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Dieses Tropfen bringt mich noch um den Verstand

Selbstdiagnose: Misophonie. Zum Glück kann ich mit einem einfachen Mittel wieder schlafen – wie ein Baby.

Foto: Unsplash (Symbolbild)

Dieses Tropfen bringt mich noch um den Verstand

Tösswegs

Vor etwas mehr als zwei Jahren bin ich umgezogen. In meiner Wohnung fühle ich mich eigentlich sehr wohl, ausser an Regentagen. Denn dann tropft es und tropft es; und mir platzt fast der Kopf – ich werde wütend und gereizt und verliere fast den Verstand.

An jedem Balkon gibt es nämlich ein kleines Abflussrohr. Regnet es einmal etwas stärker, sorgt das dafür, dass Wasser von oben auf das untere Regenrohr klatscht.

Das muss ein architektonischer Fehler sein – da war ich mir absolut sicher. Ich meldete mich bei der Verwaltung. Die Antwort: «Das hören wir jetzt zum ersten Mal.» Offenbar bin ich die Einzige in einer Siedlung mit über 50 Wohnungen, die sich am Tropfgeräusch stört.

Als ich einmal meine Nachbarn darauf ansprach, kam lediglich: «Aber das stört doch nicht.» Auch Gäste schüttelten nur den Kopf: «Das hörst du?»

Und da realisierte ich: Ich bin das Problem.

Seither habe ich mich mit der Situation arrangiert. Wenn es stark regnet, setze ich mir meine Kopfhörer auf und höre Musik. Taylor Swift oder Eurovision 2024. Hauptsache, sie ist lauter als das unsägliche Tropfen.

Ein wasserdichter Plan – bis zum Starkregen in den vergangenen Tagen. Mitten in der Nacht wachte ich auf und hörte nur noch dieses Tropfen. Ich hatte das Gefühl, in einem Kirchturm zu schlafen – neben den läutenden Kirchenglocken.

Ich griff also zu meinem Handy und fragte Google um Rat. Und fand den Begriff «Misophonie», eine Überempfindlichkeit auf bestimmte Geräusche. Es ist offiziell keine Krankheit und auch noch wenig erforscht. Aber ich scheine mit meinem Problem nicht allein zu sein.

Eine Website lieferte einige Tipps, die helfen sollen: Man könne durchaus lernen, weniger empfindlich auf die störenden Geräusche zu reagieren. Expositionstherapie sozusagen.

Um 3 Uhr in der Früh hatte ich aber keine Nerven, mich dem Tropfen auszusetzen. Ich hätte vermutlich völlig den Verstand verloren. Und so habe ich es mit einem anderen Mittel versucht. «White Noise» oder «weisses Rauschen». Es soll offenbar dafür sorgen, dass unliebsame Geräusche überdeckt werden.

Die passende Playlist war auf meiner Musik-App schnell gefunden. Und sie hat geholfen: Ich konnte ohne störende Tropfgeräusche im Hintergrund weiterschlafen. Wieso habe ich das nicht früher gewusst? Wo war das weisse Rauschen in den letzten zwei Jahren?

Am nächsten Tag habe ich dann noch herausgefunden, dass «White Noise» auch bei Babys und Kleinkindern für besseren Schlaf sorgen soll. Aber zum Glück nicht nur bei ihnen. Ach, ich glaube, ich lasse es mit der Expositionstherapie. Und schlafe lieber bei weissem Rauschen durch – wie ein Kleinkind. Wutanfall inklusive, wenn das Rauschen vorbei und das Tropfen wieder hörbar ist.

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