst in irgendeiner Form eine Führungsfunktion wahrnehmen, lohnt es sich, hin und wieder an diese vier Punkte zu denken: Purpose, Kommunikation, Wertschätzung und Beteiligung.

Ich bin gespannt, wie sich die morgendliche Stimmung auf dem Bahnperron in Wetzikon entwickeln wird. Schön wäre es, wenn wir uns das nächste Mal mit einem Lächeln im Zug begegnen.


André Wegmann ist Vorsitzender der Geschäftsleitung der Bank Avera mit Sitz in Wetzikon. Er ist Betriebsökonom HWV und verfügt über einen Executive Master of Corporate Finance sowie Weiterbildungen in Finanz- und Wirtschaftsrecht.

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