Künstliche Intelligenz: Das Lachen wird uns noch vergehen
Standpunkt
Wir müssen uns mit KI beschäftigen, ob wir wollen oder nicht – dieser Meinung ist Dominik Landwehr. Doch er sieht nicht nur das Positive.
Wenige Themen beschäftigen die Medien mehr als der Vormarsch der Künstlichen Intelligenz, abgekürzt KI. Die neue Technologie wird die Gesellschaft umkrempeln, Arbeitsplätze vernichten, unkontrolliert agieren und am Schluss die Kontrolle übernehmen.
Aber stimmt das alles auch? Natürlich weiss auch ich das nicht. Aber ich überlege mir, welche Umwälzungen bei den Kommunikationsmitteln ich in meiner Lebenszeit selber erlebt habe.
In meiner Jugend gab es nur analoge Medien: Post, Zeitung, Telefon, Radio und mit der Zeit auch das Fernsehen mit einigen wenigen Programmen. Für mich war wohl das Telefon das spannendste und wohl auch das rätselhafteste Medium.
Schon in der Primarschule hatte ich entdeckt, dass ich in meinem Zimmer das Telefon über eine Zweitbuchse mit einem Kopfhörer, den ich von meinen Radiobasteleien hatte, anzapfen konnte und so die Gespräche zwischen meiner Lehrerin und meiner Mutter mithören konnte. Das Telefon verändert sich.
Beim Radio ersetzten langsam Transistoren die schwerfällige Röhrentechnik, die heute wegen ihrem warmen Klang wieder geschätzt wird. Als Kinder sassen wir komischerweise vor dem Radioempfänger und starrten auf das sogenannte Magische Auge, welches nur die Stärke des Empfangssignals anzeigte.
Irgendwo in der Tiefe des Geräts glühten die übrigen Röhren, welche das Gerät mit der Zeit warm werden liessen. Das Telefon blieb gleich, nur die Formen wechselten, und grauer Kunststoff löste das schwarze Bakelit ab, und als das Telefon dann Tasten kriegte, war das eine kleine Revolution. Es blieb alles beim Alten.
Im Internet in der Klosterschule Einsiedeln gab es genau eine Telefonkabine für 200 Schüler. Die Fensterscheibe beschlug sich schnell, wenn man länger als ein paar Minuten telefonierte, und der Nächste klopfte dann und wann an die Scheibe, wenn es länger wurde. Zu Hause hatte ich gelernt, das Telefon umzustöpseln und in mein Zimmer zu tragen, um mit meinem Schatz zu telefonieren. Die Ferngespräche von Zürich nach Frauenfeld kostete meinen Vater ein halbes Vermögen.
Meine Uni-Arbeiten schrieb ich mit einer Schreibmaschine. Nach einer Sehnenscheidenentzündung schaffte ich mir eine IBM-Kugelkopfmaschine an. Sie war laut und ging oft kaputt. In den frühen 80er Jahren kamen die ersten Computer, und besonders gewiefte Kollegen schrieben damit.
Die Ausdrucke waren aber schlecht lesbar, weil sie mit einem sogenannten Nadeldrucker geschrieben wurden. Nach meinem Studium verdiente ich mir mein Geld als freier Journalist und opferte einige tausend Franken für einen einfachen PC. Weil mir die Nadeldrucker nicht gefielen, kaufte ich mir einen Typenrad-Drucker. Er war teuer, aber das Resultat war makellos, und keiner merkte, dass der Text am Computer entstand.
So weit, so gut – aber so richtig aufregend war das alles nicht. Die Aufregung begann, als ab Mitte der 1990er Jahre das Internet kam. Gewalt und Pornografie, sagten damals viele, und auch die Journalisten waren skeptisch. Das sollte sich ändern, aber es brauchte doch etwa zehn Jahre, bis allen klar war, dass da etwas Wichtiges im Tun war.
Natürlich, das Internet war toll, und immer mehr Firmen, Organisationen, staatliche Stellen etc. boten ihre Informationen online an. Nur: Um die Dinge zu lesen, musste man sich hinsetzen, und das ging eigentlich nur zu Hause. Deshalb war die nächste Umwälzung die Einführung von Smartphones, allen voran das iPhone. Und mit den Smartphones kamen auch die sozialen Medien. Für mich war Facebook zunächst ein Medium von Teenagern. Heute ist es das Medium der Pensionierten.
Die Digitalisierung hat viele Berufe und Existenzen verändert. Und natürlich gilt das auch für mein Leben. Ich hänge, wie die meisten, täglich am Netz, sei es beruflich oder privat.
Was ist anders geworden? Ich möchte nur eine Beobachtung herausgreifen: Vor dem Internet gab es in meinem Leben so etwas wie leere Zeit. Momente, in denen ich nichts tat, Momente, in denen ich vielleicht gerne jemanden getroffen hätte, mich zerstreut hätte. Aber da war gar nichts, oder es war mir zu umständlich, in die Stadt zu gehen und – in jüngeren Jahren –die Kneipen nach Bekannten abzusuchen.
Heute ist das anders. Es gibt sie kaum noch, die leeren Zeiten, auch für mich als Pensionierten. Ein Blick aufs Handy, eine Nachricht an einen Bekannten, ein Blick in die Zeitungen oder ein paar lustige Momente mit Youtube.
Netflix-Serien kann ich sogar im Bus schauen. Die Frage nach dem Nutzen des Internets stellt heute keiner mehr. Stattdessen wird über die Schädlichkeit der sozialen Medien für Kinder und Jugendliche diskutiert.
Die Diskussion verkennt die tieferen Ursachen und Gründe: Ich glaube, der Mensch ist ein tief soziales Wesen. Bewusst oder unbewusst sucht er Kontakt zu anderen, will sich bestätigen, trösten, streiten. Und dafür ist jedes Mittel recht – sind es nun Bücher, Zeitungen, Briefe, Telefone, Internet und soziale Medien. Ich glaube, diese fundamentale Feststellung müsste man am Beginn aller Diskussionen stehen.
Und was heisst das nun mit Blick auf die Künstliche Intelligenz? – Ich glaube, da bahnt sich etwas an, hinter dem Berg an Vermutungen, Hoffnungen, Befürchtungen. Für meinen Teil kann ich sagen: Wer das schon mal erlebt hat, ist vielleicht etwas gelassener. So wie sich heute jeder mit dem Internet beschäftigen muss – egal, ob es ihm passt oder nicht – so ist es wohl auch mit der KI.
Man möge sich dabei in Acht nehmen: Heute lacht keiner mehr über die Qualität von automatischen Übersetzungen. Gut möglich, dass wir bald nicht mehr über die Leistungen der Künstlichen Intelligenz lachen werden. Elon Musk und Donald Trump sind in den Startlöchern. Einen Vorgeschmack gab einer der letzten «Tatort»-Krimis: Da hat eine KI-Influencerin junge Leute in den Selbstmord getrieben … Ich kann nur hoffen, dass das nicht Realität wird.
Dominik Landwehr ist Kultur- und Medienwissenschaftler und lebt in Winterthur-Seen. Er schreibt regelmässig über geschichtliche Entwicklungen und interessiert sich für Technologie und Medien.
