Coca-Cola, du miese Verräterin – oder wie man eine Sucht mit Fake News bekämpft
Tösswegs
Schockierte Blicke, Stirnrunzeln oder Besorgnis musste ich stets von mir abwehren, wenn ich erzählte, dass ich «scho biz Coci-süchtig» bin. Meine Sucht gilt natürlich nicht dem weissen Discopulver Kokain, sondern dem flüssigen Gift Coca-Cola. Eine Kokainsucht hätte ich nie öffentlich zugegeben.
Aber mein intrinsisches Verlangen nach einer eiskalten Cola in der Dose gab ich gerne und oft kund. Dass es sich um eines der wohl schädlichsten Süssgetränke der Welt handelt, war mir stets bewusst. Deshalb versuchte ich meine tägliche Ration von einer Dose nicht zu überschreiten – je nach Tag sehr erfolglos.
Abgesehen davon, dass Coca-Cola Gift produziert und es so vermarktet, als gäbe es weder Freundschaften noch eine heile Familie ohne ein koffeinhaltiges Süssgetränk auf dem Tisch, machte ich mir über die ethischen Werte der Firma wenig Gedanken. Dass es sich wahrscheinlich um einen imperialistischen Teufel handelt, der sicherlich viel zur Umweltverschmutzung beiträgt, war mir schon bewusst. «Aber es isch ezd nöd so bös wie Nestlé», dachte ich mir.
Bis der Tag kam, der alles veränderte. Da sass ich also gelangweilt auf dem Sofa, scrollte durch Instagram, als ein Boykottaufruf aufpoppte: #BoycottCocaCola! Ein Teil der lateinamerikanischen Gemeinschaft in den USA wollte der Firma den Garaus machen. In unzähligen Videos sah ich Menschen, die sich mit ernster Miene für Pepsi entschieden – so, als wäre es das moralische Äquivalent zu einem Organspendeausweis.
Ausgelöst wurde die Bewegung durch die Aussage eines Arbeitsrechtsanwalts. In einem Tiktok-Video hatte er Anfang Februar behauptet, dass in einer Abfüllanlage in Texas Tausende Mitarbeitende lateinamerikanischer Abstammung entlassen worden seien. Anschliessend sei die US-amerikanische Einwanderungs- und Zollbehörde (ICE) informiert worden, damit diese deportiert würden.
Ich war fassungslos und schloss mich dem Boykott an. Ohne mir noch eine letzte Dose zu gönnen. Meine Sucht hatte ich innert eines Tages überwunden. So einfach ging das? Ganz ohne Entzugserscheinungen? Wahrscheinlich fiel mir der kalte Entzug so leicht, weil meine moralische Empörung stärker war als meine Lust auf Koffein.
Heute gibt es keine Beweise, dass sich die Dinge in Texas überhaupt so abgespielt haben. Wahrscheinlich wurde das Ganze noch mit künstlich generierten Bildern aufgebauscht. Doch die Falschmeldung hat richtig viel ausgelöst. Plötzlich gehörte in den Cuba Libre eine Pepsi. Und auch die peruanische Alternative Inca Kola gewann wieder an Beliebtheit.
Und ich, ich schaffte es tatsächlich, meinem bis anhin noch geliebten Lebenselixier nicht nachzutrauern. Selbstverständlich zweifelte ich an meinem gesunden Menschenverstand. Wie konnte ich mich von Fake News so täuschen lassen?
Doch einen Gedankengang erlaube ich mir noch: Wäre ich damals etwas kritischer gewesen, so sässe ich nun da und würde diese Kolumne mit einem Coci schreiben. Stattdessen trinke ich jetzt Blööterliwasser. Immerhin bleibt mir so die Zuckerschock-Reha erspart. Meine Freude hält sich in Grenzen.