Nicht nur im Januar gilt «alkoholfrei» mittlerweile als normal
Alternativen ohne Kopfschmerzen
Alkoholfreies Bier oder Mocktails sind im Trend. Der Dry January trägt seinen Teil dazu bei. Aber auch ohne ihn wären alkoholfreie Getränke nicht mehr wegzudenken.
Im Januar keinen Alkohol trinken – ein besseres und gesünderes Wohlbefinden scheint garantiert. Der sogenannte Dry January wurde 2013 als Kampagne in England lanciert und hat sich auch hierzulande zum Trend etabliert, sodass das Bundesamt für Gesundheit (BAG) sogar als Hauptsponsor auf www.dryjanuary.ch auftritt.
31 Tage lang keinen Schluck Alkohol. Doch: Ist diese Kur auch von Nutzen, wenn im Februar wieder genauso viel Alkohol die Kehlen herunterfliesst wie zuvor? Fest steht: Ein Dry January erzielt zumindest kurzfristig grosse Wirkung.
So fühlen sich 69 Prozent der Teilnehmer gesünder. 58 Prozent verlieren an Gewicht. 54 Prozent haben eine schönere Haut. 67 Prozent verspüren mehr Energie, und gar 72 Prozent konsumieren daraufhin langfristig weniger Alkohol. Dazu haben 88 Prozent der Personen mehr im Geldbeutel.
Wie lange diese positiven Aspekte hinsichtlich des Verzichts anhalten, liegt auf der Hand. Die Frage ist, ob die Beteiligten nach der alkoholfreien Zeit wieder in alte Gewohnheiten fallen oder ob ihr Bewusstsein während der Abstinenz für kommende Zeiten gereift ist.
Laut dem Bundesamt für Statistik (BFS) trinken 87 Prozent der Männer Alkohol. Also leben gerade einmal 13 Prozent der Männer abstinent. Bei den Frauen trinken 79 Prozent Alkohol. Und je höher das Alter ist, desto mehr trinken die Menschen. Seit 1992 habe sich der Anteil der täglichen Konsumenten bei den Männern allerdings von 30 Prozent auf 12 Prozent verringert. Im riskanten Konsumbereich bewegen sich 4,4 Prozent. Bei den Frauen sind es 3,4 Prozent.
Unbegrenztes Angebot
Wer im Januar oder auf längere Zeit nicht ganz auf Drinks verzichten will, der könnte beispielsweise der Bar My Senses in Dübendorf einen Besuch abstatten. Dort bieten ausgebildete Barkeeper ein vielseitiges Sortiment an Mocktails (Cocktails ohne Alkohol) an. «To mock» bedeutet in der englischen Sprache so viel wie vortäuschen oder nachahmen.
Geführt wird die Bar von Spitzen-Barkeeper Oliver Brand. Er ist zugleich auch ihr Besitzer und hat jedes Detail in der Bar selbst geplant und verwirklicht. Seit seiner Jugend ist die Gastronomie seine Welt. Er hat unter anderem im Hotel Dolder Grand seine Ausbildung absolviert, als Barkeeper in der Kronenhalle Bar gearbeitet und als Leiter der ehemaligen Barschule in Zürich über 2800 Leute im Barkeeping ausgebildet. Nebenbei führt er eine Consulting-Firma und ist in der Gastronomie weit vernetzt. Auch er bestätigt: «Alkoholfrei» ist heute ein Muss.
Eine Sache des Lifestyles
Auf seiner Karte sind 22 Drinks ohne Alkohol aufgeführt. Ein klassischer Negroni zum Beispiel wird in Nogroni umbenannt. Dazu können er und seine Mitarbeiter sozusagen alles, was es mit Alkohol gibt, auch ohne Alkohol anbieten.
«Mittlerweile gibt es Gin, Cognac oder auch Whiskey ohne Alkohol», sagt Brand. Und die Nachfrage steigt. «Heutzutage leben die Leute bewusster, ernähren sich vegan oder treiben viel Sport, weshalb sich auch die Gastronomie an diesen Lifestyle angepasst hat.»
Alkoholfreies Bier beispielsweise gebe es zwar schon lange, doch wirklich geniessbar sei es erst in den letzten Jahren geworden.
Brand ist dennoch überzeugt: «Alkohol gehört zu unserer westlichen Gesellschaft und ist nicht wegzudenken.» Dennoch habe er bei seinen Gästen in den letzten Jahren einen Wandel feststellen können. Vor allem im Januar würden Stammgäste plötzlich alkoholfreie Drinks bestellen.
Besonders interessante Beobachtungen macht er bei Geschäftsleuten, die sich nach der Arbeit auf «einen» Drink treffen. «Ich habe schon erlebt, dass Gäste zunächst alkoholische Getränke bestellten und beim dritten Drink plötzlich sagten, bitte bringen sie mir dasselbe ohne Alkohol, aber niemand muss es wissen.» Ein Beweis dafür, wie sehr Alkohol in der Gesellschaft verankert ist.
Mit einem Klischee räumt er auf: «Männer trinken genauso gerne süsse Cocktails wie Frauen, und Frauen verzichten genauso wenig auf bittere Getränke wie Männer.»
Übrigens: Wer beispielsweise einen Gin ohne Alkohol trinkt, wird bemerken, dass die Flüssigkeit geschmacklich zwar mit dem herkömmlichen Gin identisch ist, aber nicht in der Kehle brennt.
Mittlerweile Standard
Nicht nur Drinks ohne Alkohol, sondern auch alkoholfreies Bier erfreut sich einer steigenden Beliebtheit. Wobei der Verzicht derzeit vielen Konsumenten aufgrund der eisigen Temperaturen etwas leichter fallen dürfte. Deswegen ist der Bedarf an Bier auch bei Grosskunden wie Gastronomiebetrieben im Januar geringer als noch in der Vorweihnachtszeit.
Was Bier generell betrifft, so vertritt als ein «Big Player» die Brauerei Uster mit ihrem Usterbräu die Bierproduktion im Oberland. Sie hat ihr regionales «Alkoholfrei» seit rund einem Jahr im Sortiment. «Die alkoholfreien Biere liegen sehr im Trend, und der Absatz steigert sich rasant», sagt Daniela Brauchli von der Brauerei Uster. Und dies gelte nicht nur für den Dry January.

Gemäss dem Schweizer Brauerei-Verband ist der Ausstoss von alkoholfreiem Bier im Braujahr 2022/2023 nämlich um 5,3 Prozent gesteigert worden, während der reguläre Biermarkt ein Minus von 2,5 Prozent hinnehmen musste.
Für die Brauerei Uster sei ein alkoholfreies Bier im Angebot enorm wichtig, um ein Gesamtangebot anbieten zu können, das seinem Namen gerecht werde. «Das ‹Alkoholfrei› ist eine tolle Ergänzung von unserem Biersortiment mit Hell, Amber, Dunkel, Weizen und IPA», sagt Brauchli.
Ein beliebter Mocktail
Purple Night (fruchtig/herb im Geschmack)
Zutaten:
1 TL Honig
1 cl Bittersirup
4 cl Holunderbeersaft
2 dl Ginger Beer
1 Zitronenschnitz (als Dekoration)