Bezirk Hinwil

Bezirk Pfäffikon

Bezirk Uster

Tösstal

Themen

Specials

Services

ZO Portale

Abo

Meinung

Hilfe, ich trinke nicht

Wer keinen Alkohol trinkt, fällt auf. Das müsste nicht sein, findet Redaktorin Bettina Schnider.

Anstossen mit einem Glas Weisswein ist die Norm. Wer nicht trinkt, fällt sofort auf. (Symbolbild)

Foto: Seraina Boner

Hilfe, ich trinke nicht

Tösswegs

Ich weiss nicht mehr, wann ich das letzte Mal Alkohol getrunken habe. Fünf Jahre ist es bestimmt her. Es gab kein einschneidendes Erlebnis oder eine Eingebung von oben. Irgendwann habe ich schlicht und ergreifend damit aufgehört, Alkohol zu trinken.

Denn gern hatte ich das Zeugs sowieso nie. Aber natürlich habe ich auch manchmal ein bisschen getrunken, Zum Beispiel im Restaurant bei der Familienfeier ein Glas Weisswein. Während andere schon vor dem Hauptgang ausgetrunken hatten, habe ich beim Dessert verzweifelt versucht, das Glas leer zu trinken. Es war eine Qual.

Und irgendwann war ganz Schluss, und mir fehlt nichts. Während andere beim Apéro instinktiv zu Wein oder Bier greifen, stehe ich halt da mit meiner Wasserflasche oder bediene mich am Orangensaft. Das stört mich nicht. Übrigens: Man kann auch mit einem Glas Wasser anstossen, ohne am sozialen Druck zu sterben. Ich habe es getestet.

Ich habe mich damit arrangieren müssen, dass unsere Gesellschaft auf Alkoholkonsum ausgerichtet ist. Man fällt auf, wenn man nicht trinkt. Und sofort wird man mit der Frage konfrontiert: «Wieso?» Als wäre man eine Antwort schuldig. Das leuchtet mir nicht ein: Ich esse auch keinen Rosenkohl, und noch nie hat mich jemand nach dem Grund gefragt.

Ich will hier zu keiner Moralpredigt ansetzen. Aber manchmal würde ich den Ball gerne zurückspielen: «Wieso trinkst du noch Alkohol?»

Ich glaube, ich kenne die Antwort der meisten. Vermutlich, weil der Konsum von Alkohol als «normal» gilt. Wir haben eine richtige Trinkkultur.

Man mag die Nase rümpfen über besoffene Jugendliche, greift aber beim Apéro doch zum Bier. Dabei ist eigentlich klar: Es gibt keine gesundheitlich unbedenkliche Menge von Alkohol.

Alkohol ist, wie Anna Rosenwasser kürzlich in ihrer Kolumne in der «Republik» schrieb, «die glorifizierteste psycho­aktive Substanz der Welt».

Ein kleines Beispiel: Wenn Personen mit dem Rauchen aufhören, lobt man sie. Lehnt man einen Drink ab, trifft man auf Unverständnis. Denn, das ist ja scheinbar nicht normal. Und ich frage mich, ob sich das jemals ändert.

Dabei ist es mir egal, wenn andere Alkohol trinken. Aber ich will einfach nur in Ruhe mein Cola light geniessen, ohne übergriffige Fragen beantworten zu müssen. Und wenn ich noch einen Wunsch frei hätte: Etwas mehr alkoholfreie Alternativen an Feiern und Apéros wären auch ganz lässig.

Abo

Möchten Sie weiterlesen?

Liebe Leserin, lieber Leser

Nichts ist gratis im Leben, auch nicht Qualitätsjournalismus aus der Region. Wir liefern Ihnen Tag für Tag relevante Informationen aus Ihrer Region, wir wollen Ihnen die vielen Facetten des Alltagslebens zeigen und wir versuchen, Zusammenhänge und gesellschaftliche Probleme zu beleuchten. Sie können unsere Arbeit unterstützen mit einem Kauf unserer Abos. Vielen Dank!

Ihr Michael Kaspar, Chefredaktor

Sie sind bereits Abonnent? Dann melden Sie sich hier an

Digital-Abo

Mit dem Digital-Abo profitieren Sie von vielen Vorteilen und können die Inhalte auf zueriost.ch uneingeschränkt nutzen.

Sind Sie bereits angemeldet und sehen trotzdem nicht den gesamten Artikel?

Dann lösen Sie hier ein aktuelles Abo.

Fehler gefunden?

Jetzt melden.

Kontakt

Inserieren

Abo

Services

Über uns