Hilfe, ich trinke nicht
Tösswegs
Ich weiss nicht mehr, wann ich das letzte Mal Alkohol getrunken habe. Fünf Jahre ist es bestimmt her. Es gab kein einschneidendes Erlebnis oder eine Eingebung von oben. Irgendwann habe ich schlicht und ergreifend damit aufgehört, Alkohol zu trinken.
Denn gern hatte ich das Zeugs sowieso nie. Aber natürlich habe ich auch manchmal ein bisschen getrunken, Zum Beispiel im Restaurant bei der Familienfeier ein Glas Weisswein. Während andere schon vor dem Hauptgang ausgetrunken hatten, habe ich beim Dessert verzweifelt versucht, das Glas leer zu trinken. Es war eine Qual.
Und irgendwann war ganz Schluss, und mir fehlt nichts. Während andere beim Apéro instinktiv zu Wein oder Bier greifen, stehe ich halt da mit meiner Wasserflasche oder bediene mich am Orangensaft. Das stört mich nicht. Übrigens: Man kann auch mit einem Glas Wasser anstossen, ohne am sozialen Druck zu sterben. Ich habe es getestet.
Ich habe mich damit arrangieren müssen, dass unsere Gesellschaft auf Alkoholkonsum ausgerichtet ist. Man fällt auf, wenn man nicht trinkt. Und sofort wird man mit der Frage konfrontiert: «Wieso?» Als wäre man eine Antwort schuldig. Das leuchtet mir nicht ein: Ich esse auch keinen Rosenkohl, und noch nie hat mich jemand nach dem Grund gefragt.
Ich will hier zu keiner Moralpredigt ansetzen. Aber manchmal würde ich den Ball gerne zurückspielen: «Wieso trinkst du noch Alkohol?»
Ich glaube, ich kenne die Antwort der meisten. Vermutlich, weil der Konsum von Alkohol als «normal» gilt. Wir haben eine richtige Trinkkultur.
Man mag die Nase rümpfen über besoffene Jugendliche, greift aber beim Apéro doch zum Bier. Dabei ist eigentlich klar: Es gibt keine gesundheitlich unbedenkliche Menge von Alkohol.
Alkohol ist, wie Anna Rosenwasser kürzlich in ihrer Kolumne in der «Republik» schrieb, «die glorifizierteste psychoaktive Substanz der Welt».
Ein kleines Beispiel: Wenn Personen mit dem Rauchen aufhören, lobt man sie. Lehnt man einen Drink ab, trifft man auf Unverständnis. Denn, das ist ja scheinbar nicht normal. Und ich frage mich, ob sich das jemals ändert.
Dabei ist es mir egal, wenn andere Alkohol trinken. Aber ich will einfach nur in Ruhe mein Cola light geniessen, ohne übergriffige Fragen beantworten zu müssen. Und wenn ich noch einen Wunsch frei hätte: Etwas mehr alkoholfreie Alternativen an Feiern und Apéros wären auch ganz lässig.
