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Industrie unter Druck – was bedeutet das für die Schweiz?

Rohstoffmangel, Lieferengpässe, geopolitische Risiken: Warum die Schweiz ihre Industrie neu denken und unabhängiger aufstellen muss, will Gioia Porlezza in ihrem «Standpunkt» aufzeigen.

«Standpunkt»-Autorin Gioia Porlezza sieht den Schweizer Industriestandort unter Druck.

Foto: PD/Simon Grässle

Industrie unter Druck – was bedeutet das für die Schweiz?

Standpunkt

Rohstoffmangel, Lieferengpässe, geopolitische Risiken: Warum die Schweiz ihre Industrie neu denken und unabhängiger aufstellen muss, will Gioia Porlezza in ihrem «Standpunkt» aufzeigen.

Gioia Porlezza

Von aussen betrachtet wirkt die Schweiz oft wie eine Insel der Stabilität – wirtschaftlich stark, politisch sicher, technologisch führend. Doch wer genauer hinschaut, erkennt: Auch unser Land ist längst Teil globaler Abhängigkeiten, die uns Wohlstand gebracht haben, uns aber auch verletzlich machen.

Weltweit geraten Lieferketten ins Wanken. Exportstopps, politische Spannungen und der Kampf um kritische Rohstoffe wie seltene Erden, Halbleiter oder Lithium nehmen zu. Wer heute auf eine funktionierende Produktion angewiesen ist, weiss: Verfügbarkeit ist nicht mehr selbstverständlich. Was gestern noch just in time kam, bleibt heute möglicherweise im Hafen stecken, fällt Sanktionen zum Opfer oder wird aufgrund von Unsicherheiten gar nicht erst bestellt.

Für die Schweiz birgt das weitreichende Risiken. Unsere industrielle Stärke beruht auf Präzision, Qualität – und auf der Fähigkeit, weltweit einzukaufen, zu produzieren und zu verkaufen. Doch was geschieht, wenn diese Strukturen nicht mehr verlässlich funktionieren? Wenn etwa Energiepreise explodieren oder der Zugang zu Basismaterialien versiegt? Es drohen Arbeitsplatzverluste, Wertschöpfungsverluste – und ein Verlust an strategischer Handlungsfähigkeit.

Rohstoffsicherheit wird in dieser Lage zu einer existenziellen Frage. Sie bedeutet nicht nur, dass genügend Materialien vorhanden sind, sondern auch, dass Herkunft, Transport und Verarbeitung in politisch und ökologisch tragbaren Bahnen verlaufen.

Es geht um mehr als Versorgung – es geht um Souveränität. Die Schweiz muss deshalb ihre industrielle Basis priorisieren: weniger Abhängigkeit von kritischen Importen, mehr Kreislaufwirtschaft, mehr Innovationskraft vor Ort. Dazu gehört auch der Mut, neue Partnerschaften einzugehen, Recycling systematisch zu fördern und die Ausbildung in technischen Berufen zu stärken.

Es gilt, Prioritäten zu setzen, die vielleicht die eine oder andere politische Wohlfühloase verschieben. Aber wenn es etwas gibt, das wir von der Politik erwarten dürfen, dann ist es, dass Entscheidungen getroffen werden und dass nicht nur an die nächsten Wahlen gedacht wird.

Unsere Industrie ist nicht nur ein Wirtschaftsfaktor. Sie ist Teil unseres Selbstverständnisses – als Land, das Wert auf Qualität, Verlässlichkeit und Eigenverantwortung legt. In einer Welt, die sich neu sortiert, sollten wir diese Werte zum strategischen Kompass machen.

Gioia Porlezza ist in Schlatt aufgewachsen. Bis 2022 war sie Co-Vizepräsidentin der Jungfreisinnigen Kanton Zürich. Sie politisierte bis im April für die FDP im Winterthurer Stadtparlament.

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