Wer sagt denn, dass keiner mehr liest?
Tösswegs
Lesen ist out? Von wegen! Silent Reading Raves und Booktok zeigen: Bücher sind angesagt – auch wenn man es nicht immer hört.
Am Sonntag vor einer Woche war ich an einem Rave – am Silent Reading Rave. Es gab keine elektronische Musik und kein Getanze. Stattdessen sass ich zwei Stunden lang in der Bibliothek Hauptpost in St. Gallen auf einem Liegestuhl und habe gelesen.
Was für eine tolle Erfahrung. Ich finde es schön, wird das Lesen an einem Silent Reading Rave wieder richtig zelebriert.
Die Eventreihe, die ein Verein aus Zürich ins Leben gerufen hat, ist damit nicht allein. Auch auf der Videoplattform Tiktok hat sich eine grosse Community von Leseratten gefunden. Kontrovers werden neue Bücher unter der Rubrik «Booktok» diskutiert – Lesen, so habe ich das Gefühl, ist bei vielen Leuten wieder «in», und das freut mich. Schliesslich war ich schon als Kind eine richtige Leseratte.
Anders lässt sich wohl auch kaum erklären, dass Orell Füssli Thalia, der Marktführer im Schweizer Buchhandel, in den letzten Jahren zahlreiche neue Filialen eröffnet hat, beispielsweise in Uster oder am Bahnhof Winterthur. Simona Pfister, Leiterin Vertrieb, sagte 2022 gegenüber der «Handelszeitung»: «Das Buch hat an Stellenwert gewonnen.»
Belastbare aktuelle Zahlen, die das belegen, gibt es für die Schweiz aber noch nicht. Die letzte Erhebung des sogenannten Kulturverhaltens hat der Bund 2019 gesammelt. Damals haben 83 Prozent der Bevölkerung ab 15 Jahren angegeben, mindestens ein Buch gelesen zu haben – und fast jeder Dritte liest mehr als ein Buch im Monat.
Trends wie Booktok oder die Lese-Raves und auch die knallharte Statistik (selbst wenn sie nun schon ein paar Jahre zurückliegt) sollten uns eigentlich zeigen: Lesen ist eine Beschäftigung, der viele Leute nachgehen.
Und trotzdem höre ich in meinem Umfeld: «Heute liest ja keiner mehr.» Oft folgen dann auch Sprüche über das sinkende Bildungsniveau oder den Zerfall unserer Kultur.
Woher kommt also die Fehleinschätzung, Lesen sei aus der Mode, das Buch ein Auslaufmodell? Vielleicht liegt es daran, dass Lesen einfach eine stille Tätigkeit ist. Sie lässt sich trotz Booktok im Gegensatz zu vielen anderen Hobbys schlecht inszenieren – es sei denn, Buchinfluencerin ist der Traumberuf.
Ich habe mir vorgenommen, mich nicht mehr aufzuregen, wenn ich jemanden über den «Untergang» des Lesens lamentieren höre. Schliesslich habe ich die Fakten auf meiner Seite und auch die vielen stillen Leserinnen und Leser in Parks, im Zug – oder am Rave.
