Die nachbarschaftliche Extrameile
Standpunkt
«Die Gebäudeversicherung war zeitnah vor Ort und hat ein provisorisches Büro eingerichtet.» Etwa so konnte man es in den Medien nach den verheerenden Unwettern im Süden der Schweiz lesen. Tragische Dinge sind passiert, doch die Versicherung war zugleich zur Stelle.
Natürlich hat man auch seinen Nachbarn geholfen und ist zusammen durch das Leid gegangen. Ich frage mich jedoch: Braucht es erst eine Naturkatastrophe, um zusammenstehen zu können? Inwiefern sorgen unsere Ver- und Absicherungen dafür, dass der Individualismus noch mehr unsere Gesellschaft überflutet? Was würde es bringen, dem Einhalt zu gebieten?
Ich sah die verheerenden Bilder in den Medien und war schockiert. Es erinnerte mich an das Unwetter in Zell im Jahr 2022, als es mir auf der offenen Strasse die Feuerwehrstiefel mit Wasser gefüllt hatte und viele Anwohnende einen grossen Schaden erlitten. Auch in den Folgejahren wurde das Tösstal nicht vor Hochwassern verschont.
Die Zeiten ändern sich. Doch etwas, das mir auffällt, ist die schnelle Verfügbarkeit von Hilfe; die Feuerwehr ist vor Ort, der Zivilschutz hilft, und im schlimmsten Fall kommt das Militär auf den Platz. Zusätzlich werden alle Schäden der Versicherung gemeldet, und ab einem gewissen Punkt ist der Keller wieder entfeuchtet, die Mauern wieder aufgebaut, und das Leben geht weiter. Geld hat man nicht zu viel verloren – auch da; die Zeiten ändern sich, zum Besseren.
Als Missionar lebe ich in Rumänien und beobachte, wie die hiesigen Landsleute nach Westeuropa schauen. Vor einigen Jahren hatten auch sie viele Fluten erlebt; und in meinem Dorf fliesst bei jedem grösseren Regen ein Fluss auf der Strasse, der die Kreuzungen mit Kies füllt.
Ich höre Geschichten, wenn hier ein Keller überflutet, kommt die Feuerwehr, sieht es sich an und geht wieder; sie hätten nicht das nötige Material, helfen sie sich selbst. Dann kommen die Nachbarn mit Kesseln und Töpfen und schöpfen Wasser. Keine Versicherung, die die Schäden übernimmt, dafür Nachbarschaftshilfe.
Ich will mit dieser Geschichte die Katastrophen in der Schweiz in Perspektive setzen. Uns geht es gut. Die Autobahn ist nach ein paar Wochen wieder befahrbar, die Strassen geräumt dank grossartigem Einsatz der Unterstützungskräfte und die Feuerwehr mit allem nötigen Material bereit zu helfen. Sind wir als Nachbarn es auch? Müssen wir warten, bis der Keller des Fremden von nebenan am Überlaufen ist, um zu helfen, oder können wir schon etwas früher mit offenen Augen unterwegs sein?
Es gibt ein biblisches Prinzip, das sagt: Und wenn einer von dir verlangt, eine Meile mit ihm zu gehen, dann geh zwei Meilen mit ihm! Die berühmte Extrameile. Sind wir noch bereit dazu, oder verlassen wir uns auf das System, auf die Versicherung, auf die «anderen»?
Die Rumänen schauen nach Westeuropa und sehen aus ihrer warmen und herzlichen Kultur eher kaltherzige und individualistisch denkende Menschen. Die Zeiten ändern sich: Je länger, je mehr haben alle ihre eigenen Absicherungen, der eigene Besitz ist geschützt und der eigene Garten in Ordnung. Was tun wir, wenn Nachbars Garten ein Chaos ist?
Aus meiner beruflichen Erfahrung in der Psychiatrie weiss ich, wie viele Menschen stumm leiden, unter vielen Menschen, aber isoliert sind. Und diese Tendenz nimmt zu. Manchmal hilft es, kurz innezuhalten und zu reflektieren, wie wir durch die Welt gehen. Kümmern wir uns nur noch um unsere eigene Sicherheit, oder gehen wir mit offenen Augen aus dem Haus, um zu sehen, ob jemand um mich herum meine Hilfe benötigen könnte? Wissen Sie, wie es Ihren Nachbarn geht?
Lasst uns in einer Zeit, geprägt von Individualismus und eigener Sicherheit wieder mehr zusammenspannen. Gemeinsam als Gesellschaft unterwegs sein. Eine Meile, eine Extrameile und vielleicht noch weiter. Laden Sie Ihre Nachbarn zum Kaffee ein. Lassen Sie Politik beiseite, hören Sie hin, wo es Probleme und Lasten gibt, und vielleicht haben Sie nur schon damit jemandem geholfen, etwas leichter durch den Alltag zu gehen. Wir haben Versicherungen und Schadenersatz, doch der Mensch braucht vor allem eines: Andere, die für ihn da sind.
Emanuele Omusoru ist 21 Jahre alt, gelernter Fachmann Gesundheit Psychiatrie und in der Gemeinde Zell aufgewachsen. Seit 2024 lebt er in Rumänien und ist dort in der Entwicklungszusammenarbeit tätig. Gleichzeitig studiert er Theologie und arbeitet als Projektleiter.
