Vorbei
Aufgefallen – gedacht
Kolumnist Guy A. Lang denkt über alte Telegramme und Familientraditionen nach. Und er fragt sich, was dieses Jahr sein Ende finden wird.
«ANKOMME 11:32 UHR +++ STOP +++ ICH LIEBE DICH +++ STOP +++ BRAUCHST DU ETWAS? +++ STOP+++ GRUESSE»
Vorbei, 213 Jahre nach Erfindung, am 31. Dezember 2022, «TELEGRAM VORBEI +++ STOP». Kein Glückwunsch- oder Beileidtelegramm mehr in Deutschland, weder zur Hochzeit, Beerdigung, zum Jubiläum oder Geburtstag. In der Schweiz schon viel länger, wie eine Anfrage bei der Post ergab. Heute gibt es E-Mails, WhatsApp, SMS und ähnliches.
Information hat sich grundlegend verändert. Während man früher eine Telefonverbindung über ein Telefonfräulein vom Amt beantragen musste, konnte man später an einer Wählscheibe drehen.
Es gab Telefonkabinen mit Telefonbüchern, in denen man die Nummer eines Gesprächsgegenüber nachschlagen konnte. «TELEFONBUCH VORBEI +++ STOP». Nach 142 Jahren – das letzte, klassische swisscom-Telefonbuch wurde 2022 gedruckt. Jetzt gibt es nur noch elektronische Auskünfte.
Jeden Dezember wurde bei uns eine Familientradition zelebriert: Vater begab sich zum Bahnschalter und erwarb das neue Kursbuch. Dann wurde geblättert, Ideen gesammelt, Orte vorgeschlagen, verworfen, Strecken definiert, Züge herausgesucht, Umsteigzeiten einkalkuliert – kurz, die Familie beschäftigte sich mit dem Reisejahr. Ausflüge, Ferienorte und Verwandtenbesuche wurden eruiert. «KURSBUCH VORBEI +++ STOP».
Bin gespannt, was Ende 2023 vorbei sein wird.
