Mutprobe im Dunkeln – mein Besuch im Museum ohne Licht
Tösswegs
Redaktorin Bettina Schnider hatte vor ihrem Besuch im Dialogmuseum in Frankfurt schlottrige Knie. Ein lichtloser Parcours ist selbst mit einem kundigen Guide eine Herausforderung – und regt zum Nachdenken an.
Ein Museum, in dem es nichts zu sehen gibt. Genau das ist das Dialogmuseum in Frankfurt, das ich kürzlich besuchte. Anstatt Gegenstände zu bewundern, werden Besuchergruppen dort von blinden oder sehbehinderten Experten durch einen lichtlosen Parcours geführt.
Schon als ich die Beschreibung gelesen hatte, war für mich klar, dass ich das Museum unbedingt besuchen und mich in die Dunkelheit wagen wollte. Ich sah die Erfahrung als Horizonterweiterung.
Doch kurz vor dem Besuch kam dann die Nervosität. Zwar hatte ich viele positive Erfahrungsberichte gelesen. Doch war ich wirklich in der Lage, in der völligen Dunkelheit zu bestehen?
Mein Herz pochte ziemlich, als mir die Museumsangestellte einen Langstock in die Hand drückte und ich mich mit fünf weiteren Personen auf die Führung begab. Als wir in der Dunkelheit angekommen waren, begrüsste uns unser Guide Benji.
Er forderte uns im Anschluss auf, seiner Stimme in einen nächsten Raum zu folgen. Auf einmal wurde mir mulmig. Mit nur ganz kleinen Schritten ging ich vorwärts, hoffentlich in die richtige Richtung. Ich hatte ständig die Angst, gegen einen Baum oder eine Wand zu laufen. Den Langstock empfand ich noch nicht als Hilfe, völlig planlos versuchte ich die Umgebung vor mir zu erfassen.
Benji hatte alles stets im Griff. Im Raum angekommen, forderte er uns auf, nach rechts oder links zu gehen, bis wir ein Geländer fänden. Ich war leider so langsam unterwegs, dass der Guide mich an der Hand nahm und zum Geländer führte. Die Erleichterung war gross, als ich das Holz auf meiner Hand spürte.
Im Raum wurde ein Park nachgestellt, selbst über eine wacklige Brücke mussten wir uns im Dunkeln wagen. In weiteren Räumen galt es, eine Strasse zu überqueren oder in ein Tram einzusteigen.
Das Meistern der Aufgaben wurde zwar mit der Zeit einfacher, blieb aber eine Herausforderung. Und auf der Strasse, die wir im Museum überqueren mussten, waren keine Autos – und im Tram keine anderen Leute.
Beim Gespräch in der sogenannten Dunkelbar am Schluss gab uns Benji noch einige Einblicke in sein Leben als Person mit einer Sehbehinderung. Und er gab uns einige wichtige Hinweise: nicht auf Leitlinien gehen oder Personen mit einer Sehbehinderung einfach berühren. Besser ist es, ihnen mit Klopfen beispielsweise den Ort eines freien Sitzplatzes im Bus zu zeigen.
Mit etwas weniger zittrigen Knien als am Anfang verabschiedete ich mich am Ende der Tour von Benji. Meine Gefühle über den Besuch zu beschreiben, fällt mir schwer, auch wenn mir Themen wie Gleichstellung und Inklusion seit je wichtig sind. Ich will blinde Menschen oder Personen mit einer Sehbehinderung nicht selbstgefällig «bewundern».
Aber ich kann noch mehr anerkennen, wie herausfordernd der Alltag mit einer Sehbehinderung (oder jeder anderen Behinderung) in einer Welt sein kann, in der Inklusion zwar in jedem Leitbild festgeschrieben ist, im Alltag aber nur selten gelebt wird.
Und auch wenn ich damit die Welt nicht besser mache: Ich habe mir nun immerhin fest vorgenommen, nie mehr aus Unachtsamkeit am Bahnhof oder an der Bushaltestelle auf Leitlinien zu stehen.