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Gemeinsames Projekt der Anrainer

Dübendorfer Flugweg: Infos, Lärm, viel «Jöh» und etwas Langeweile

Ein Natur- und Erlebnispfad soll er sein, der Flugweg rund um den Dübendorfer Flugplatz. Die Redaktion hat getestet, ob die Realität dem Anspruch gerecht wird. Fazit: na ja…

Immer den GLP-grünen Schildchen nach, dann klappt das schon – zumindest meistens.

Fotos: Thomas Bacher

Dübendorfer Flugweg: Infos, Lärm, viel «Jöh» und etwas Langeweile

Ein Natur- und Erlebnispfad soll er sein, der Flugweg rund um den Dübendorfer Flugplatz. Die Redaktion hat getestet, ob die Realität dem Anspruch gerecht wird. Fazit: na ja …

Kilometer 0: Der Start

Obwohl man überall in den rund acht Kilometer langen Flugweg rund um den Flugplatz Dübendorf einsteigen könnte, bietet sich der Standort gleich neben dem künftigen Haupteingang zum Innovationspark an. Hier findet man einen Übersichtsplan sowie Infos zu Flugweg, Innovationspark, Gebietsentwicklung sowie einen kurzen Einblick in die über 100-jährige Geschichte des Flugplatzes.

Der Ort ist gut mit dem ÖV erschlossen, und es hat sogar ein paar Parkplätze. Die Orientierung ist einfach, man muss nur den GLP-grünen Hinweisschildern folgen. Los gehts.

Schon nach wenigen Metern steht man vor der nächsten Info-Tafel, die einen in die Geheimnisse der Hetzerschen Holzbauweise einführt. Sehr interessant. Natürlich darf auch der Chrebsschüsselibach nicht fehlen. Das kanalisierte Bächli wird an die Oberfläche geholt und spielt dereinst eine tragende Rolle in der Renaturierung des Areals – was schon in der ersten Projektidee für den Innovationspark kommuniziert wurde und seither von den Verantwortlichen bei jeder Gelegenheit wiederholt wird.

Kilometer 0,5: Der Innovationspark

Am Pavillon an der Wangenstrasse vorbei gehts auf den Innovationspark. Nach der Informationsflut zu Beginn des Wegs fühlt man sich hier ziemlich alleingelassen. Auf einmal fehlt jegliche Wegbeschreibung, wobei das mit etwas Orientierungsvermögen und gesundem Menschenverstand zu schaffen ist.

Schwerer wiegt, dass es zwar wahnsinnig viele potenziell interessante und auch ein paar seltsame Dinge zu sehen gibt, aber Informationen dazu gibt es kaum.

Woran arbeiten die Menschen in diesen Hangars? Wozu dient diese Teststrecke, diese Schiene, diese Röhre? Was wird hier gebaut? Wer kam auf die lustige Idee, hier ein Beachvolleyballfeld anzulegen? Wo ist neben dem Saturn der Rest des Planetenwegs? Wieso hat dieser Typ einen Liegestuhl auf einen Überseecontainer gehievt, um zu «sünnele»? Und wo steht jetzt schon wieder die Startrampe für die Raketen dieses internationalen Weltraumunternehmens, das sich kürzlich hier niedergelassen hat?

Kilometer 1,2: Der Abenteuerweg

Beim Skyguide-Parkplatz beginnt (oder endet) der «Zisch Summ Brumm»-Abenteuerweg für Kinder. Auf der 4,5 Kilometer langen Strecke zeigen Info-Täfelchen in kindgerechter Sprache die Gemeinsamkeiten von Flugmaschinen mit Insekten und Vögeln auf. Dabei werden den Kindern immer wieder Aufgaben gestellt. Zum Beispiel sollen sie wie Bienen mit den Flügeln beziehungsweise Armen schlagen oder wie der Kolkrabe Kunststücke vollführen. Der Zeitaufwand beträgt laut Info-Tafel rund eineinhalb Stunden.

Ein paar Meter vom Start entfernt gibt es im Skyguide-Restaurant Verpflegungsmöglichkeiten und eine Toilette. An den Wochenenden ist das Lokal jedoch nur über Mittag geöffnet. Im Notfall müssen die lieben Kleinen halt kurz in die Büsche.

Kilometer 1,3 bis 1,9: Wrrruuummm, der Autobahn-Horror

Der Flugweg wird von den Verantwortlichen als Natur- und Erlebnispfad angepriesen. Das Erlebnis-Versprechen wird auf dem nächsten Streckenabschnitt tatsächlich eingelöst, wenn auch auf spezielle Art und Weise. Der schmale Weg führt nämlich auf 600 langen Metern direkt an der dicht befahrenen A15 entlang. Der Lärm der in kurzer Entfernung vorbeidonnernden Fahrzeuge löst unweigerlich einen Fluchtreflex aus. Doch ausweichen ist nicht möglich, da muss man durch.

Kilometer 2: Das Ruhebänkli

Nach dem beschwerlichen Weg entlang der A15 ist diese Sitzgelegenheit sehr willkommen, um das erlittene Lärmtrauma zu verarbeiten. Erstaunlich, nur ein paar Meter von der Autobahn entfernt ist das ein richtig idyllisches Plätzli mit guter Sicht auf den Flugplatz. Hier steht wiederum eine Holzkonstruktion mit Info-Tafeln, wobei es bereits die eine oder andere Wiederholung gibt.

Kilometer 2,9: Der Wachtelmichel

Nächste Station: Der Wachtelmichel. Was ein bisschen nach einem Gasthaus im Salzburger Land klingt, ist ein Bauernhof, der sich den Spaziergängern auf dem Flugweg als Erlebnishof light präsentiert. Es gibt eine Grillstelle, allerlei Geflügel in Volieren, man kann die wirklich sehr neugierigen Kühe anschauen und sich an den Kälbchen mit ihren grossen Augen ergötzen.

Deren Geschwister liegen ein paar Meter weiter im Hofladen zum Kauf bereit, gekühlt und in handliche Stücke zerteilt. Daneben gibt es für die gelungene Pause auch Beeren, diverse Wurstwaren oder Glace. Irgendwann soll noch ein kleiner Spielplatz gebaut werden. Wer das Spektakel eines Juckerhofs braucht, ist hier falsch. Für alle anderen ist es eine nette Zwischenstation.

Kilometer 3 bis 3,9: Zwischen Feldern und Nato-Draht

Nun folgt der kargste Abschnitt des Rundwegs: auf der einen Seite Felder, auf der anderen – hinter Nato-Draht – der Flugplatz. Der Reiz der sich selbst genügenden Weite, die man in der dicht besiedelten Region kaum noch erleben kann, ist nicht von der Hand zu weisen.

Vogelbeobachter kommen hier auf ihre Kosten. Störche staksen auf Nahrungssuche durch das Gras, und immer wieder jagt ein Greifvogel im Sturzflug nach Beute. Die Witterung macht den Abschnitt in dieser topfebenen Gegend zu einem Erlebnis für alle Sinne. Im Sommer bei Sonnenschein fühlt es sich an wie in einer Bratpfanne, im Winter lässt einem der eisige Wind das Blut in den Adern gefrieren. Und wenn es regnet, dann grundsätzlich horizontal und von vorne.

Kilometer 4: Das Ende, irgendwie

Spätestens am Ende der Startbahn wird klar: Die Schöpfer des Flugwegs haben nicht damit gerechnet, dass die Spaziergänger die ganzen acht Kilometer rund um den Flugplatz unter die Füsse nehmen. Anders lässt es sich nicht erklären, dass hier auf den Info-Tafeln zum wiederholten Mal über die Gebietsentwicklung und die Geschichte des Flugplatzes berichtet wird.

Ansonsten gibt es nichts, was zum Verweilen einlädt: Also schnell noch ein Selfie vor der Startbahn gemacht – und weiter gehts.

Kilometer 4,2: Die Rast beim Baugeschäft

Einen recht speziellen Ort haben sich die Planer für diesen Rastplatz ausgesucht; man befindet sich hier quasi auf dem Gelände eines Bauunternehmens. Gen Norden hat man einen unverbauten Ausblick auf die Piste, ansonsten ist der Platz eingerahmt von gestapelten Gerüstteilen, Betonblöcken, Lieferwagen und angerosteten Überseecontainern.

Ausgestattet ist der Rastplatz mit einem vandalensicheren Grill inklusive reichlich Holz, einer grob gezimmerten Tisch-Sitzbank-Kombination und einem Sitzkarussell.

Kilometer 4,3 bis 7,1: Im Agglo-Einheitsbrei

Agglo pur erwartet einen auf den folgenden fast drei Kilometern. Der Weg führt erst durch ein Gewerbegebiet und danach vorbei an Autohändlern, Tankstellen, Discountern – und weiteren Autohändlern. Die Strecke entlang der Zürcher-/ Ueberlandstrasse ist alles andere als idyllisch. Nicht nur wegen der vielen Autos, sondern auch, weil die Velofahrer in einem Affenzahn an einem vorbeirauschen. Aber so ist sie eben, die Agglo.

Den Flugplatz kann man derweil nur erahnen, denn die hohe Hecke versperrt einem auf der gesamten Strecke die Sicht auf das Gelände. Info-Tafeln gibt es hier nur noch spärlich.

Kilometer 7,2: Das Flieger-Flab-Museum

Das Flieger-Flab-Museum wurde von Flugi-Fans für Flugi-Fans gemacht – mit durchaus erschwinglichen Eintrittspreisen. Hier findet man auch ein Restaurant und ein Toilette.

Kilometer 7,6: Das Flugfeld-Quartier

Auf den letzten Metern des Flugwegs passiert man das Flugfeld-Quartier: rechts auf dem Flugplatzareal historische Zeitzeugen, auf der linken Seite eine grosse Dauerbaustelle, wo man hautnah miterleben kann, wie günstiger Wohnraum in teuren Wohnraum umgewandelt wird.

Das Fazit

Aktuell führt der Flugweg über bestehende Wege und Strassen rund um den Flugplatz, was die grösste Schwäche des Projekts ist. Die Strecke entlang der Autobahn ist eine echte Herausforderung, der Weg von Hegnau nach Dübendorf einfach nur langweilig und zäh. Wer sich das ersparen will, macht ab Hegnau einen kleinen Umweg ins Naturschutzgebiet Chrutzelried südlich der Zürcherstrasse und dann durchs schmucke Gfenn zurück zum Ausgangspunkt.

Mit der fortschreitenden Entwicklung des Flugplatzareals soll die Einzäunung schrittweise zurückversetzt werden. Die Wege sollen dann direkt über den Flugplatz und die alten Rollbahnen führen. Geplant sind weitere «Erlebnisstationen» und Informationstafeln. Das dauert allerdings noch ein paar Jahre.

Bis es so weit ist, bietet der Flugweg zwar keinen Genuss – um ab und zu die Transformation des Geländes zu verfolgen, erfüllt er aber seinen Zweck. Und vielleicht nutzen die Verantwortlichen des Innovationsparks ja noch die Chance, der Bevölkerung mit einigen Info-Tafeln zu erklären, was auf dem Areal Spannendes passiert.

Verstaubter Abenteuerweg

Der Abenteuerweg für Kinder ist in seinem jetzigen Zustand alles andere als ein Highlight. Der Ansatz, die Gemeinsamkeiten von Tieren und Flugmaschinen aufzuzeigen, mag Potenzial haben. In seiner Didaktik wirkt das alles aber verstaubt und reicht kaum aus, ein durchschnittliches Kind während eineinhalb Stunden bei der Stange zu halten.

Da gibt es in Dübendorf mit dem Gschichtli-Weg und vor allem mit dem interaktiven Erlebnisweg der Glattwerk AG deutlich spassigere und phantasievollere Alternativen. Immerhin: Der Wachtelmichel ist eine gelungene Zwischenstation. Und sonst bleibt ja immer noch das Flieger-Flab-Museum.

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