Merkwürdige Bekanntschaften – oder wie mein alter Banknachbar zum Verschwörungstheoretiker wurde
Standpunkt
Standpunkt-Autor Dominik Landwehr bezeichnet sich als Kind der Aufklärung. Die aktuellen Entwicklungen hätte er sich nie vorstellen können.
Carlo war mein Banknachbar im Gymi. Von Mathe verstand er ungefähr gleich viel wie ich. Nämlich wenig. Deshalb lernten wir zusammen für die Matura: Sinus, Cosinus, Integral und Wahrscheinlichkeit. Die Mühe machte sich bezahlt, wir bestanden beide die Prüfung.
Danach trennten sich unsere Wege. Ich ging an die Uni Zürich, Carlo zog es nach Genf, wo er Medizin studierte. Nach der ersten Zwischenprüfung flog er auf die Philippinen. Und blieb dort. 40 Jahre. Vor einigen Jahren hatten wir eine Klassenzusammenkunft.
Carlos erste Reise in die Schweiz seit der Matura. Was hat er in der Zwischenzeit gemacht? «Ich habe Voodoo studiert», erzählte er mir. Damit konnte ich wenig anfangen. Und er hatte erst kürzlich Whatsapp und das Internet entdeckt.
Meine Vorschläge, doch hin und wieder eine halbwegs normale Zeitung zu lesen, werden nicht gehört.
Seitdem beglückt er mich in regelmässigen Abständen mit seinen Weisheiten oder dem, was er dafür hält. Es sind haarsträubende Theorien über die Entstehung von Covid und die Pläne, damit die Menschheit auszurotten.
Meine Vorschläge, doch hin und wieder eine halbwegs normale Zeitung zu lesen, werden nicht gehört: «Weisst du, Dominik, ihr werdet von den Medien einfach angelogen, und das kann ich aus meiner Distanz klar erkennen.»
Monika ist eine Bekannte von mir aus Deutschland. Auch sie hat ihre Ideen und schickt mir gelegentlich die wahre Geschichte der Terroranschläge vom 11. September 2001.
Für sie ist alles sonnenklar: Das war ein Anschlag der CIA. Und dazu gibts dann ausführlichste Videos und Erklärungen. Dass ausgerechnet ein ehemaliger ETH-Historiker als Kronzeuge für die wirren Theorien angeführt wird, macht es nicht viel besser.
Felix ist Sozialarbeiter und hat sich vor einigen Jahren in ein Dorf in den Bergen zurückgezogen. Dank Internet ist er weiterhin mit der Welt verbunden und lässt uns via Twitter und Facebook an seinen Wahrheiten teilhaben. Hier ist es etwas komplexer, denn die meisten seiner Botschaften sind für mich unverständlich.
Aber in Sachen Ukraine-Krieg kennt er kein Pardon, und er weiss mit Bestimmtheit: «Der Westen ist schuld.» Die abtrünnige deutsche Sozialistin Sahra Wagenknecht ist für ihn eine Lichtfigur. Wenn ich ihm erkläre, dass die Ukraine von Russland angegriffen worden sei und das Recht auf Verteidigung habe, dann nennt er mich einen Kriegstreiber und behauptet, ich würde auch meine Kinder ohne Bedenken in den Krieg schicken.
Wenn ich ihn um ein klärendes Gespräch bitte, höre ich: «Keine Hinterzimmer-Gespräche.» Ich hätte mich mit ihm über Twitter zu unterhalten, damit die Welt an unseren Gesprächen teilhaben könne. Ich verzichte dankend.
Franz B. kenne ich zum Glück nur via Facebook. Er hält die Klimaerwärmung für eine Erfindung der Grünen. Heisse Jahre habe es immer wieder gegeben, Naturkatastrophen auch, und überhaupt sei das Wetter halt unberechenbar. Das Klima wandle sich ständig, der Einfluss des Menschen sei aber gering. Argumente will er nicht hören. Er kennt die Wahrheit.
Warum können diese Leute nicht ein paar vernünftige Bücher und Zeitungen lesen und mit dem Unsinn aufhören?
So weit meine Bekannten. Okay, ich habe auch andere. Und ich könnte jetzt einfach zur Tagesordnung übergehen und sagen: «Was solls?» Aber die Sache lässt mir seit Längerem keine Ruhe. Warum ist das so? War das früher anders? Warum können diese Leute nicht ein paar vernünftige Bücher und Zeitungen lesen und mit dem Unsinn aufhören?
Ich war mein ganzes Leben in der einen oder anderen Form mit Medien beschäftigt. Und unbewusst habe ich immer geglaubt, dass es wichtig sei, nach der Wahrheit, nach dem Wesen der Dinge, zu forschen und das auch weiterzugeben.
Es fällt mir schwer einzugestehen, dass das heute nicht mehr so funktioniert, wie ich mir das früher einmal gedacht habe. Nie hätte ich mir vorstellen können, dass es Menschen gibt, die uns vorwerfen, alle unsere Ideen, Gedanken, unsere Bücher und Zeitungen würden auf Lügen basieren, die eine dunkle Macht ausgedacht hat, um uns zu manipulieren, in die Irre zu führen und uns letztlich zu töten und die Menschheit auszulöschen.
Ich hätte mir früher nicht vorstellen können, dass ich an einen Punkt kommen würde, wo ich sagen muss: Ich strecke meine Waffen. Es hat keinen Sinn mehr zu reden. Du wirst deine Meinung nicht ändern. Es kommt mir vor wie Kinder, die in die Schule gehen und die Ohren zuhalten.
Ich bin ein Kind der Aufklärung wie die meisten von uns. Ich bin überzeugt, dass die Wissenschaft eine der tragenden Pfeiler unserer Gesellschaft ist.
Ich bin überzeugt, dass wissenschaftliche Methoden zum Ziel führen. Es liegt im Wesen der Sache, dass die Wissenschafter irren. Ständig. Der Irrtum ist Teil der Methode. Hypothesen werden aufgestellt, bewiesen oder widerlegt. So entsteht Fortschritt.
Konkret: Ist Covid die Erfindung einer dunklen Macht, um uns auszulöschen? Ich kann das nicht ausschliessen. Aber es ist wenig plausibel.
Wurde unsere Regierung manipuliert, um uns zum Maskentragen und Impfen zu zwingen? Auch hier: kaum. Ich gehe davon aus, dass Regierung und Wissenschaft versucht haben, die Situation so zu gestalten, dass möglichst wenig Schaden entsteht. Ist ihnen das gelungen? Ich denke, ja.
Hat man Fehler gemacht? Natürlich. Sicher sind dabei Fehler gemacht worden.
Wie war das mit 9/11? Eine geheime Aktion der CIA? Wäre die Geschichte ein Netflix-Thriller, dann wäre die Antwort: ja. In der Realität ist das anders. Solche Aktionen lassen sich nicht jahrzehntelang geheim halten. Davon ist aber nichts zu hören.
Und die Ukraine: Sind wir auf dem Weg zu einem Atomkrieg? Gibt es eine geheime Agenda der USA, der Nato, des Westens mit dem Ziel, Russland zu zerstören? Ich sehe auch keine Anzeichen, die in diese Richtung gehen würden. Aber es ist wichtig, die Ukraine in ihrem Kampf zu unterstützen.
Und was ist die Moral von der Geschichte: Die Digitalisierung hat uns eine neue Welt beschert. Ideen und Geschichten verbreiten sich in rasendem Tempo. Leider auch schlechte Ideen und schlechte Geschichten.
Mein Eindruck: je schlechter die Geschichte, desto schneller die Verbreitung. Das Internet könnte ein Medium des Lernens, der Aufklärung und des Fortschritts sein. Könnte, leider ist es oft gerade das Gegenteil.
