Lifestyle

Lastwagen und Busse «made in Zürcher Oberland»

Das FBW-Werk machte Wetzikon während des 20. Jahrhunderts zu einem Hotspot der Nutzfahrzeugherstellung.

Rund ein Dutzend FBW-Fahrzeuge sind im Museum zu bestaunen.

Foto: PD

Lastwagen und Busse «made in Zürcher Oberland»

Verlagsbeilage «Mobilität»

Das FBW-Werk machte Wetzikon während des 20. Jahrhunderts zu einem Hotspot der Nutzfahrzeugherstellung.
Mit seinem Museum will der FBW-Club die Erinnerungen daran lebendig halten.

Der mit Wellblech verkleidete Industriebau an der Zürcherstrasse in Wetzikon wirkt auf den ersten Blick ziemlich unscheinbar. Doch die grossen roten Buchstaben und das Bild zweier Oldtimer-Lastwagen an den Seiten lassen erahnen, dass sich darin wahre Schätze der Schweizer Automobilgeschichte befinden. Bahnwagentransporter, Hochlenkerbus oder Kehrrichtfahrzeug – auf allen prangt der Schriftzug FBW.

Drei Buchstaben, die in der Mitte des 20. Jahrhunderts in der Schweiz und über die Grenzen hinaus bekannt waren und für solide und innovative Ingenieursarbeit standen. Die schillernde Persönlichkeit und Namensgeber der Firma war Franz Brozincevic. Der gelernte Kunstschlosser kam 1892 von Kroatien in die Schweiz und baute 1910 in Zürich seinen ersten Lastwagen «Franz», der sogleich von der Schweizerischen Post als Postfourgon für den Sammel- und Zubringerdienst eingesetzt wurde. 1916 übernahm er die Motorenfabrik Wetzikon AG und legte damit den Grundstein für die Franz Brozincevic & Cie. Wetzikon – kurz FBW.

Während 70 Jahren entstanden in den Werkhallen an der Motorenstrasse etwa 7000 Fahrzeuge – meist nach den Wünschen der Kunden massgefertigt. Der Zusammenschluss mit der Adolph Saurer AG zur Nutzfahrzeuggesellschaft Arbon & Wetzikon (NAW) läutete das Ende der Fahrzeugproduktion in Wetzikon ein. 1985 verliess der letzte Bus das Werk, und der Betrieb unter dem Namen FBW wurde eingestellt.

Auf dem Lastwagen gross geworden

Mit dem Verschwinden der von Franz Brozincevic entwickelten Fahrzeuge auf den Strassen geriet auch die Marke FBW bei der breiten Bevölkerung immer mehr in Vergessenheit. Damit diese Periode der Wetziker Ortsgeschichte nicht gänzlich aus dem kollektiven Gedächtnis gestrichen wird, gründeten 25 Gleichgesinnte 1992 den FBW-Club. 1997 beschlossen die schon fast 300 Mitglieder den Bau eines Museums, das bereits ein Jahr darauf eröffnet werden konnte.

Präsident des Clubs ist Hans Billeter. Der Männedörfler entwickelte seine Leidenschaft für die drei Buchstaben bereits in jungen Jahren. «Mein Vater hatte ein Transportunternehmen mit Lastwagen von FBW. Ich bin oft mitgefahren und quasi auf Achse aufgewachsen.» Nach einer Maurerlehre absolvierte er an der Motorenstrasse die Ausbildung zum Lastwagenmechaniker und erhielt so einen direkten Einblick in das Werk.

KONICA MINOLTA DIGITAL CAMERA
Ein Schnittmodel ermöglicht einen genauen Einblick in die Technik der Lastwagen.

«Es ist unglaublich, welche fortschrittlichen Produkte in Wetzikon hergestellt wurden», schwärmt Billeter. Möglich gemacht habe das einerseits die Tatsache, dass die Schweiz vor grossen Kriegen verschont blieb, und andererseits das Wesen von Franz Bronzicevic. «Er war ein absoluter Autodidakt, der sich alles selbst beigebracht hat und immer nach einer Möglichkeit suchte, Neues zu schaffen oder bereits Bestehendes zu verbessern.»

Für Billeter steht es ausser Frage, dass die Erinnerung an die Oberländer Fahrzeuggeschichte erhalten werden muss. Deshalb war die Erleichterung gross, als man für den Bau des Museums rasch genügend Sponsoren fand und auch das Land von der Gemeinde günstig im Baurecht erwerben konnte. «So war es uns möglich, die Halle zusätzlich mit einer Küche und einer Heizung auszurüsten, um einen ganzjährigen Betrieb zu garantieren.»

Aufwendige Restaurierungen

Jeden ersten und dritten Sonntag des Monats öffnet das Museum seine Türen für die Öffentlichkeit. Rund ein Dutzend FBW-Fahrzeuge, verschiedene Modelle, Konstruktionspläne und andere Andenken aus der FBW-Zeit sind darin zu bestaunen. «Die Gefährte gehören teils dem Club selbst, oder ein privater Besitzer stellt sie gegen eine kleine Gebühr bei uns ein und aus», sagt Billeter. So befinden sich in der grossen Ausstellungshalle derzeit unter anderem ein Fahrzeug aus dem Jahr 1968, das von der Brauerei Uster AG zur Auslieferung von Getränken genutzt wurde, ein Lastwagen mit Baujahr 1943, der als Schnittmodel einen genauen Einblick in die Technik ermöglicht, oder ein Reisewagen mit Jahrgang 1976, der auch heute noch für Ausflüge auf der Strasse unterwegs ist.

Eine alte Schwarz-Weiss-Aufnahme eines Hochlenkerbusses.
Die Position hoch oben sollte dem Buslenker beste Sicht ermöglichen – durchgesetzt hat sich der Hochlenkerbus allerdings nicht.

«Uns ist es besonders wichtig, dass unsere FBWs auch fahrtüchtig sind und immer wieder mal bewegt werden.» Dass die zum Teil fast 100-jährigen Lastwagen und Busse wieder einsatzfähig sind und den Glanz aus alten Tagen zurückerhalten, dafür sorgen die Klubmitglieder gleich selbst. Viele von ihnen haben eine Vergangenheit bei FBW und verfügen deshalb über das nötige Know-how. «Mit teils über 1000 Arbeitsstunden, die für einzelne Restaurierungen aufgewendet werden, steckt auch sehr viel Herzblut in den Wagen.»

Hilfreich bei der Instandsetzung der Oldtimer ist das umfassende Ersatzteillager, das man 1997 von der Mercedes-Benz AG überreicht bekam, nachdem für diese der Weiterbetrieb des Lagers nicht mehr rentabel war. «Der Handel mit Ersatzteilen ist ein wichtiger Pfeiler zum Erhalt unseres Vereins.» Daneben sorgen Museumseintritte und die Vermietung der Halle für Anlässe für zusätzliches Geld in der Vereinskasse.

Der Bahnwagentransporter bei einem Einsatz.
Der Bahnwagentransporter bei einem Einsatz.

Finanziell sei man gut aufgestellt für die Zukunft, meint Billeter. Was ihm mehr Sorgen bereitet, ist das Fehlen von jüngeren Mitgliedern im Verein. Deshalb sei man stets auf der Suche nach Nachwuchs, damit das Museum noch lange bestehen könne. «Wir sind auch immer bemüht, neue und spezielle Fahrzeuge zu uns zu holen, sie aufzubereiten und sie bei Fahrten der Bevölkerung zeigen zu können.» Immer mit dem Ziel, dass die Geschichte von Franz Brozincevic und der FBW bewahrt wird.

Möchten Sie weiterlesen?

Liebe Leserin, lieber Leser

Nichts ist gratis im Leben, auch nicht Qualitätsjournalismus aus der Region. Wir liefern Ihnen Tag für Tag relevante Informationen aus Ihrer Region, wir wollen Ihnen die vielen Facetten des Alltagslebens zeigen und wir versuchen, Zusammenhänge und gesellschaftliche Probleme zu beleuchten. Sie können unsere Arbeit unterstützen mit einem Kauf unserer Abos. Vielen Dank!

Ihr Michael Kaspar, Chefredaktor

Sie sind bereits Abonnent? Dann melden Sie sich hier an

Digital-Abo

Mit dem Digital-Abo profitieren Sie von vielen Vorteilen und können die Inhalte auf zueriost.ch uneingeschränkt nutzen.

Sind Sie bereits angemeldet und sehen trotzdem nicht den gesamten Artikel?

Dann lösen Sie hier ein aktuelles Abo.

Fehler gefunden?

Jetzt melden.